Neue Wirtschaftsformen, andere Produktionsstandorte, Digitalisierung: All dies hat auch Auswirkungen auf die Stadtgestaltung von morgen.

Was sind die Zukunftsaufgaben für eine moderne Stadtentwicklung?

Langendörfer: Auch künftig wird man darüber nachdenken müssen, welche innerstädtischen Produktionsstandorte noch sinnvoll durch den LKW-Verkehr zu erreichen sein werden und ob es nicht sinnvoll wäre, manche dieser Flächen zu innerstädtischen Quartieren weiterzuentwickeln. Diese Entwicklungen sollte man dringend vorausdenken.

Ram: Vorausdenken ist nicht das Problem. Wenn auf dem ehemaligen Vögele-Gelände innerhalb von weniger als zehn Jahren ein Bildungs-Campus entsteht, der Zukunft bringt für das Thema „Wissen der Stadt“, ist das eine gelungene Alternative. Das Glückstein-Quartier südlich des Hauptbahnhofs setzt Impulse für eine Entwicklung, die sich innerhalb von fünf bis fast 15 Jahren in der Realisierung befindet.

Neue Chancen am Mannheimer Hafen?

Ist ein Ausbau des Mannheimer Hafens ein Thema?

An der Brügge:

Der Ausbau des Mannheimer Hafens fasziniert mich als gebürtigem Hamburger ungeheuer. Ich finde, hier ergeben sich bisher ungenutzte Chancen für den Städte-, Wohnungs- und den Gewerbebau.

Langendörfer: Für mich ist das auch ein spannendes Thema. Insbesondere der Mannheimer Handelshafen bietet enormes Potential. Die einmalige Lage an
zwei Flüssen können wir wunderbar vermarkten...

Ram: Solange wir den zweitgrößten Binnenschifffahrtshafen in Deutschland haben, der erfolgreich seine Verkehrsfunktion wahrnimmt und Erträge erwirtschaftet, hat er seine Daseinsberechtigung...

Langendörfer: Da muss ich widersprechen. Die logistische Funktion des Handelshafens hat sich stark geändert, die Warenanlieferung erfolgt hauptsächlich über LKW’s.

Die intermodale Funktion des Hafens als Bindeglied zwischen Schiffs- und Straßentransport findet im Handelshafen kaum noch statt.

Odszuck: Wir reden gerade über eine Fläche, die eventuell einmal Konversionsfläche werden kann, aber heute noch in Nutzung ist. Wir haben in unserer Region über 500 ha Flächen, die nicht in Nutzung sind.

Und wieso müssen wir jetzt über Flächen reden, nur deswegen, weil sie am Wasser liegen?

Braum: Das stimmt.

Eine Fläche muss nicht am Wasser liegen, um interessant
zu sein in der Zukunft. Wichtig als Erfolgsfaktor ist etwa die Multitalentiertheit.

Wie kann ich in meiner Stadt mit kurzen Wegen arbeiten? Welches Umfeld finde ich? Genauso geht es um die Frage, wie wir künftig lernen, wie wir miteinander gesellig sein, wie wir unsere Freizeit verbringen wollen.

Am Wasser?!

Braum: Eine Fläche kann trotz schlechter Lage und Struktur gut sein, weil sie groß ist.

Es ist spannend darüber nachzudenken, wie man aus diesem Vielklang eine Stadt kreieren kann.

Deswegen haben wir uns eine Planungsphase 0 gegönnt, in der wir uns nur damit beschäftigt haben, welche Art von Faktoren zusammenspielen müssen, damit ein Ort der attraktivste im ganzen Archipel wird…

Merkmale von alten Städten in die Moderne übertragen

Gibt es Megatrends beim Thema Stadtentwicklung des 21. Jahrhunderts?

Braum: Die Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts ist nicht die Wissenschaftsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Heute kommt die handwerkliche Ausbildung viel zu kurz.

Wir müssen sehen, wie wir ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen für die Stadt von morgen begeistern.

Wir bauen die europäische Stadt der Heidelberger Altstadt neu auf, indem wir bestimmte Merkmale dieser Altstadt, Vielfalt, Milieus unterschiedlicher Art, bunte Architekturen, die aber einem Formenkanon entsprechen, berücksichtigen.

Welche Effekte hat die Digitalisierung der Wirtschaft?

An der Brügge: Das Wachstum in vielen Regionen wird im Moment begrenzt durch das Thema Mobilität. Auch das Elektroauto wird uns dabei nicht helfen.

Wenn wir am Mobilitätsproblem nicht ersticken wollen, wird das Thema der vernetzten digitalisierten Gesellschaft immer wichtiger.

Sie kann es ermöglichen, dass Unternehmensstandorte und Arbeitsplätze nicht mehr am gleichen Ort sein müssen.

Wie können wir das Problem lösen?
An der Brügge: Wir müssen uns von herkömmlichen Denkmodellen verabschieden, wenn wir die Wegekosten und die Wegezeiten irgendwie in den Griff bekommen wollen. Kurzfristig wird man um den Bau von Autostellplätzen jedoch noch nicht herumkommen.

Braum: Zeitgemäße Mobilitätskonzepte werden die „Dinosaurier“ des Hier und Jetzt ablösen. In der Wissensgesellschaft werden im Übrigen Unternehmen der Wissensökonomien vergleichbare Stadtentwicklungsimpulse setzen müssen, wie es Siemens oder Borsig Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vorgemacht haben.

Wir dürfen es nicht den technikversessenen Nerds überlassen das Bild der Stadt von morgen zu bestimmen.

Odszuck: Wichtig ist die banale Erkenntnis, dass wir mögliche Veränderungen nur abschätzen können. Aber trotzdem heute mit größtmöglicher Flexibilität Dinge festlegen müssen. Das ist ein Widerspruch.

Zehn Jahre Planung sind in schnelllebigen Zeiten nicht mehr möglich

Odszuck:

Irgendwann muss man mal den Spaten in den Boden stechen.

Wie bleiben mir trotzdem hinterher möglichst große Spielräume übrig? Wichtig ist, dass wir von diesen linearen Planungsprozessen wegkommen müssen. In unserer schnelllebigen Zeit können wir uns zehn Jahre Planung nicht mehr leisten. Wie kann es dann gehen?

Odszuck: Der bekannte zeitgenössische Städtebauer Christiansen hat den Begriff des Simultanschachs geprägt. Das heißt die Gleichzeitigkeit, auf verschiedenen Brettern zu spielen. An der einen Stelle setzen wir eine Entwicklung in Gang und bauen einfach mal ein Haus. Auf dem anderen Brett macht man vielleicht eine sorgfältige Planung, auf dem dritten veranstaltet man einen Wettbewerb, und auf dem vierten versucht man eine Entwicklung in Gang zu setzen. Die Frage ist: Was muss ich als Stadt vorbereiten, damit das
möglich ist?

Nicht nur das Planen, auch das Bauen wird immer komplexer…

Langendörfer: Wir versuchen diese Komplexität dadurch in den Griff zu bekommen, dass wir Leistungen integrieren. Das gilt für Planung, Architektur, Haustechnik - bis hin zum FM, um dann die Prozesse zu zentralisieren und zu parallelisieren.
Wo sind Ihre großen Zukunftsaufgaben, Herr An der Brügge?

An der Brügge: Eine Aufgabe ist die Entwicklung, Optimierung, Ausdehnung unseres eigenen Anlagevermögens und des Mietwohnungsbestandes in und um Mannheim. Wir bedienen gezielt gerade in kleineren Gemeinden der Region diese Bedarfe. Bis hin zum sozialen Management in enger Vernetzung mit den Kommunen. Wir räumen den Kommunen teilweise sogar Belegungsrechte ein. Wir werden als Projektentwickler und Bauträger in der Region aktiv sein, auch mit Partnern zusammen.

Werden Sie das Geschäft erweitern?

An der Brügge: Ja. Das wollen wir ausdehnen. Und wir wollen Investoren für die Region gewinnen, denen wir den kompletten Service bieten können. Um das zu erreichen greifen wir auf breite Kompetenzen in unseren Immobilienmanagement-Gesellschaften zurück. Mit diesen Dienstleistungen sind wir ein profilierter Partner für Investoren.

Frau Ram, wo liegen die großen Chancen der Region?

Ram: Speziell für den Standort Mannheim liegen die Stärken in der jetzigen Zusammensetzung von Wirtschaft, Arbeiten und Wohnen und den Potenzialen, die heute für die Zukunft zur Verfügung stehen. Diese gilt es, geschickt zu nutzen. Und sich auch international zu positionieren.

Meiner Ansicht nach ist die Metropolregion Rhein-Neckar eine der schönsten Regionen, die es gibt, mit starken Standorten, deren Potenziale aufzuzeigen sind.

Wie geht es weiter mit der Metropolregion Rhein-Neckar? Die wichtigsten Statements der Podiumsdiskussion finden Sie hier im Video.

Schlagworte zum Thema:  Konversion, Stadtentwicklung