"Cloud for Real Estate": Obwohl C4RE ein cloudbasiertes Produkt ist, bleibt das Vertragsmanagement bodenständig Bild: Corbis

Mit der "Cloud for Real Estate" bringt SAP eine plattformgestützte und standardisierte Immobilienlösung auf den Markt. Im Oktober erhielt das SAP-Entwicklungsteam den Red Dot Award für das User Interface Design. Hat diese das Zeug zum neuen Marktstandard – zumindest im gewerblichen Bereich?

Tobias Decker, Head of Line of Business Real Estate der SAP, hatte die neue Plattform – kurz C4RE – in der Eröffnungs-Keynote der eigenen Kundenkonferenz Sapphire in Orlando platziert. Ein nicht zu verachtender Coup für das Real Estate Management Team. Denn bislang spielte Real Estate nicht die erste Geige im großen Lösungsportfolio der Walldorfer.

Technologischer und personeller Generationswechsel bei SAP

Dabei ist es erst ein Jahr her, dass C4RE auf dem SAP-Forum für die Immobilienwirtschaft offiziell angekündigt wurde. Seither hat sich sowohl beim Produkt als auch hinter den Kulissen des Softwareriesen einiges getan.

Mit C4RE kommt nicht einfach ein neues Produkt für das Immobilienmanagement auf den Markt.

Es ist ein deutliches Zeichen für einen technologischen und personellen Generationswechsel bei SAP. SAP REFX (Flexibles Immobilienmanagement) wurde seit 2002 überwiegend in Walldorf entwickelt und gewartet. C4RE dagegen ist die Startup-like entwickelte Software aus Potsdam. Dort wird im hauseigenen Innovation Center agil mit neuen Technologien experimentiert. Die Real-Estate-Lösung wandelt sich somit zur cloud-basierten und standardisierten Software.

Dagegen befindet sich RE-FX bloß noch im Wartungsmodus – von den IFRS16-Erweiterungen abgesehen. Doch für Bestandskunden wird RE-FX wohl auch nach dem notwendigen Wechsel auf S/4 HANA bis 2024 das favorisierte Modul bleiben. Für SAP-Interessenten dagegen ist nun nach dem Real Estate Cockpit mit C4RE bereits die zweite Innovation im Real Estate Management innerhalb eines Jahres verfügbar.

Neue Marketingwege und Kooperationen folgen

Im Zuge dieser Entwicklung werden auch neue Marketingwege beschritten. Dazu zählt die Kooperation mit dem Zentralen Immobilien Ausschuss (ZIA). Seit Juni 2017 hat Dr. Tanja Rückert, President IoT & Digital Supply Chain bei SAP, den Vorsitz im Digitalisierungs-Ausschuss inne. Das SAP Real Estate Team wird auch häufiger als bisher etwa auf COREnet-Veranstaltungen gesichtet. Das tut auch Not.

Die Positionierung der C4RE muss für die einzelnen Kundensegmente noch genauer erläutert werden.

Zusammenfassend gesagt war bisher RE-FX das Kernmodul. Die Kundenansprache von SAP reichte von der Wohnungswirtschaft über Commercial Real Estate bis zu Property Managern. Daher stand vielen Kongressbesuchern auf dem diesjährigen SAP-Forum in Düsseldorf die Enttäuschung förmlich ins Gesicht geschrieben, denn sie hatten ein runderneuertes, internetbasiertes REFX erwartet.

Doch C4RE ist keineswegs als Add-on zu RE FX konzipiert. Es visiert eine komplett neue Zielgruppe an.

SAP will den bisher eher nebenbei erschlossenen Markt der Corporates intensiver beackern.

Dafür muss das Unternehmen auch Kunden ohne umfangreiches SAP-ERP-System für sich gewinnen. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, ob sich aus diesem Ansatz ein neuer Softwarestandard für das Corporate Real Estate Management herausbilden kann.

IWMS oder CAFM: Konkurrenz ist groß

Dafür hat man sich einen im doppelten Sinne schwierigen Markt ausgesucht. Erstens investieren gerade die Corporates oftmals nicht übermäßig viel in IT-Technologie zur Verwaltung ihrer Gebäude. Diese sind ja nicht ihr Kerngeschäft.

Zweitens steht genau diese Kundengruppe im Fokus von weiteren etablierten Softwareherstellern im Bereich IWMS (Integrated Workplace Management System) oder CAFM (Computer Aided Facility Management). Planon, Yardi, Speedikon und viele Firmen mehr sind in diesem Segment namhafte Konkurrenten. Sie wollen in den großen Immobilienbeständen der Corporates mit günstigeren Lizenzen, Grafik- und Sensorintegration punkten.

Darüber hinaus heizen die Innovationen diverser PropTechs aus dem In- und Ausland die Konkurrenzsituation weiter an.

C4RE: Attribute für Stammdatenmanagement vorhanden

Noch befindet sich C4RE am Anfang seines Lebenszyklus. Derzeit wirken die vor kurzem für Kunden freigegebenen Funktionen "Location und Contract Management" auf den ersten Blick dürftig. Dies gilt besonders, wenn man die Vielzahl der möglichen Attribute in RE-FX-Transaktionen vor Augen hat. Auf den zweiten Blick stellt man jedoch fest, dass alle wichtigen Attribute für ein ordentliches Stammdatenmanagement bereits vorhanden sind.

Wer sich auf Marktstandards wie den voreingestellten International Property Measurement Standard (IPMS) einlässt, bekommt Benchmarking-Möglichkeiten zukünftig frei Haus mitgeliefert. Zum Kostencontrolling können die Werte verschiedener Kontierungsobjekte aus SAP, etwa die in der Industrie beliebte Gebäudekostenstelle, importiert werden. Diese kann bislang nur direkt im Objekt angezeigt werden. Komplexe Reportingfunktionen sind derzeit nicht verfügbar.

Für international operierende Corporates ist insbesondere die grafische Navigation auf einer Weltkarte sehr komfortabel. Bis hinunter zum einzelnen Arbeitsplatz und dessen Belegung soll der Anwender sich zukünftig im System bewegen können. Derzeit ist allerdings nur der Weg bis zum Raum freigegeben. Die notwendige App für das Workplace Management ist noch in einem Prototyp-Stadium.

Vertragsmanagement bleibt bodenständig

Obwohl C4RE ein cloudbasiertes Produkt ist, bleibt etwa das Vertragsmanagement weiterhin bodenständig. RE-FX wird über Apps auf Basis des User-Interface-Standards FIORI unsichtbar im Hintergrund abgerufen. Somit verbleiben zwar die Stammdaten in der Wolke, doch das SAP ERP liefert dann weiterhin die notwendigen Grundlagen, um Verträge zu verwalten.

SAP hat für die aktuellste Neuentwicklung den Weg gewählt, das komplexe ERP in einzelne Apps zu zerlegen.

Diese werden dann transaktionsweise zusammengefügt. Das ist für den Anwender elegant. Doch die Zukunftsfähigkeit dieses Ansatzes wird sich über eine strikte Einhaltung der Designrichtlinien definieren. Anderenfalls droht der bereits im aktuellen ERP-System kritisierte Wildwuchs an unterschiedlichen Benutzerführungen weiter zuzunehmen.

Produktweiterentwicklung: Partner-Lösungen gefragt

Um C4RE richtig einschätzen zu können, muss neben der Marktpositionierung und dem derzeitigen Leistungsumfang auch die Produktweiterentwicklung genau betrachtet werden. An dieser Stelle spielt der Softwarekonzern neben der Integrationskarte auch die Möglichkeiten von Partnerschaften geschickt aus.

C4RE soll der Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Erweiterungen durch Partner-Lösungen werden. So sollen nicht nur alphanumerische Daten angezeigt, sondern mit der Navvis-Indoor-Digitalisierung durch das Gebäude gewandert, grafische 3D-Modelle mit Visual Enterprise dargestellt und mit künstlicher Intelligenz von Leverton gelesene Verträge integriert werden.

Mit der erweiterten Offenheit gegenüber Drittanbietern könnte C4RE zur Plattform für die Integration unterschiedlichster gebäuderelevanter Systemdienste werden.

Die geplante Integration der C4RE mit der im Aufbau befindlichen SAP-eigenen IoT-Plattform Leonardo wird zukünftig den Umgang mit Sensoren in den Gebäuden ermöglichen. Hier haben die erwähnten Marktteilnehmer im CAFM- und IWMS-Umfeld schon teilweise umfassende Lösungen im Angebot.

Preismodell: Gezahlt wird etwa pro App

Auf mittlere Sicht wird sich der Vorsprung durch die gut laufende Entwicklungsmaschinerie der SAP deutlich verringern. Die SAP-Cloudprodukte, wie Cloud4Analytics, Ariba Network und Cloud-4Customers, und die anderer Anbieter orchestriert der hauseigene HANA Cloud Connector und verbindet C4RE bei Bedarf mit weiteren SAP-ERP-Installationen.

Dies wird vor allem mittelständische Unternehmen und Großkonzerne mit unterschiedlich ausgeprägten nationalen SAP-Instanzen freuen. Mit C4RE liefert SAP entsprechende Konnektoren zum Auslesen der Finanzdaten gleich mit. C4RE gibt es allerdings nicht im gewohnten On-Premise-Modell.

SAP kann also nicht mehr im eigenen Unternehmen oder als Private Cloud bei einem selbst ausgewählten IT-Dienstleister gehostet werden.

Das neue SAP-Abonnement-Modell wird für Kunden zu einer spürbaren Umstellung werden. Gezahlt wird etwa pro App. Dieses Preismodell wird sich je nach Anzahl der genutzten Anwendungsbereiche, der Nutzer und verwalteten Gebäude unterschiedlich stark auf den Geldbeutel der Anwender auswirken. Das Lizenzmanagement wird für Kunden also noch deutlich komplexer.

SAP-Immobilien-Universum: Veränderungen im Partnersystem

Es verändert sich derzeit also einiges funktional im nun auch konzernintern aufgewerteten SAP-Immobilien-Universum. Dieses ist bislang stark auch von externen Partnern geprägt. Daher stellt sich mit der Umstellung auf die Cloud auch die Frage nach möglichen Veränderungen in dem mit SAP RE-FX gewachsenen Dienstleisterumfeld.

Anstatt beratungsintensiver Implementierungsprojekte in SAP-typischen Vorgehensmodellen steht nun eine schnell verfügbare, aber wenig konfigurierbare Software aus der Steckdose im SAP-Marktplatz zur Verfügung. Das verringert den IT-Beratungsbedarf und das Umsatzpotenzial der Partner merklich. Durch die automatischen Software-Upgrades ist auch kein langfristiges Application-Management-Geschäft zu erwarten.

Gefragt sind eher wieder Berater mit Fach- und Change-Management-Kompetenz.

Denn auch zukünftig werden Controlling- und Vertragsmanagement-Konzepte benötigt. Nur müssen diese Berater es schaffen, den Kunden noch mehr als bisher an den vom System vorgegebenen Standard anzupassen.

Auch bei SAP REFX war der avisierte Markt die ersten Jahre gegenüber den vorgegebenen Prozessen skeptisch. Doch die Anzahl der Installationen zeigt im Nachhinein, dass diese zu einem De-facto-Standard geworden sind.

Softwarestandard für Corporate Real Estate Management

Sollte dem Entwicklerteam nicht die gute Laune aufgrund der noch zu erwartenden harten Diskussionen über den angebotenen Funktions- und Leistungsumfang ausgehen, dann hat C4RE gute Chancen, den Softwarestandard für Corporate Real Estate Management zu setzen.

Und damit rückt auch die im Immobilienmarkt verbreitete Vision des Digital Twins, also des digitalen Abbilds eines Gebäudes und des erleichterten Benchmarkings von Immobilienkosten in diesem Marktsegment näher.

Schlagworte zum Thema:  Digitalisierung

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