Die britische Regierung hat offiziell den Beschluss zum Austritt aus der EU verkündet. Bei einem "harten Brexit" ohne Übergangsregelungen befürchtet Bundesbankvorstand Joachim Würmeling ein Regulierungs-Wirrwarr auf den Finanzmärkten Europas. Die Auswirkungen für die kontinentaleuropäischen Immobilienmärkte sind vielversprechender: Frankfurter Makler sind bereits auf der Suche nach Büroimmobilien, vor allem für umzugswillige Banker.

Wie eine Umfrage des Handelsblatts unter den großen Immobilienvermittlern zeigt, gibt es tatsächlich Umzugspläne.

Dass die britische Premierministerin Theresa May auf den Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt verzichten will, könnte außerdem zur Folge haben, dass Finanzprodukte nicht mehr über den Ärmelkanal hinweg ausgetauscht werden. "Das könnte zu Spannungen hinsichtlich der Funktionsfähigkeit der Märkte führen", warnte Würmeling in der Süddeutschen Zeitung.

Im schlimmsten Fall würde der Ausstieg Großbritanniens aus der EU zu einer Aufweichung der internationalen Finanzmarktregeln führen. "Sollten die Brexit-Gespräche nicht konstruktiv verlaufen, könnten die Briten in Versuchung geraten, die Standards massiv zu lockern, so dass ein Wettbewerbsvorteil für London entsteht", so Würmeling.

Bayern sieht Geschäfte gefährdet

Der Bayerische Industrie- und Handelskammertag (BIHK) erwartet deutlich schlechtere Geschäfte bayerischer Firmen mit Großbritannien.

"Die Geschäftsperspektiven für Großbritannien sind in den vergangenen Monaten bereits in den Keller gerauscht", sagte BIHK-Präsident Eberhard Sasse.

Sasse bezieht sich auf eine Umfrage des BIHK: Die Geschäftserwartungen bayerischer Unternehmen in Großbritannien haben demnach einen Negativrekord von minus 35 Punkten erreicht, während die Unternehmen die Geschäftsaussichten innerhalb der Eurozone mit plus 20 Punkten bewerten.

Experten sind uneins, wer am meisten vom Brexit profitieren wird

Das Investmentbankgeschäft wird laut Aykut Bußian, Leiter Fund Solutions, Baker Tilly Roelfs, die Auswirkungen des britischen EU-Austritts am deutlichsten zu spüren bekommen. Hier stehen die meisten Geschäftsverlagerungen von London in den Euro-Raum an.

"Wir sehen dabei Dublin als Standort ohne Sprachbarriere und mit vergleichbarem Rechtsystem ganz vorne", sagt Bußian.

Das Fondsgeschäft sei dabei nicht in gleichem Maße tangiert wie das Investmentbankgeschäft, da hier das operative Geschäft im Vereinigten Königreich weiter betrieben werden könne. Als Alternativen zu UK sieht Baker Tilly Roelfs in diesem Fall Irland, Luxemburg und Belgien.

Click to tweet

Berlin sei in den vergangenen Jahren hinter London als Startup-Hauptstadt zurückgefallen, so Jungk weiter, das könnte sich jetzt wenden. Was die Banken angeht, ist man bei Wüest Partner Deutschland unsicher, ob es zur allgemeinen Frankfurt-Euphorie kommen wird.

"Meines Erachtens ist es noch nicht ausgemacht, dass Frankfurt der große Profiteur des Brexit sein wird", so Jungk.

Paris oder Dublin sieht er eher ganz vorne. Sicher sei auch, dass nicht nur eine einzige Stadt alle aus London abwandernden Banken auf sich vereinen können werde.

Nach anderer Ansicht mehren sich die Hinweise, dass Banken künftig tatsächlich mehr Mitarbeiter nach Frankfurt schicken. "Es gibt erste klare Gesuche insbesondere von US-Investmentbanken für Flächen", sagte Jürgen Fenk, Immobilienvorstand der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), dem Handelsblatt.

Dass der Brexit unter anderem positive Auswirkungen auf Polen haben wird, glaubt Nicholas Brinckmann, Geschäftsführer Hansainvest Real Assets.

So sei bereits die Verlagerung von Arbeitsplätzen amerikanischer Großbanken nach Polen angekündigt worden. Polen könnte als Backoffice-Standort weiteres Potenzial bieten.

Teile der Investmentbranche aus London könnten mittelfristig auf die EU-Finanzplätze Dublin, Paris, Luxemburg oder Frankfurt am Main abwandern, glaubt Dr. Esfandiar Khorrami, Rechtsanwalt und Partner bei Bottermann Khorrami LLP. "Dabei hat sicherlich Dublin Vorteile", so Khorrami. Zwischen Irland und England gebe es keine Sprachbarrieren, die Rechtssysteme seien sich ähnlich und zudem biete Irland größere Steuervorteile als Deutschland oder Frankreich.

BNPPRE: Yield-Compression bei Büroimmobilien dürfte sich fortsetzen

Die moderate konjunkturelle Erholung in Europa erweist sich laut einer Analyse von BNP Paribas Real Estate (BNPPRE) trotz vereinzelter Schocks als widerstandsfähig. Für Großbritannien geht der Immobilienberater 2017 von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Das Wachstum in der Eurozone 2017 dürfte den Prognosen zufolge bei knapp 1,6 Prozent liegen, nach 1,7 Prozent im Vorjahr. Für den Rückgang sind laut BNPPRE unter anderem die Brexit-Verhandlungen verantwortlich.

BNPPRE geht davon aus, dass es in einigen Städten zu einem weiteren Renditerückgang kommen wird, "insbesondere in Kontinentaleuropa”, sagt Samuel Duah, Head of Real Estate Economics bei BNP Paribas Real Estate. „Neben einer verhältnismäßig robusten Verfassung der meisten Mietmärkte sind in vielen europäischen Städten auch steigende Total Returns absehbar, bedingt durch eine positive Entwicklung der Kapitalwerte”, ergänzt Richard Malle, Global Head of Research bei BNPPRE.

Für Büroimmobilien in London erwartet BNP Paribas Real Estate aufgrund rückläufiger Kapitalwerte negative Total Returns im Jahr 2017 (minus fünf Prozent). Aufgrund der rückläufigen Renditen und steigenden Mieten werden sich demnach die Total Returns in den meisten deutschen Städten aller Voraussicht nach stabil entwickeln, allen voran in Berlin mit zwölf Prozent.

Schlagworte zum Thema:  Bundesbank, Brexit