28.06.2016 | Brexit

UK-Referendum: Immobilien-Performance gerät unter Druck

Brexit: Die langfristigen Folgen für den deutschen Immobilienmarkt sind noch nicht absehbar
Bild: Lupo ⁄

Großbritannien hat sich entschieden, die Europäische Union zu verlassen. Was das für die Immobilienbranche bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander. Gibt es mehr Nachfrage nach deutschen Immobilien? Sinken die Renditen? Wird der Finanzstandort Frankfurt gestärkt? Oder ist der dort sowieso angespannte Wohnungsmarkt dann komplett überlastet?

"Der Austritt Großbritanniens stellt den deutschen Immobilienmarkt vor eine große Herausforderung“, sagt ZIA-Präsident Dr. Andreas Mattner. Die Folgen seien allerdings noch nicht kalkulierbar. Die deutsche Wirtschaft müsse sich nun schnell auf die neue Situation einstellen. „Dieses Ergebnis wird eine Periode politischer, wirtschaftlicher und finanzieller Unsicherheit schaffen und alle diese Faktoren können wahrscheinlich dafür sorgen, dass sich die Aktivitäten auf dem Immobilienmarkt allenfalls moderat entwickeln. Dabei sollten wir auf keinen Fall vergessen, dass Großbritannien ein bedeutender Immobilienmarkt ist, der eine hohe Attraktivität auf das internationale Kapital ausübt und eine starke Position in der globalen Wirtschaft hat“, sagt Tony Horrell, UK CEO bei Colliers International.

Der Blick geht nach Deutschland

Nach Einschätzung von Dr. Frank Pörschke, CEO JLL Germany, gehen mit den unsicheren Zeiten gleichzeitig aber auch Chancen einher. "Als Folge des Brexit werden die Marktakteure ihren Blick möglicherweise verstärkt auf Deutschland als wirtschaftlich stärkste Nation in Europa richten. Auch Frankfurt als kontinentaleuropäisches Finanzzentrum und Standort der Europäischen Zentralbank könnte noch stärker als bisher in den Fokus rücken.“ Martin Steininger, Chefvolkswirt bei Bulwiengesa, meint, dass bis zu einem Verhandlungsergebnis aus Brüssel der Status Quo zu einem Aufschieben von Unternehmensentscheidungen führen wird. Erst danach würden Alterrnativpläne von Unternehmen – auch für den Immobilienmarkt – relevant: Der Rosenkrieg bei Trennung und Scheidung müsse jedoch nicht immer die Ultima Ratio einer bisherigen Partnerschaft sein, so Steininger.

IVD bedauert Votum sehr

Der Immobilienverband IVD bedauert das Brexit-Votum sehr. Durch das nun strukturell schwächere britische Pfund würden britische Immobilien für ausländische Investoren erschwinglicher, für britische Investoren wiederum habe sich der deutsche Immobilienmarkt verteuert, sagt IVD-Präsident Jürgen Michael Schick. „Dennoch ist mit einer noch höheren Nachfrage auf dem deutschen Immobilienmarkt zu rechnen, der als sicherer Hafen weiter an Bedeutung gewinnen wird. Als wirtschaftliche Lokomotive Europas wird Deutschland ein noch attraktiverer Standort für internationale Immobilieninvestoren werden", so Schick.

Verstärkte Nachfrage nach Immobilien

Carsten Schlabritz, CEO des Immobilienportals Immowelt, geht ebenfalls von einer verstärkten Nachfrage nach Immobilien aus. „Der Brexit führt zu Unsicherheiten auf den Finanzmärkten, die Auswirkungen sind bereits zu spüren. Anleger suchen nach krisensicheren Anlagen, wodurch der anhaltende Immobilienboom weiter verstärkt wird“, erklärt er. Davon könnten vor allem die B-Standorte profitieren, weil sie verstärkt in den Fokus der Anleger rückten. Das sei jedoch nur bedingt positiv, meint Dr. Wulff Aengevelt von der Aengevelt Immobilien GmbH. Denn die Folge seien - bei zu knapper marktgerechter Objektverfügbarkeit insbesondere in den „Big Seven“ - noch weiter steigende Kaufpreismultiplikatoren. Dabei lägen die Spitzenrenditen für Büro-/Geschäftshäuser und qualifizierte Wohninvestments bereits heute in den Metropolen oftmals unter vier Prozent.

Dublin der große Gewinner? London der Verlierer?

Auch nach Ansicht der Berliner Kanzlei Bottermann Khorrami ist der Brexit zumindest für die deutsche Immobilienwirtschaft kein Schreckensszenario. Mehr Nachteile dürften sich für den britischen Immobilienmarkt ergeben – insbesondere für London. Dieser Markt sei stark von der Finanz- und Investmentbranche geprägt. Ein Teil des Erfolgs des Finanzplatzes London sei schließlich darauf zurückzuführen, dass er Teil der EU war, so Rechtsanwalt Dr. Esfandiar Khorrami. Mit dem Ergebnis der UK-Referendums dürfte nun ein bestimmtes Quantum an Nachfrage auf dem Londoner Immobilienmarkt wegfallen. Teile der Investmentbranche würden laut Khorrami dann wohl auf die EU-Finanzplätze Dublin, Paris, Luxemburg oder Frankfurt am Main abwandern. "Dublin dürfte dabei klar die Nase vorne haben", meint Khorrami.

Auswirkungen auf Finanzstandort Frankfurt

Unklar ist auch, wie sich der Brexit auf den Finanzstandort Frankfurt auswirken wird. Teile der Investmentbranche werden wohl auf die EU-Finanzplätze abwandern, nach Dublin, Paris, Luxemburg und auch nach Frankfurt am Main. Das würde die ohnehin schon angespannte Situation auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt weiter zuspitzen. Mit rund 13 Euro pro Quadratmeter liegen die Mieten in Frankfurt im Median noch deutlich unter den Mieten in München (16,10 Euro), sagt Immowelt-CEO Carsten Schlabritz. Zusätzlicher Zuzug würde die Preise in Frankfurt weiter in die Höhe treiben: „Um dem entgegenzusteuern, müsste in kurzer Zeit neuer Wohnraum geschaffen werden.“ Bulwiengesa-Chefvolkswirt Martin Steininger ist jedoch überzeugt: „Bei Aussagen hinsichtlich der Größe dieses Effekts sollte man sehr vorsichtig sein. Die City of London wird weiterhin eine der bedeutendsten Finanzmetropolen Europas bleiben. Zudem können positive Effekte von Verlagerungen von der weiter notwendigen Konsolidierung innerhalb der Bankenbranche überlagert werden.“

Die Folgen für den Wohnimmobilienmarkt

Der Berliner Wohnimmobilienmarkt werde vom Brexit unmittelbar profitieren, insbesondere im Segment der bei internationalen Investoren sehr gefragten hochwertige Eigentumswohnungen ab 4.000 Euro pro Quadratmeter, sagt Alexander Harnisch, Geschäftsführer des Berliner Projektentwicklers Diamona & Harnisch. Damit eröffne sich für Berlin eine große Chance, neben Paris zu einer festen Größe im globalen Immobilieninvestmentmarkt zu werden. Die Angst, dass durch die größere Nachfrage auch in Berlin „Geisterviertel“ entstehen könnten, sei bisher völlig unberechtigt. In London sind in einigen Nobelvierteln Gegenden entstanden, in denen Wohnungen spekulativ erworben werden und dann leer stehen.  

Gar keine unmittelbaren Folgen des Brexit für den deutschen Wohnimmobilienmarkt erwartet Thomas Meyer, Vorstandsvorsitzender der Wertgrund Immobilien AG: "Kurzfristig sehen wir keine größeren Auswirkungen des Brexit auf den deutschen Wohnimmobilienmarkt. Die Nachfrage nach Wohnraum wird in den wachsenden Metropolen stabil bleiben. Es ist auch eher unwahrscheinlich, dass britische Investoren ihr Kapital aus Deutschland abziehen werden. Vielmehr sind die bereits getätigten Investments in Deutschland wertvoll als ein Element der Portfolio- und Währungsdiversifikation. Langfristig gesehen könnten aber eventuelle weitere Austritte aus der Europäischen Union Risiken für den deutschen Wohnimmobilienmarkt mit sich bringen."

Preisanpassungen bei Gewerbeimmobilien

Für den Gewerbeimmobilienmarkt geht Walter Boettcher, Chief Economist und Director of Research & Forecasting bei Colliers International, davon aus, dass die neuen Unsicherheiten spätzyklische Risiken bei Gewerbeimmobilien verstärken könnten. Es werde gewisse Preisanpassungen sowohl bei Core- wie auch bei Non-Core-Immobilien geben. „Hier wird es wiederum einen Dominoeffekt bei einigen Investoren geben, die zunächst abwarten wollen. Auch der Arbeitsmarkt wird sich verlangsamen, weil Unternehmen zunächst schauen werden, wie sich die Austrittsentscheidung auswirkt“, so Boettcher.

Wie reagiert Berlin auf den Brexit?

Wolfgang Schäuble meint, die Eurozone sei auf alle Szenarien vorbereitet: Die Finanzmärkte dürften sich dem Minister zufolge absehbar beruhigen. Deutsche Unternehmen müssten sich aber in den nächsten Monaten und Jahren auf neue Barrieren mit einem ihrer wichtigsten Handelspartner vorbereiten.

Laut Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse sich London darauf einstellen, an Verhandlungen, die die EU-Staaten derzeit führten, nicht mehr beteiligt zu werden. Großbritannien werde als Drittstaat behandelt.

Lesen Sie auch:

Brexit: Unsicherheit sorgt für maue Nachfrage nach britischen Gewerbeimmobilien

Szenario Brexit: 73 Prozent der Anleger stellen Investitionen in UK in Frage

EU-Austritt

Welche Auswirkungen wird der Brexit auf den deutschen Immobilienmarkt haben?

Die Unsicherheit, was der EU-Austritt Großbritanniens bedeutet, ist groß. Was meinen Sie?
Zur Umfrage

Schlagworte zum Thema:  Großbritannien, EU, Immobilienmarkt, Brexit

Aktuell

Meistgelesen