Häuser aus dem 3D-Drucker gibt es schon länger. Doch bisher waren sie mehr konzeptionell und nicht bewohnbar. Das hat sich geändert. Die Technologie hat sich rasant entwickelt. Wie der aktuelle Stand ist, welche Möglichkeiten der 3D-Druck bietet und wo wir noch hin könnten, erklärt unser Experte Viktor Weber im 15. Teil unserer Serie Real Estate Innovation Glossar. Sicher ist: Der 3D-Druck wird die Immobilienbranche nachhaltig verändern.

Im Jahr 2016 erschien eine Welle von Artikeln in der englischsprachigen Fachpresse für Technologie, die den Interessenverfall für den 3D-Druck thematisierten. Manche Publikationen konkludierten gar, dass die Technologie tot sei (Brewster, S., 2016, "Whatever happened to 3D printing?", TechCrunch).

Für Innovationskritiker, die bereits eine neue Hype- und Blasenbildung sahen, war das eine Bestätigung. Dabei ging es den Technologie-Experten bei ihrer Kritik gar nicht um den 3D-Druck allgemein, sondern lediglich um 3D-Drucker aus dem niedrig- bis mittelpreisigen Segment für Endverbraucher. Und diese konnten oftmals tatsächlich nicht mehr drucken als nur eine Figur oder geometrische Formen (Brandon, J., 2016, "4 important lessons you can learn now that 3D printing is dying", Inc.).

Kurz darauf kamen auch schon Erfolgsmeldungen aus der Bauwirtschaft: So wurde etwa Anfang 2017 die erste "gedruckte Brücke" für Fußgänger in der spanischen Hauptstadt Madrid eingeweiht; und in Russland hat das Startup Apis Cor ein bewohnbares Wohnhaus innerhalb von 24 Stunden aus dem 3D-Drucker gelassen (Murphy, M., 2017, "A San Francisco startup is 3D-printing entire houses in just one day", Quartz; Unbekannt, 2017, "Large Scale 3D Printing", IAAC).

Es sieht also nicht danach aus, als wäre diese Technologie am Ende. Vielmehr scheint die Technologie die Spitze der "Hype-Kurve" überwunden zu haben und befindet sich nun in einer abgekühlten Reifephase. Ein Blick aus immobilienwirtschaftlicher Sicht lohnt sich.

Was ist 3D-Druck?

Repräsentativ für viele Definitionen steht diese:

"3D-Drucker erlauben das 'Ausdrucken' von Gegenständen aller Art. Es wird Schicht um Schicht aufgetragen und getrocknet, geklebt oder geschmolzen. Die Drucker erlauben zum einen die private Herstellung von Objekten aller Art, zum anderen – dies ist vor allem für Unternehmen relevant – die Just-in-time-Produktion von einzelnen Werkzeugen und Geräteteilen oder die Massenproduktion vor Ort."

– Bendel, O. (N.D.), "3D-Drucker", Gabler Wirtschaftslexikon) –

Allerdings ist diese Definition nicht mehr ganz zeitgemäß, da sie den 3D-Druck auf das Verschmelzen von 2D-Schichten reduziert und dies beispielsweise durch neue Verfahren, wie CLIP (Continuous liquid interface  production), novelliert wird (Tumbleston, J.; Shirvanyants, D.; Ermoshkin, N.; Janusziewicz, R.; Johnson, A.; Kelly, D.; Chen, K.; Pinschmidt, R.; Rolland, J.; Ermoshkin, A.; Samulski, E. & DeSimone, J., 2015, "Continuous liquid interface production of 3D objects", Science, 347 (6228), S. 1349 – 1352).

Falls Sie sich von der Technologie einen Eindruck verschaffen wollen, dann empfehle ich, den TED Talk von Joseph DeSimone bezüglich CLIP anzusehen.

Stand der Forschung

Die Firma Carbon, die CLIP entwickelte, hat in diesem Jahr neue, industrielle 3D-Drucker vorgestellt, die signifikant schneller arbeiten als konventionelle 3D-Drucker, was das Potenzial der Technologie auf ein gänzlich anderes Niveau hebt (N.A., 2017, "Carbon releases SpeedCell 3D printing system for industrial scale additive manufacturing", 3DERs).

Auch wurde kürzlich ein neuartiges Druckverfahren von Forschern des MIT (Massachusetts Institute of Technology) vorgestellt, das ebenfalls die Geschwindigkeit und Stabilität erhöhen soll. Dies soll durch das Drucken innerhalb einer Gel-Lösung ermöglicht werden (Liszewski, A., 2017, "A New Approach to 3D Printing Removes the Limitations of Gravity", Gizmodo). 

Ende 2016 wurde der 3D-Druck in der regenerativen Medizin genutzt, indem menschliche Haut synthetisiert wurde (Cubo, N.; Garcia, M.; Canizo, J.; Velasco, D. & Jorcano, J., 2016, "3D bioprinting of functional human skin: production and in vivo analysis", Biofabrication, 9 (1), S. 1 ff). Und im Bereich 3D-Biodruck  werden Durchbrüche erwartet, die es ermöglichen sollen, komplette Organe künstlich herzustellen (Condliffe, J., 2017, "3D Printed Skin Leads the way towards artifical organs", MIT Technology Review).

Im April 2017 wurden erstmals industrielle 3D-Drucker vorgestellt, die eine kostengünstige, schnelle Massenproduktion von Kleingütern ermöglichen sollen. Hier könnte tatsächlich das Disruptionspotenzial bezüglich der industriellen Fertigung entfaltet werden (Rotman, D., 2017, "The 3-D Printer That Could Finally Change Manufacturing", MIT Technology Review). Außerdem wurden neue Verfahren vorgestellt, die Hologramme als Modelle des zu druckenden Gegenstands nutzen, was schlussendlich zu einer signifikanten Beschleunigung des Druckprozesses führte (Condliffe, J., 2017, "This Super Fast 3D Printer Is Powered by Holograms", MIT Technology Review).

Auswirkungen auf die Immobilienbranche

Skalierbare Druckverfahren, die das Bauwesen revolutionieren könnten, wurden bereits entwickelt. Bis jetzt sind diese Gebäude aber relativ rudimentär, sodass hier zunächst der Einsatz im Kontext von bezahlbarem Wohnraum und Krisenhilfe angedacht werden könnte. Es wird schon in absehbarer Zeit kostengünstiger und komfortabler sein, Menschen in Not eine wetterfeste Unterkunft aus dem Drucker anzubieten anstatt Zelte, die besonders anfällig für Schäden sind, Container oder andere Behelfsunterkünfte.

Durch die Kombination von 3D-Druck und Robotik könnten größere Strukturen entwickelt werden: Auch hier rücken Einsätze im konventionellen Bauwesen in greifbare Nähe.

Im Kontext des 3D-Drucks müssen direkte und indirekte Einflüsse bedacht werden

Indirekt wird der 3D-Druck die Produktion verändern, was sich wiederum auf die Flächennachfrage in Segmenten wie Logistik- und Handelsimmobilien niederschlagen wird. Nicht mehr Kleingüter werden kostenintensiv in Lagerhallen aufbewahrt werden müssen, sondern Druckmaterialien, die bedarfsgerecht zur Güterherstellung genutzt werden können. Mischkonzepte aus Produktionsstätte und Materiallager sind denkbar.

In Zukunft könnte auch die Transformation von Produktionsfirmen hin zu Einrichtungen für Forschung und Entwicklung wahrscheinlich werden, die geistiges Eigentum produzieren, das dann dezentral gefertigt wird. Durch die Fortschritte im Bereich 3D-Biodruck wird sich die Lebenserwartung in Industrienationen verschieben, sodass altersgerechte Nutzungskonzepte weiter in den Fokus rücken werden.

Alle weiteren Teile der Serie finden Sie hier:

Real Estate Innovation Glossar – Einleitung: Begriffe, die die Zukunft der Immobilienwirtschaft prägen werden

Real Estate Innovation Glossar – Teil 1: Was ist Innovation?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 2: Wie funktioniert Innovationsmanagement in der Immobilienwirtschaft?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 3: Was verbirgt sich hinter dem Begriff "Digitalisierung" wirklich?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 4: Was beim Digital Marketing zu beachten ist

Real Estate Innovation Glossar - Teil 5: Smart Home – Willkommen in der Zukunft

Real Estate Innovation Glossar - Teil 6: Smart City – die vernetzte Stadt

Real Estate Innovation Glossar - Teil 7: Was ist CREtech?

Real Estate Innovation Glossar -Teil 8: Building Information Modelling in der Praxis

Real Estate Innovation Glossar - Teil 9: Einsatzbereiche von Augmented Reality in der Immobilienbranche

Real Estate Innovation Glossar - Teil 10: Virtual Reality​​​​​​​

Real Estate Innovation Glossar - Teil 12: Robotik – nicht nur in der Bauwirtschaft

Real Estate Innovation Glossar - Teil 13: Kryptowährungen – mehr als nur Bitcoins

Real Estate Innovation Glossar - Teil 14: Welches Potenzial haben Smart Contracts?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 16: Wann ist Smart Metering sinnvoll?

Real Estate Innovation Glossar - Teil 17: Cloud Computing im Fokus der Immobilienfirmen

Real Estate Innovation Glossar - Teil 18: Internet of Things – eine kritische Betrachtung

Schlagworte zum Thema:  Innovation, Bauwirtschaft, Digitalisierung