Professor Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts, referierte auf der Expo Real zur aktuellen Wirtschaftslage Bild: Gabriele Bobka

Der Einstieg der USA in die Zinswende führt in Europa zu Unsicherheiten hinsichtlich der weiteren Dauer der Niedrigzinsphase im Euroraum. Eine deutliche Trendwende zu höheren Zinsen sieht Professor Clemens Fuest, Präsident des ifo-Instituts, in näherer Zukunft jedoch nicht. In seiner Analyse zur aktuellen Wirtschaftslage auf der Expo Real wies er außerdem auf Gefahren hin, etwa die massive Staatsverschuldung vieler EU-Länder und den "Winner takes all"-Trend.

"Der Aufschwung im Euroraum hat sich gefestigt", stellte Fuest fest. Haupttreiber dieser Expansion seien Investitionen, die von günstigen Finanzierungsbedingungen und einer vereinfachten Vergabe von Bankkrediten stimuliert würden. Überdies nehme der private Konsum aufgrund der verbesserten Lage auf dem Arbeitsmarkt und der anziehenden Löhne zu. Ein Anstieg der Inflation, beispielsweise in Folge höherer Energiepreise, könne sich jedoch dämpfend auf die reale Kaufkraft der Haushalte auswirken.

Auf internationaler Ebene werfe die politische Unsicherheit einen Schatten auf das erwartete Wirtschaftswachstum in den USA. Politische Unsicherheit gehe auch von den Spannungen zwischen den USA und Nordkorea aus. Im Euroraum stelle die Aufwertung des Euro ein Risiko für die gute konjunkturelle Lage dar, da dadurch die Handelsbilanz des Euroraums negativ beeinflusst werden könne.

Gefahr bestehe auch durch den langfristigen Verfall der Arbeitsproduktivität, der schon in den 1970er Jahren begonnen habe. Problematisch gestalteten sich zudem die massive Verschuldung vieler Staaten und die zunehmende Alterung der Gesellschaft im Euroraum. Die Sparquote eines Landes korreliere mit dem Anteil der Bevölkerung im Beschäftigungsalter. Sobald in Deutschland die Babyboomer-Generation in Rente gehe, werde die aktuell hohe Sparquote sinken. Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands basiere vor allem auf der hohen Sparleistung nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Sektor und seitens der Unternehmen.

Neigung zur Geldausweitung als Problemlösungsstrategie

"In der Baubranche steht einer hohen Nachfrage eine geringe Kapazität gegenüber. Das treibt die Faktorpreise", berichtete in der anschließenden Diskussionsrunde Lutz Aengevelt, Managing Partner bei Aengevelt Immobilien. In einigen Teilmärkten ließen sich Übertreibungen beobachten.

"Die Politik der Kreditvergabe an Verbraucher wird in Europa unterschiedlich gehandhabt", so Doris Pittlinger, Managing Director Fund Management Europe bei Invesco Real Estate.

Diskussionsrunde zur aktuellen Wirtschaftslage (v.l.n.r.): Clemens Fuest, Lutz Aengevelt, Torsten Ricke, Doris Pittlinger, Matthias Meyer Bild: Gabriele Bobka

Nicht überall würden Hypothekenkredite wie in Deutschland langfristig finanziert. Das erhöhe die Risiken. Im privaten Bereich käme es bei einer Zinserhöhung zu erheblichen Verwerfungen, vor allem in Südeuropa. Aber auch in den Staatshaushalten bestünden nicht unerhebliche Risiken.

"Wir haben historisch niedrige Zinsen. Die Branche könnte sich durchaus höhere Zinsen vorstellen und sich diese auch leisten", stellte Aengevelt fest. Das Niveau der Tilgungsraten werde dann allerdings auf ein Niveau sinken, das vor vier bis sechs Jahren bestanden habe.

"Mit der Kombination von Wachstum und niedriger Inflation hat Europa noch keine großen Erfahrungen gesammelt. Die Inflation wird jedoch zurückkehren", so die Prognose von Fuest.

Bis dahin bestehe jedoch eine große Neigung zur Geldausweitung als Problemlösungsstrategie. In Deutschland werde die niedrige Inflation auch durch das niedrige Lohnwachstum bestimmt. Die Tarifpartner orientierten sich eher an der Vergangenheit und setzten angesichts der niedrigen Inflation auf sehr moderate Lohnsteigerungen.

"Die Inflation wird unterschiedlich gemessen. Es kommt darauf an, wie der Warenkorb gestaltet wird", so Matthias Meyer, Head of Liquid Real Asset-Investment Specialists der Deutschen Asset Management International. Wenn sich die Zinspolitik ändere, würde dies mit einer langsam steigenden Inflation einhergehen.

Probleme durch ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten

"Wir haben ein Europa mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die Südländer können sich den starken Euro eigentlich nicht leisten. Sie bräuchten eine Abwertung von 15 bis 20 Prozent", erläuterte Pittlinger. Dass sich Wachstumsraten von 1,5 bis 1,8 Prozent in einer alternden Bevölkerung nicht durchhalten lassen, stellte Aengevelt fest. Der Fachkräftemangel sei schon heute spürbar.

"Der europaweit beobachtbare Trend zum 'Winner takes all' führt zu einer wachsenden Konzentration und Monopolisierung der Unternehmen", so Fuest. Dadurch verliere Bildung als Mittel gegen die Ungleichheit innerhalb der Beschäftigten an Bedeutung.

"Wir haben uns an die Droge der niedrigen Zinsen gewöhnt und ich bedaure heute schon jeden Finanzminister, der Wolfgang Schäuble nachfolgt", sagte Aengevelt.

"Der Euro-Raum darf nicht verschlimmbessert werden", sagte Fuest. Deutschland sei umgeben von Ländern, die wie Frankreich oder die USA Steuern senkten. Auch hierzulande sollten Novellierungen, verbunden mit Strukturreform, auf der To-do-Liste stehen.

"Ich vertrete die Forderung nach einer europäischen Fiskalunion", erwiderte Pittlinger. Bisher agierten viele Mitgliederländer nach dem Motto "Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass". Zahlreiche Staaten hätten die Fristigkeit ihrer Staatsschulden verlängert. Getragen würden diese durch die Banken, ergänzte Professor Clemens Fuest.

"Tritt eine Zinswende ein, haben zunächst nicht die Staaten, sondern die sie finanzierenden Banken das Problem", warnte Fuest abschließend.

Schlagworte zum Thema:  Expo Real, Zinsen, Wirtschaft

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