Bild: YouTube

Stefan Schwan, Geschäftsbereichsleiter Facility Services der ENGIE Deutschland GmbH, zu seiner Definition von Digitalisierung. Wo sieht der FM-Dienstleister die größten Wertschöpfungspotenziale? Über echte „Predictive Maintenance“ und ein neuartiges Kundenportal, das CAFM überflüssig machen will. 

Herr Schwan, wie gelingt eigentlich datengetriebene Wertschöpfung bei den FM-Dienstleistern?

Vorweg: Das Riesenschlagwort Digitalisierung sollten wir konkretisieren! Das ist so breit wie ein Scheunentor. Ich rede lieber von Informatisierung und Internetisierung. Informatisierung heißt Informationen überall, so schnell wie möglich und mit hinterlegten Prozessen. Internetisierung ist ganz einfach der Zugang zum Internet. An jedem Ort haben wir Daten verfügbar. 

Stefan Schwan, Geschäftsbereichsleiter Facility Services Engie Deutschland Bild: Haufe Online Redaktion

Noch gibt es an vielen Orten Papier ...

... wir müssen weg vom Papier! Noch kürzlich erzählten mir Kunden aus dem Industriebereich, wie sie der Flut von Papier zum Thema Betreiberverantwortung nicht mehr Herr werden. Wir müssen uns überlegen, wie wir schneller, qualitativ hochwertiger, mit weniger Fehlerquellen behaftet arbeiten können.

"Reinigungskosten können um bis zu 90 Prozent gesenkt werden."

 

Das ginge mit dem Internet der Dinge ...
Ja, das Internet of Things (IoT) ist in aller Munde. Wir haben uns bereits vor drei Jahren mit einer Beteiligung an Sigfox verstärkt. Denn die Sensorik ist das Wesentliche. Wenn Sie sich heute Reinigung im Gebäude anschauen, wie kann IoT dabei helfen? Sensoren, die die Partikel auf dem Boden messen können, würden ganz gezielt den Menschen nur dort reinigen lassen, wo es auch wirklich schmutzig ist. Und wenn bedarfsgerecht gereinigt wird, können die Reinigungskosten um bis zu 90 Prozent gesenkt werden.

"Predective Maintanance: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden."

Das ist ein Unterkapitel von Predic­tive Maintenance. Wo stehen wir damit jetzt?

Wieder ist IoT der Schlüssel. Über unsere Plattform gibt es dann die Information: Achtung, dieses Gerät wird in einem Monat defekt sein. Das geht heute bereits. Multisensorhersteller messen Vibration, Temperatur, Feuchte – alles, was technisch möglich ist. Die Sensoren sind günstig und nicht größer als ein Zwei-Euro-Stück. Sie funktionieren fünf Jahre lang.

Ist das nicht alles noch sehr komplex?
Ja, deshalb ist Simplifizierung dabei der grundlegende Punkt. Wir haben keine riesigen Aufwendungen und brauchen auch keinen Telekommunikationsanbieter. Das ist der Zukunftsmarkt, auf dem sehr schnell über ein eigenes Netzwerk Daten zur Verfügung gestellt und weiterverarbeitet werden können. Vor allen Dingen für das Thema Predictive Maintenance. Das Bedarfsgerechte ist nun möglich. Wir sind da auch noch lange nicht am Ende  – was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden.

Ist das denn unausweichlich?

Es ist doch ein betriebswirtschaftliches System! Wir sollen bei unseren Kunden das Einsparen voranbringen. Bei den Personalkosten  geht es irgendwann in eine Einbahnstraße. Denn unter 8,68 Euro Mindestlohn funktioniert ja gar nichts mehr. An dieser Stelle hören wir auch auf. Das bringt nicht Qualität nach vorne, sondern verschlechtert sie. Also müssen wir Effizienzen liefern.

"Die Präventive Unfallverhütung soll wieder mit Papier gelöst werden. Lasst es uns bitte digital angehen!" Stefan Schwan Engie Deutschland Bild: Haufe Online Redaktion

Also ist Wertschöpfung der Grund, warum das IoT sich ausbreiten wird?

Ja, durch Informatisierung! Nicht jeder muss  ja auch die gleichen Daten aufzeichnen.  Wenn Sie etwa heute eine Brandmeldeanlage haben – jetzt sind wir wieder bei der IoT-Sensorik –, warum können Sie diese Daten der Brandmeldeanlage mit einem Bewegungssensor nicht gleichzeitig auch dem Reinigungsdienst zur Verfügung stellen? Ich erhöhe doch die Wertschöpfung, indem ich einfach ein Teil mehr einbaue, und sogleich habe ich Daten für beide. Also kann Datenvielfalt auch Wertschöpfung sein. Auf der anderen Seite natürlich minimieren wir unnütze Arbeiten. Wir haben im Moment eine Riesendiskussion in der Frage „Präventive Unfallverhütung“. Das soll wieder mit Papier gelöst werden. Lasst es uns bitte digital angehen!

„Datenvielfalt erhöht die Wertschöpfung. Indem ich etwa in einen Brandmelder ein Teil zusätzlich einbaue, habe ich zugleich die nötigen Daten für die Reinigung.“ Stefan Schwan Engie Deutschland

 
Rollenkonzepte und digitale Archive können die ganze Sache heute schon ziemlich vereinfachen!

Genau. In den USA etwa sind heute schon notarielle Vorgänge komplett elektronisch. Das ist in Deutschland noch unmöglich. Fragen Sie doch mal Asset oder Property Manager, mit wie viel Papier sie noch zu tun haben!

Wobei im Asset-Management-Bereich  ein Wandel durch die Data-Rooms einsetzt.

Da sind auch wirklich ganz pfiffige Leute unterwegs. Ich glaube, dass das für uns im FM-Bereich genauso greifen wird. Wir werden im FM-Bereich unserer Betreiber-Verantwortung gerecht werden   – und zwar mit End-to-End-Prozessen. Wenn jemand vor Ort etwas feststellt, muss es bei dem aufschlagen, den es betrifft.

„Wir werden im FM-Bereich unserer Betreiber-Verantwortung gerecht werden – und zwar mit digitalen End-to-End-Prozessen.“ Stefan Schwan, ENGIE Deutschland

Wie in einem Amazon-Prozess?

Ja, genau! Ich bestellte letztens per Amazon drei Pakete, bekomme aber nur eines. Ich schreibe das in ein Portal. Kein Problem, zwei Tage später liegen die fehlenden Pakete vor.  Ich packe zuhause das allerers­te Paket aus und – oh Wunder –, darin liegen bereits die beiden anderen, die nochmals nachgeschickt worden waren. Bereits die erste Sendung war also komplett. Es war mein Versehen, weil Amazon mir nie zuvor drei Pakete in einem zugestellt hatte. Ich schreibe dann gleich zurück, dass ich die beiden doppelt gelieferten Artikel sofort zurückschicke. Antwort: „Macht überhaupt nichts! Behalten Sie sie. Wir wollen ja auch Sie als Kunden behalten.“ Das ist Kundenbindung! Und der ausschlaggebende Faktor dabei? Ich glaubte Amazon mehr als mir selbst! Und wenn im FM jemand seinem Dienstleister mehr glaubt als sich selbst, dann hat der Dienstleister alles richtig gemacht.

"Ein Problem ist nur dann ein Problem, wenn der Dienstleister nicht funktioniert."

Solche Prozesse habe ich im FM noch nirgends ausgerollt gesehen!

Da haben Sie ENGIE direct noch nicht gesehen! Unser umfassendes Kundenportal ist auf der FM Global in London ausgezeichnet worden. Das wird für uns eine der wichtigsten Verbindungsebenen zum Kunden. Für den Kunden erübrigt sich damit unter Umständen sogar ein CAFM-System. Er muss es nicht mehr mit viel Aufwand und Kosten pflegen. Er hat keine schlechte Datenlage mehr, weil es nicht gepflegt ist. Wir bieten eine komplette Plattform an. Kostenfrei. Denn wir pflegen nicht das System, sondern die Prozesse. Der Kunde hat sofort eine optimale Asset-Datenlage. Er kennt seine Zahlen. Und das Schöne ist, wir können mit ihm auch zusammen überlegen, welche Services er denn zusätzlich anbieten will. Ein Wäsche-Service etwa ist schnell auf die Plattform gestellt.

„Unser umfassendes Kundenportal ENGIE direct wird für uns eine der wichtigsten Verbindungen zum Kunden.“ Stefan Schwan, Engie Deutschland


Thema Vergabeplattform. Werden nicht bald auch FM-Dienstleistungen wie an Spot-Märkten gehandelt?

Niemals! Der Kunde ist ja nicht darauf bedacht, nur alles kurzfristig zu machen. Warum sollte er das? Er will doch Qualität und Sicherheit – zu einem vernünftigen Preis. Ein Problem ist eigentlich nur dann ein Problem, wenn der Dienstleister nicht funktioniert. Doch den kann jeder Kunde gerichtlich belangen, wenn er seinen Leistungen nicht nachkommt. Wenn ein Kunde das allerdings aussitzt oder ständig wechselt, kommt er niemals in seine Prozesse rein.

Ihre Kunden müssen sich ja immer auch dem eigenen Controlling gegenüber rechtfertigen.

Die Frage ist doch: Welche Leistung steht dahinter? Und ich sage – da bin ich wieder bei Ihnen –, wir müssen als FM-Dienstleister für transparentere Preise sorgen. Wir müssen über andere Preismodelle nachdenken. Heute sagt etwa Ikea:  Du bezahlst einen Meter Oberschrank und einen Meter Unterschrank. Der Kunde geht zu Ikea und lässt aufbauen. Warum? Er sieht einfach den Gesamtpreis. Und ähnlich geht das auch bei uns.

Voll digitalisiert?

Natürlich, der Kunde weiß von der Plattform, welchen Preis etwa Leuchtmitteltauschen bei wem hat. Dann habe ich eine Transparenz, mit der ich arbeiten kann. Er rechnet noch seine Administrationskosten on top und sagt, wohin er wechseln möchte.

Gilt das auch für Lieferanten?

So machen wir es im Grunde auch mit unseren Lieferanten: Wir stellen diese auf die Plattform. Dabei geben wir ihnen die Möglichkeit, ihre Bepreisung nach unseren Richtlinien offenzulegen. So muss auch der Lieferant neue, oft günstigere Preismodelle entwickeln. Die geben wir dem Kunden weiter.

Weiß dann der Kunde nach dem Plattformbesuch genau, was der Austausch der Glühbirnen kostet?

In Gänze, mit allem Drum und Dran: der Dokumentation, der Spezifikation et cetera. Dann muss der Dienstleister auch nicht mehr gewechselt werden.

Ist das Ihr Wunschtraum?

Derzeit – vielleicht tue ich jetzt FM-Planern oder Property Managern Unrecht – wird immer versucht, die Preise so lange runterzuhandeln, bis wirklich nichts mehr geht. Am Ende steht für die Kunden Qualitätsverlust. Dann ist Lieferantenwechsel angesagt. Das alles will doch kein Kunde! Es wird nur sehr oft von Beratern suggeriert.

Dann verschiebt sich also der Kostendruck auf die Lieferanten?

Es geht um noch andere Dinge: International haben wir heute Ausschreibungen mit Top-down-Analysen. Nach Analyse der Kos­­­tenbasis versehen wir unser Angebot zumeist mit Abschlägen. Denn wir können mit den besseren Prozessen aufwarten.

Geht ein solches Verfahren nicht auch zu Lasten der Qualität?

Trotz Budgetierung halten wir die Service Level natürlich ein. Wer professionell einen Betrieb führt, muss  ja wissen, welche Leistungen dahinter stehen. Doch eine Stückpreismentalität wird es zukünftig nicht mehr geben. Davon bin ich überzeugt.

Schlagworte zum Thema:  Facility Management, Digital Real Estate, Service, Energie

Aktuell
Meistgelesen