05.11.2015 | Top-Thema Real Estate Talk "ERP-Systeme": Noch keine Disruption am Horizont

Digitalisierung als Voraussetzung und Treiber

Kapitel
Auf dem 1. Real Estate Talk. In Frankfurt/M. diskutierten Entscheider von Haufe (Dr. Carsten Thies), Aareon (Hans-Georg Schneider), Promos consult (Jens Kramer), Yardi (Ralf Kuntschke). Moderation: Jörg Seifert (Immobilienwirtschaft)
Bild: YouTube

Die Digitalisierung aller Kundenbeziehungen ist auch in den Unternehmen der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft ein treibendes Thema. Wie wirkt sich diese speziell auf die ERP-Systeme aus? Was erwarten die Hersteller Aareon, Yardi, Promos consult und die Haufe Gruppe?

Unser 1. Real Estate Talk beschäftigt sich heute mit der Zukunft der ERP-Systeme. Was macht die Digitalisierung gerade ganz konkret mit der Branche, Herr Schneider?  

Hans-Georg Schneider, Aareon: Digitalisierung ist Voraussetzung und Treiber zugleich. Viele unserer Kunden denken derzeit darüber nach, wie sie ihre Kundenbeziehungen digitalisieren – ob das ein Mieterportal ist oder eine App. Denn in der Wohnungswirtschaft nimmt der Druck seitens der Mieterschaft stark zu. Für sie ist der Gebrauch von digitalen Endgeräten im privaten Bereich mittlerweile selbstverständlich. Das erwarten sie auch von ihrem Wohnungsunternehmen. Die Kundenzufriedenheit kann zum Beispiel auch durch 24/7-Verfügbarkeit erheblich gesteigert werden – das zeigt unser Projekt „I-stay@home“ für ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden bis ins hohe Alter. Aber auch die Prozesseffizienz kann merklich verbessert werden – ein Mieterportal mit Selfservices bietet  Entlastung.

Und vergessen wir nicht, dass auch der Staat beim Thema Digitalisierung eine bedeutende Rolle spielt. Auf die Wohnungsunternehmen wird irgendwann die elektronische Rechnungsstellung zukommen. Dazu gibt es bereits eine EU-Verordnung. Das ist Digitalisierung pur! Auch das Thema Energie ist ganz stark von der Digitalisierung durchsetzt. Auf Kostenneutralitätsnachweis, Wärmepreisbildung und Smart Metering etwa gilt es vorbereitet zu sein. Das betrifft nicht nur das ERP-System, sondern das gesamte digitale Ökosystem.

Ralf Kuntschke, Yardi Systems: Wir sehen gerade eine ganz neue Generation Y in das Business eintreten. Sie ist sehr kommunikativ und will sich stets mitteilen. Das will sie auch, wenn vielleicht nachts der Wasserhahn tropft. Sie will das ihrem Vermieter mit drei Klicks mitteilen. Dafür erwartet sie Lösungen. Und Social Media erlauben eine sehr schnelle Meinungsbildung über die Services eines Unternehmens – damit muss man umgehen können. Diese Kommunikations- und Informationsebenen muss ein modernes Unternehmen heute abbilden können. Technologisch geregelt wird das in unserer Software. Wenn in einer Umfrage 86 Prozent der Wohnungsunternehmen sagen, dass sich im Vermietungs- und Bestandsverwaltungsprozess in den nächsten Jahren nichts ändern wird, und auch wenn über 50 Prozent ihren eigenen Mitarbeitern nicht zutrauen, komplexe digitale Prozesse zu beherrschen – bei Yardi denken wir, dass es spätestens in zehn Jahren das klassische ERP-System mit Schnittstellen in Reportingtools oder zum Mieter so nicht mehr geben wird. Schnittstellen werden sich in einer Wolke des kommunikativen Miteinanders auflösen. Wir folgen diesen Trends und denken die dafür notwendige Technologie bereits heute vor. 

 

Womit beschäftigen Sie sich denn derzeit in Ihrer Entwicklung, Herr Kramer?

Schneider: Entschuldigung, wenn ich noch mal unterbreche: Wir müssen auch die Leute mitnehmen, die digital nicht so affin sind. Wer anrufen will, soll auch weiterhin anrufen können! Ich rede einer Multichannel-Lösung das Wort. 

Jens Kramer, Promos consult: Dazu mal Folgendes: Ich suchte letztens auf der Website von Amazon deren Telefonnummer. Es gab keine. Ich habe sie schließlich bei Google gefunden – in einem Blog, wo sich die Leute beschwert haben, dass man sie nicht findet… Man braucht heute keine Telefonnummer mehr – man hat ja eine App. Insofern ändern sich die Zeiten gerade grundsätzlich. Einer unserer Kunden erhält drei Millionen Anrufe pro Jahr. Je nach Bearbeitungstiefe kostet ein Call bis zu sieben Euro. Wenn man diese millionenfachen Kundenanfragen mit einer App lösen kann, lässt sich das Einsparpotenzial leicht vorstellen. Wenn man der Kundschaft zusätzlich zeigt, dass diese Vorgehensweise auch noch besser funktioniert als vorher – es soll ja jeder selber entscheiden, wie er Kontakt aufnimmt –, dann hat das wirtschaftlich relevante Dimensionen. Das ist der Treiber in meinen Augen – nicht die Technik!

Aber ein wenig treibt die Technik doch!

Kramer: Natürlich, wenn plötzlich 360-Grad-Immobilienmanagement auf handelsüblichen Geräten möglich ist, dann hat das Zugkraft. Unser größter Kunde Vonovia hat 6.000 Mitarbeiter. Diese werden ab nächstem Jahr alle über unsere easysquare Plattform mobil zusammenarbeiten. Das wird einiges erleichtern. Faszinierend! Zum einen, weil das plötzlich funktioniert, zum anderen, weil es ganz viel Geld spart.

 

Geht es mehr um Funktionieren oder um Geldsparen?

Kramer: Es geht um Datenfluss ohne Medienbruch. Das können wir in Teilen ja schon länger in der Immobilienwirtschaft. Das war alles nur etwas teuer. Skepsis in Bezug auf Digitalisierung kann man nur zerstreuen, indem man bezahlbare Systeme zur Verfügung stellt. Und das machen wir. Die machen es erlebbar und zeigen, wie einfach es geht. Menschen erledigen heute viele Dinge allein und dezentral, für die es vorher ganze Abteilungen gab.   

Die Frage lautet also: Was muss ich eigentlich sinnvoll noch selber machen? Was kann ich den Kunden erledigen lassen? Was kann ich dem Dienstleister mit dazugeben? Da wird irgendjemand eine Idee haben – ich hoffe wir! – und die wird vieles verändern.

 

Wo nehmen Sie, Herr Dr. Thies, die stärksten Veränderungen wahr?

Dr. Carsten Thies, Haufe Gruppe: Zu  den genannten wichtigen Aspekten zwei Ergänzungen: Erstens  ist  Digitalisierung  kein Selbstzweck. Wir als Software-Anbieter sind die Treiber. Doch auch uns zieht  der Markt. Für Konsumenten muss ein digitales Produkt schön aussehen, Spaß machen oder komfortabel sein. Bei den Unternehmen jedoch ist am Ende die GuV entscheidend, das Kostensparen. Oder ob Prozesse optimiert und Ressourcen eingespart werden können. Als ERP-Anbieter kennen wir die Prozesse und können diese Effekte benennen, berechnen und das Potenzial aufzeigen. Welche der daraus abgeleiteten Vorteile allerdings wann im Markt ankommen, können auch wir nicht immer so genau vorhersagen.   

Außerdem: Uns etablierte B-to-B-Anbieter hindert oft die Trägheit in Unternehmen, Veränderungen durchzuführen. Das beobachten wir auch bei Wohnungsunternehmen. Bezüglich der Digitalisierung ist ihre Einstellung sehr heterogen. Es gibt  Wohnungsunternehmen, die sich von der Digitalisierung nicht direkt berührt sehen.

 

Was sagen Sie diesen?

Dr. Thies: Wir gehen davon aus, dass die meisten Anwendungen in die Cloud verlagert werden. Es stellt sich nur noch die Frage, wann. Dagegen wird der Mangel an Datensicherheit in der Cloud ins Feld geführt. Meine Meinung dazu ist: Die Daten, die on premise liegen, sind viel gefährdeter als Daten in einem professionellen, seriösen Rechenzentrum. Ich denke, dass kleinere Wohnungsgenossenschaften etwa unter 1.500 Wohneinheiten die Datensicherheit in Zukunft nicht mehr selbst gewährleisten können. Die brauchen die professionelle Unterstützung eines Rechenzentrums über die Cloud.

 

Und der zweite Aspekt?

Dr. Thies: Der betrifft das Internet of Things. Wenn erstmal Daten am Wasserhahn und am Fenstergriff erhoben werden, betreten wir echtes Neuland. Wenn wir sehen können, wer richtig und wer falsch lüftet, bringt das ganz neue Steuerungsmöglichkeiten. Und wenn nachts der Wasserhahn tropft, muss ich keine App mehr starten, um etwas zu melden. Das hat der Wasserhahn dann selbst erledigt und er kann repariert werden, während ich bei der Arbeit bin. Das generiert plötzlich ganz andere Daten und zieht neue Player ins digitale Ökosystem hinein. Hersteller von Installationen etwa waren bislang die Lieferanten unserer Kunden. Nun müssen sie alle ins ERP-System integriert werden. Das ist eine Komplexität, die förmlich explodiert. 

Kapitel 2: Der Kunde entscheidet, welche Entwicklungen er annimmt    

Schlagworte zum Thema:  Digital Real Estate, Immobilien-Software, ERP-Software, ERP, IT, Digitalisierung

Aktuell

Meistgelesen