05.11.2015 | Top-Thema Real Estate Talk "ERP-Systeme": Noch keine Disruption am Horizont

Die Branche, der Content und das Internet der Dinge

Kapitel
Dr. Carsten Thies, Geschäftsführer der Haufe-Gruppe, über die ERP-Systeme in der Arbeitswelt von morgen
Bild: YouTube

Die softwaretechnische Weiterentwicklung wird angestoßen auch von den Erwartungen der internen und externen Kunden. Die Vernetzung von Personen, Prozessen und Geräten wird zunehmen. Content und das Internet der Dinge werden an Bedeutung gewinnen. 

Glauben Sie, dass es nicht doch die eine Erfindung geben könnte, die alles verändert?

Kuntschke: Ich glaube, wie gesagt, nicht an die eine Erfindung, die komplette Modelle auf den Kopf stellen wird. Das gilt jedenfalls für diejenigen Modelle, die IT-getrieben sind. Doch es mag vielleicht neue Business-Modelle in der Wohnungswirtschaft geben, die dann wieder Auswirkungen auf die IT haben. Etwa Wohnungen vermieten zu können, deren Eigentümer ich noch nicht bin. Das kann aber nicht von der IT ausgehen.

Schneider: Nehmen wir das Beispiel der Zählerablesung bei der Heizung: Der Stromlieferant hätte seine Zählwerte auch gerne automatisch, und der Mieter hätte auch gerne eine Verbrauchsanzeige. Die Technologien liegen alle vor. Doch dazu gehören auch Absprachen, Schnittstellen und integrierte Prozesse. Und jemand muss sie orchestrieren – damit zum Beispiel von 1.000 Wohneinheiten 500 Datensätze an die Stadtwerke in Darmstadt gehen und 500 an die Stadtwerke in Mannheim. Hier liegt in puncto Prozesseffizienz noch einiges Potenzial brach. Die Vernetzung von Prozessen und Geräten (Internet der Dinge) muss künftig noch effizienter gestaltet werden.

Dr. Thies : Wenn Sie das so formulieren, sage ich: Das ist seit 1995 möglich, seit es das Internet gibt. Die Grenzen sind heute noch die Prozesse in den Unternehmen, und natürlich gibt es auch bestimmte technische Begrenzungen. Aber wenn die Unternehmen die Dinge umsetzten, die heute verfügbar sind, könnte man schon viel weiter sein.

Schneider: Ganz wichtig in diesem Zusammenhang sind auch Transparenz und Compliance – also die Notwendigkeit nachzuweisen, wann ich was gemacht habe und ob das regelkonform war. Hier spielt das Ticket-System eine sehr große Rolle. Es gibt eine weitere Komponente, die für den Erfolg unserer Produkte wesentlich sein wird: Das ist das Thema Content. Dieses wird in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Content muss dabei in das Produkt selbst integriert werden. Und dieser Content muss aktualisiert werden.

Dr. Thies: Das ist genau die Strategie der Haufe Gruppe, die über umfangreichen Content verfügt. Deswegen bringen wir den Arbeitsplatz in Verbindung mit Fortbildung, ERP-Systemen und Services. Das Verbinden des Contents mit den Prozessen macht natürlich die Dinge sicherer und einfacher – etwa indem wir Formulare zur Verfügung stellen. Aber das funktioniert alles nur dann, wenn die Märkte groß genug sind, damit die Leistungen auch zu einem annehmbaren Preis verkäuflich sind.

Wer mit seinem Energiedienstleister Daten austauscht, hat immer noch Funktionsschwierigkeiten, etwa mit der Bank …

Kramer: Das ist kein technisches Thema. Der Energiedienstleister hat SAP, die Bank hat SAP, aber beide kommunizieren trotzdem per E-Mail miteinander. Das ist absurd, aber hier manifestiert sich kein technisches Problem.

Dr. Thies: Die Diskussion darüber, dass das, was technisch möglich wäre, noch nicht Realität ist, könnten wir noch lange führen. Ich verwende gerne den Ausdruck Legacy. Das ist alles das, was uns noch zurückhält: bestehende Strukturen, Marktverhältnisse, auch Macht spielt eine Rolle. Macht, Dinge nicht aus der Hand zu geben, weil ich den Einfluss vielleicht verliere. Manchmal ist aber schlichtweg auch noch nicht genügend Druck da, um Dinge wirklich verändern zu wollen. Und es fehlt der Wille, bestimmte Strukturen zu verändern und sich auch einzugestehen, dass man vielleicht bestimmte Mitarbeiter nicht mehr benötigt.

Kramer: Man kann auch so viel verkehrt machen in der IT. Man stellt ein System hin, das eigentlich von sich aus funktionieren soll. Neulich bin ich jedoch wieder an einem Fahrkarten-Automaten gescheitert.
Die wirkliche Innovation liegt darin, Dinge so zu verändern, dass ich tatsächlich keine Schulung mehr brauche. Und so etwas fällt natürlich nicht vom Himmel. Man braucht viel Mut, Dinge anders zu machen, eben einfacher.

 

Kommt es dadurch zu disruptiven Geschäftsmodellen?

Schneider: Die Dynamik wird weitergehen, aber nicht disruptiv. Beschleunigen  wird sich allerdings die Geschwindigkeit, mit der Prozesse vonstattengehen. Und das Ganze wird getrieben von den Erwartungen der internen und externen Kunden. Auch die intensivere Vernetzung von Personen, Prozessen und Geräten wird an Bedeutung gewinnen. Prozesseffizienz muss tendenziell gesteigert werden. Ein Teil der Effizienz muss auf der Kostenseite gewonnen werden. Hier kommt IT in den unterschiedlichsten Facetten ins Spiel. Das haben wir in unserer Vision „Aareon Smart World“ zusammengefasst.

Kramer: Ich glaube nicht, dass die IT Geschäftsprozesse in der Immobilienwirtschaft disruptiv verändert. Beim Thema ERP hingegen wird sich einiges tun, was wir heute noch nicht absehen können. Wir werden künftig über andere Formen der Vernetzung sprechen. Über neue Geschäftsmodelle. Darüber, dass wir vielleicht Standards einführen, die gar nicht von uns kommen, sondern aus ganz anderen Bereichen. Vielleicht führen die dazu, dass man Informationen anders nutzen kann als heute. Der nächste Schritt für uns wird sein, dass man die Kunden unserer Kunden einbezieht, etwa die Gewerbemieter. Einfache Lösungen führen dazu, dass der Kunde mehr Freiheiten hat und selbst in neue Richtungen denken kann. Die weitaus größte Innovation birgt allerdings für mich das veränderte Nutzerverhalten. Ich kenne etwa viele Menschen, die sich gar nicht mehr vorstellen können, ein Auto zu kaufen. Das finde ich weitaus verändernder als ein neues Auto mit einem neuen Motor.

Dr. Thies: Bei den ERP-Systemen sind heute alle „Zutaten“ da. In diesen Markt kommt jetzt ein merklich höheres Tempo. Und die Bereitschaft der Unternehmen, mit neuen Modellen umzugehen, wächst deutlich.

Kuntschke: Es gibt dabei allerdings einen erheblichen Unterschied zwischen der Wohnungswirtschaft und der gewerblichen Immobilienwirtschaft. Letztere ist getrieben durch Investoren und die Aufteilung zwischen Asset- und Propertymanagement. Gewerbliche Immobilienmanager haben wesentlich höhere Ansprüche an Service, Prozesseffizienz und Automatisierung. Doch mit einer gewissen Verzögerung wird auch in der Wohnungswirtschaft der Wandel eintreten, der aus anderen Assetklassen bereits vorgelebt und -gedacht wird.

Kapitel 1: Digitalisierung als Voraussetzung und Treiber

 

Schlagworte zum Thema:  Digital, Immobilien-Software, ERP-Software, ERP, Digital Real Estate, IT, Digitalisierung

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