09.10.2014 | Top-Thema Gasversorgung: Vorsicht beim Lieferantenwechsel

Unseriöse Preisempfehlungen über das Internet

Kapitel
Immer noch ein guter Gradmesser: die Stiftung Warentest
Bild: Stiftung Warentest

Es liegt nahe, sich ganz einfach im Internet bei den bekannten Vergleichsportalen wie beispielsweise Verivox, Check24 oder Toptarif über die günstigsten Angebote zu informieren. Das ist nicht immer der beste Weg.

In unserer hochtransparenten und vernetzten Welt liegt es nahe, sich ganz einfach im Internet bei den bekannten Vergleichsportalen wie beispielsweise Verivox, Check24 oder Toptarif über die günstigsten Angebote zu informieren. Die Voreinstellungen der Abfragemasken suggerieren einem Außenstehenden Seriosität und raten direkt zum Abschluss beim preisgünstigsten Anbieter über die Vorstellung einer automatisch generierten Rangliste.


Der Billigste auf Knopfdruck?

Der Versorger, der auf dieser Liste ganz oben steht, ist angeblich der Billigste und zu ihm lässt sich sofort auf Knopfdruck wechseln.

Hier ein Beispiel: Abfrage am 24.07.2014, 14.30 Uhr, Internetportal Verivox: Wir suchen für eine Abnahmestelle in 68163 Mannheim mit einem Verbrauch von 18.000 kWh nach einem günstigen Gasanbieter. Bei belassenen Voreinstellungen wird uns zunächst ein Tipp auf dem obersten Platz gezeigt mit einem Jahrespreis von 1.233 Euro, gefolgt vom ersten Rang mit 1.161 Euro. Interessant: Der ganz oben stehende Tipp ist deutlich teurer als der erste Platz. Ist das denn wirklich eine Empfehlung?

Nein, dieser Platz ist als Werbung von einem Versorger gekauft. Vergleichsportale wie Verivox erzielen ihren Umsatz nämlich durch Werbung (wie den vermeintlichen Tipp über dem ersten Platz), aber primär durch individuell zwischen Vergleichsportal und Energieversorger vereinbarten Wechselprovisionen.


Wer die höchsten Provisionen zahlt ...

Die Provision wird von dem Versorger bezahlt, der vom Kunden ausgewählt wird. Hier herrscht Marktwirtschaft in Reinform: Wer die höchsten Provisionen bezahlt, wird entsprechend bessergestellt. Es gilt festzuhalten, dass die Vergleichsportale keineswegs unabhängige Verbraucherberatungsportale sind. Hier will Geld verdient werden und zwar über die Wechselprovisionen, die die Versorger bezahlen. Insofern sind die Rankings der Angebote als auch die abgegebenen Hinweise mit Vorsicht zu betrachten. Doch es kommt noch besser.


Zurück zur Abfrage: Auf der linken Seite des Verivox-Portals lassen sich die Voreinstellungen ändern. Ganz versteckt findet sich ein Button mit der Bezeichnung „Weitere Voreinstellungen“ mit dem Unterknopf „,Stiftung Warentest‘-Empfehlungen“. Diesen Filter gesetzt erscheint auf einmal ein Anbieter auf Platz eins mit einem Preis für den Gesamtjahresverbrauch von 1.312 Euro. Das sind 151 Euro Unterschied, mehr als zehn Prozent Differenz zum ersten Platz mit Verivox-Voreinstellungen. Dieses Delta ist dadurch zu  erklären, dass bei den originären Voreinstellungen auch Tarife gezeigt werden, die mit einmaligen Wechselboni versehen sind, bei der Einstellung von Stiftung Warentest sind diese nicht erlaubt.


Späte Gutschrift
Wechselprämien werden dem Kunden in der Regel erst zur Schlussabrechnung (also erst im zweiten Jahr) gutgeschrieben und meist auch nur dann, wenn der Kunde mindestens zwölf Monate in Belieferung geblieben ist. Der Bonus wird erst im zweiten Jahr im Rahmen der Endabrechnung berücksichtigt. Verivox aber rechnet diesen Betrag in das erste Bezugsjahr mit ein. Damit wird das Angebot günstiger und es rutscht auf der Rankingliste weit nach oben.

Der Kunde zahlt also tatsächlich bereits im ersten Jahr einen hohen Preis für die Energie und auch entsprechend hohe monatliche Abschläge. Zudem geht er in das Risiko, ab dem zweiten Jahr unter dem Strich und ohne Wechselbonus sehr hohe Energiekosten zahlen zu müssen.

Mit dieser Vorgehensweise wird der Kunde mehr oder weniger zum Wechsel nach einem Jahr gezwungen, wenn er dauerhaft günstige Energiepreise erhalten will. Denn nur der Wechselbonus reduziert den faktisch hohen Energiebezugspreis des ersten Jahres. Diese Geschäftspraktiken hat Stiftung Warentest schon früh angemahnt, doch immer noch finden sich derartige Tarife in den Tarifrechnern einschlägiger Vergleichsportale. Preis ist also nicht Preis, die Intransparenz des Marktes nimmt zu, das Vertrauen der Kunden sinkt.


Besser: Klassische Tarife

Welcher Verwalter will schon diese undurchschaubaren Tarife seinen Kunden erklären? Besser ist es, ausschließlich klassische Tarife zu vergleichen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen.  Direkt über das Internet kann abgeschlossen werden, wenn wenig  direkte Betreuung benötigt wird und alle Daten online übermittelt werden können.


Ein weiteres Problem insbesondere für die Immobilienwirtschaft: Der Abschluss von Bündelverträgen oder die Vereinbarung von Stichtagsabrechnungen ist über das Internet so gut wie nicht möglich. Denn Internetportale sind mit ihren Produkten primär auf Einzelabschlüsse ausgerichtet, die ohne Sonderwünsche standardisiert durch den vollautomatisierten Wechselprozess laufen. Deshalb sind Internetportale für die Bedürfnisse der Immobilienwirtschaft zumeist nicht geeignet.


Ganz interessant: Auch Preisvergleiche, wie sie von Mietern oder WEGs immer wieder vorgebracht werden, halten einer genaueren Prüfung aus den oben genannten Gründen nicht stand. Das Internet bietet keine valide Vergleichsbasis für die Immobilienwirtschaft.

Schlagworte zum Thema:  Gas, Energie, Gasverbrauch

Aktuell

Meistgelesen