In der Vergangenheit waren unternehmerische Krisen oftmals getrieben durch kurzfristige bzw. vorübergehende Störungen des bisherigen Geschäftsmodells, die überwiegend durch Versäumnisse in der Leitung und Ausrichtung des Unternehmens und damit unternehmensintern verursacht wurden.[21] Vordergründig wurde deshalb auf Sanierungsmaßnahmen zurückgegriffen, die diese operativen Krisenursachen durch entsprechende Maßnahmen adressierten, wie bspw. Kostenreduktion, Effizienzsteigerung oder Preiserhöhungen. Die Beschleunigung des technologischen Wandels sowie die Zunahme disruptiver Innovationen stellen die Geschäftsmodelle als solche nunmehr unabhängig von den vorgenannten Krisenursachen auf den Prüfstand und erfordern schnelles und umsichtiges Handeln.[22]

Insbesondere im Zuge einer Sanierung gilt es zu hinterfragen, ob die strategische Ausrichtung zukünftigen Anforderungen auch langfristig genügen kann, sodass von einem "geschlossenen Konzept zur Bereinigung sämtlicher Verbindlichkeiten"[23] ausgegangen werden kann. Die Entwicklung der Geschäftschancen wird damit zu einem zentralen Kriterium für die Beurteilung der nachhaltigen Sanierung.[24]

Diese zunehmend stärkere Veränderung der unternehmerischen Realität wurde auch vom Institut der Wirtschaftsprüfer im Rahmen der Überarbeitung des IDW S 6 aufgegriffen. Bei der Frage der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens verweist der Standard auf die Notwendigkeit der Wandlungs- und Adaptionsfähigkeit eines Unternehmens mit Bezugnahme auf die Herausforderungen der Digitalisierung.[25] Ferner wird in der ergänzenden Kommentierung auf die Globalisierung sowie nicht näher benannte Herausforderungen des Markts verwiesen, die ein tragfähiges Geschäftsmodell beeinflussen.[26] Die Digitalisierung stellt ohne Frage eine der zentralen Herausforderungen für alle Unternehmen dar – und dies gilt umso mehr für Unternehmen in der Krise. Die isolierte Verwendung des Begriffs innerhalb des Standards, soweit dies nicht exemplarisch gemeint war, ist u. E. jedoch nicht ausreichend, da er die veränderte Dynamik der makroökonomischen Faktoren nicht umfassend reflektiert. Daraus folgt, dass disruptive Veränderungen von Geschäftsmodellen nicht ausschließlich auf technologische Aspekte, wie beispielsweise die Digitalisierung, zurückzuführen sind und dass diese Veränderungen tiefgreifender und vielschichtiger sind.[27] Auch das bisher dominierende – von Porter 1979[28] entwickelte – Modell der Branchenstrukturanalyse reflektiert mit seinen fünf Einflussfaktoren (Verhandlungsmacht der Lieferanten und Käufer, Bedrohung durch neue Wettbewerber und Substitute sowie Bedrohung durch existierende Wettbewerber) die aktuellen Entwicklungen nur unzureichend. Vor diesem Hintergrund wurde vorgeschlagen, das "5-Forces-Model" um drei Faktoren zu erweitern: Deregulierung, Globalisierung, Digitalisierung.[29] Nach dem Verständnis der Verf. dieses Beitrags sollte der Punkt Deregulierung weiter gefasst werden und sowohl Regulierungen als auch Deregulierungen umfassen, da beides signifikanten Einfluss auf die Überlebensfähigkeit eines Unternehmens haben kann. Inwieweit die einzelnen Punkte bedeutsamen Einfluss auf die Renditefähigkeit des Unternehmens haben können, soll nachfolgend skizziert werden:

  • Regulierung i. w. S.: Zunehmender staatlicher Einfluss kann mitunter wesentlichen Einfluss auf den Geschäftsverlauf eines Unternehmens und dessen zukünftigen Chancen nehmen[30] – sei es durch unmittelbare Wirkung gesetzlicher Änderungen wie steigende Anforderungen oder Auflagen, z. B. die Reduktion von Emissionen, oder durch den Wegfall von staatlichen Regulierungen oder Anforderungen bis zum Entziehen von Betriebsgenehmigungen, wie zuletzt beim Ausstieg aus der Atomkraft.[31]
  • Globalisierung: Die immer noch zunehmende weltweite Vernetzung ermöglicht schnellen, effizienten und nahezu grenzenlosen Handel, wodurch das bestehende Geschäftsmodell nachhaltig verändert wird.[32] Andererseits bedroht der (Wieder-)Aufbau protektionistischer Strukturen das bisher Erreichte und zwingt zu Anpassungen. Auf einer anderen Ebene wirkt der interkulturelle Austausch, der die in "geschlossenen" Gesellschaften gewachsenen Konventionen beeinflusst[33] und damit das Konsumverhalten ändert und bestehende Geschäftsmodelle in Frage stellt.[34]
  • Technologie/Digitalisierung: Veränderte technologische Möglichkeiten gepaart mit den Eigenschaften der Digitalisierung ermöglichen komplett neue Geschäftsmodelle, die wesentlich von den vorherigen abweichen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Digitalisierung ein Faktor ist, der in der Zukunft bedeutsame Anforderungen an die Wandlungs- und Adaptionsfähigkeit des Unternehmens stellen wird, jedoch bei weitem nicht der Einzige. Während monokausale Entwicklungen als Krisenursachen in der Zukunft eine untergeordnete Rolle spielen werden, treten multidimensionale Effekte in den Vordergrund, die das Unternehmen bei der Planung und strategischen Ausrichtung berücksichtigen muss,[35...

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