Der Begriff der Corporate Digital Responsibility (CDR) hat sich seit dem Jahr 2015 aus der Praxis heraus entwickelt[9] und weist Ähnlichkeiten zum Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) auf.[10] CSR ist infolge der Nachhaltigkeitsdebatte zu einem festen Bestandteil der Unternehmenspraxis geworden: Unternehmen übernehmen freiwillig Verantwortung für eine nachhaltige Entwicklung in verschiedenen Bereichen.[11] Als Instrument zur Information über entsprechende Aktivitäten hat sich zudem der sog. Nachhaltigkeitsbericht (sustainability report) international etabliert.

In der dritten Phase der Digitalisierung (vgl. Abbildung 1 auf. S. 2159) steht die gesellschaftliche Debatte über die Herausforderungen der mit der Digitalisierung einhergehenden Transformationsprozesse im Fokus. Als neuer Kontextfaktor führt sie zu Veränderungsprozessen im Unternehmen und bildet einen weiteren Bereich, in dem Unternehmen freiwillig gesellschaftliche Verantwortung übernehmen müssen.[12] Dementsprechend wird CDR hier als unternehmerisches Konzept zur Reaktion auf diese Veränderung im Unternehmensumfeld verstanden (vgl. Abbildung 2).[13] CDR umfasst in einer handlungsorientierten Definition alle Aktivitäten zum unternehmerisch verantwortungsvollen Umgang mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der Digitalisierung gegenüber allen Stakeholder-Gruppen.[14]

Die mit dem Konzept der CDR verbundenen unternehmensinternen Anpassungsprozesse können basierend auf dem in Abbildung 2 präsentierten Unternehmensmodell wie folgt systematisiert werden:

  • Anpassung der Unternehmensstrategie: Als Reaktion auf den allgemein-philosophischen Austausch[15] zu den ethischen Grundlagen eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Herausforderungen der digitalen Transformation bewirkt CDR eine Veränderung im Wertesystem von Unternehmen.[16] In der Automobilbranche beispielsweise stellt das automatisierte und vernetzte Fahren die Unternehmensverantwortlichen vor zahlreiche Herausforderungen.[17] Viele Unternehmen beschäftigen sich folglich aktuell mit der Entwicklung einer CDR-Konzeption.[18] Eine Orientierungshilfe hierfür bilden die im CDR-Kodex konkret benannten Prinzipien.[19] Die Übernahme digitaler Verantwortung schlägt sich darüber hinaus in der Ableitung von konkreten Zielvorgaben für die weitere strategische Ausrichtung von Unternehmen nieder.[20]
  • Durchführung konkreter Maßnahmen zur Anpassung der internen Prozesse und des Führungssystems: Anpassungen im normativen Rahmengefüge des Unternehmens bilden idealtypisch die Grundlage für die Anpassung der Geschäftsprozesse, der diese unterstützenden Informations- und Kommunikationstechnologien sowie des Führungssystems. In der Textilindustrie werden beispielsweise konkrete Maßnahmen für eine verantwortungsvolle Digitalisierung der Wertschöpfungsstrukturen diskutiert.[21] Für die Systematisierung der CDR-Aktivitäten benennt der CDR-Kodex fünf konkrete Handlungsfelder: Umgang mit Daten, Bildung, Klima- und Ressourcenschutz, Mitarbeitenden-Einbindung und Inklusion.[22] Allerdings haben sich bisher noch keine Standards zur konkreten Ausgestaltung des unternehmensinternen CDR-Managements herausgebildet. Im Vergleich zu den zahlreichen Veröffentlichungen im Bereich CSR fehlt es an breiter anwendungsorientierter Forschung.[23]

In Deutschland sollen Unternehmen bisher freiwillig Verantwortung für die mit der digitalen Transformation einhergehenden gesellschaftlichen Herausforderungen übernehmen. Diese Selbstverpflichtung kann nur Wirkung zeigen, wenn Stakeholdern Informationen über die Durchführung entsprechender Maßnahmen im Rahmen der Unternehmenskommunikation bereitgestellt werden.[24] CDR-Berichterstattung bildet damit zukünftig einen weiteren wichtigen Bestandteil der Investor Relations von Unternehmen.[25] Verbraucher können über Social-Media-Kanäle und über die Website des Unternehmens informiert werden.[26] Zur Fundierung der Entscheidungsprozesse von Finanzmarktteilnehmern hingegen werden entsprechende Informationen im Rahmen der nichtfinanziellen Berichterstattung zur Verfügung gestellt.[27]

[9] Für einen Überblick vgl. Esselmann u. a. (Zentrum Digitalisierung Bayern), Corporate Digital Responsibility, März 2020, abrufbar unter https://zentrum-digitalisierung.bayern/wp-content/uploads/ZD.B-Positionspapier_Final_web.pdf (Abruf: 23.8.2021).
[10] Vgl. stellvertretend für viele Schneider/Schmidpeter, Corporate Social Responsibility – Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis, 2. Aufl. 2015.
[11] Kritisch hierzu Goldenstein, Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu) 2018, 74–102.
[12] Vgl. Lankoski/Smith, Corporate Responsibility Meets the Digital Economy, Insead Working Paper 2021/23/ATL, S. 2–10; Sun, University of Miami Law Review 2020,  898–963; Müller/Andersen, zfwu 2019, 259–263, und Filipovic, Communicatio Socialis 2015, 6–15.
[13] Zur Definition von CDR als Handlungsverantwortung vgl. auch Broock, in: Bertelsmann Stiftung/Wittenberg-Zentrum für globale Ethik, Unter...

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