12.03.2013 | Top-Thema Mipim 2013

Mipim-Awards 2013: Was die Bilder nicht verraten

Kapitel
Bereits zum 23. Mal werden die "Mipim Awards" verliehen, für herausragende Projekte in acht verschiedenen Kategorien - und mit einer großen Feierstunde.
Bild: © 360 MEDIAS IMAGE

MIPIM Awards 2013: Für diesen renommierten Wettbewerb haben sich mehr Länder (18) mit mehr realisierten Projekten (175) denn je beworben. Anmerkungen zu einigen Finalisten.

Um die Breite des Angebots abzubilden, wählte die Jury erstmals vier statt drei Finalisten pro Segment für die Endrunde aus, die während der Messe durch die Messebesucher in einer Gewichtung von 50% entschieden wird. Außerdem gibt es einen Publikumspreis resultierend aus Online-Clicks. Unter den Finalisten sind sieben aus UK und sechs aus Istanbul/ Türkei, je drei aus Deutschland, Südkorea und Dänemark neben vielen anderen von Asserbeidjan bis Schweden. USA und Osteuropa einschließlich Russland fehlen ebenso wie – wohl zum ersten Mal – das Land, das die MIPIM beherbergt, Frankreich. Um eine neutrale Wertung nicht zu gefährden, enthielten sich Juroren dort, wo Interessenskonflikte auftauchten, so auch Thomas Beyerle, Head of Research der IVG, die sich mit dem IVG-Projekt „THE SQUAIRE“ beworben hatte. „Die eingereichten Projekte stellen einen sehr guten globalen Durchschnitt dar: Es gab Spektakuläres, teilweise mit einer sehr starken Betonung der Architektur, aber auch viele sachlich ökonomisch angelegte Objekte/Projekte bei welchen man die Marktaufnahmefähigkeit quasi spürte“, so sein Eindruck aus der Juryarbeit.

Gewertet wurde in sechs Kategorien von Hotels bis zu Wohnkomplexen, dann Zukunftsprojekte auf Vorschlag der Architectural Review (sortiert in normalgroß und mega) sowie in einer Sonderkategorie Projekte aus dem diesjährigen Ehren-Gastland der MIPIM, der Türkei. Auf eine Kategorie „Green Building“ wurde wie im Vorjahr verzichtet, weil fast alle Finalisten „grün“ orientiert wenn nicht gar zertifiziert sind. Macht zusammen 36 Objekte und viel Arbeit für die Messebesucher, wenn sie nicht nur nach erstem Augenschein votieren wollen.

Ein Blick hinter die Schlagzeilen

Das Hotel Baku Flame Towers gäbe es ohne den Eurovision Song Contest des vergangenen Jahres vermutlich gar nicht und bemerkenswert an der Fazenda Boa Vista bei Sao Paolo (nicht zu verwechseln mit Bel Vista!) sind weniger Golf- und Poloplätze in weitläufiger Landschaft als das von Isay Weinfeld im Retro-Stil der 1960er Jahre entworfene Fasano Hotel – da kann man sich fühlen wie in alten Hollywoodfilmen, als die Welt noch in Ordnung war. Ordnung schaffen sollen die Neubauten für Industrie und Logistik, etwa das dänische Verteilzentrum für die Modeboutiquen „Bestseller“, das 48.000 qm Nutzfläche in drei Bauriegeln hinter wie Holz geriefeltem Beton versteckt. Und in der katalanischen Region Alt Maresme verbirgt ein großzügig verglastes Frontgebäude eine dreistufige alte Kläranlage, die noch erneuert wird.

Mit Bürobauten fing die MIPIM als Markt für Gewerbeimmobilien mal an und alle wissen, dass die sichersten Investments nicht unbedingt die sind, die aus dem Rahmen fallen wie die Finalisten 2013: Die Headquarters von Unicredit in Mailand sind ein Projekt des Developers Hines, der ein Faible für preisgekrönte Architektur hat. Headquarters auch „1 Angel Square“ in Manchester, gebaut von und für die 1844 gegründete genossenschaftliche Co-operative Group. Zudem ist das dreiseitig gerundete Bürohaus ein Eckpfeiler in dem ebenfalls nominierten Future Mega Project NOMA (NOrth MAnchester), das als umfangreichstes Stadtentwicklungsprojekt in Nordengland gilt. Herausragend in anderem Sinne dagegen „THE SQUAIRE“  - das „i“ aus dem Teilwort „air“ unterscheidet diesen Platz, der keiner ist, von dem zukünftigen „Square³“ in Berlin-Alt-Hohenschönhausen, nominiert unter den Future Projects, wobei man sich fragen kann, warum 450 Millionen Euro Investmentsumme für drei Straßenblöcke mit Büros und Wohnungen nicht „mega“ sein sollen.

Der Frankfurter „SQUAIRE“ steht auf dem langgestreckten Dach über dem Flughafenbahnhof (schon 1996 als Airrail Center vorgesehen) und profitiert damit von einer europaweit einzigartigen Verkehrsanbindung an Autobahn, Schiene und Flughafen. Zu den Mietern auf den nach LEED Gold zertifizierten 14.000 qm Fläche zählen u.a. KPMG, Lufthansa, zwei Hilton Hotels, eine Zahnarztpraxis sowie der Investor IVG selbst. Mit der Nominierung wird jetzt eine mutige Entscheidung honoriert, die die Branche angesichts explodierender Baukosten eher kritisch sah. Ende gut alles gut? Ulrich Höller, CEO der DIC, die mit ihrem Projekt MainTor einen MIPIM Award 2012 erlangte wäre vorsichtig: „Unsere Erwartung auch an einen international so reputierten Preis wie den MIPIM-Award ist kein sofortiger Nachfrageschub. Aber er adelt die Projekte der Preisträger und hebt sie aus der Masse deutlich sichtbar hervor. Das ist eine Unterstützung der Marketing-Aktivitäten und gleichzeitig zusätzliche Motivation für die Mitarbeiter im Team.“

Eigentlich hätte THE SQAIRE auch als Refurbishment gelten können, weil auf einer bestehenden Bausubstanz aufbauend. Angebaut wurde an King’s Cross Station in London ein filigranes, rund geführtes Glasdach über der Passage zwischen Bahnhof und Geschäften und umgebaut das frühere Kultusministerium in Seoul. Dort ist jetzt das Museum für zeitgenössische koreanische Geschichte eingezogen. Unterbaut wurde dagegen ein Platz mitten in Kopenhagen für neue Arbeits- und Sozialräume der Stadtreinigung. An Stelle einer alten Tiefgarage entstanden unter dem neuen Stadtpark helle Raumzellen um ein versenktes Atrium. Für 1.000 qm Fläche, die täglich von ca. 100 Beschäftigten genutzt werden, investierte die Stadt 2,5 Millionen Euro und profitiert jetzt von optimierten Abläufen.

Über Wohntürme, die sich im Winde zu wiegen scheinen, wundert sich wohl niemand mehr, auch nicht wenn sie die höchsten sind im kanadischen Mississauga. Den Wettbewerb unter den euphorischen Auspizien von 2007 gewann das chinesische Büro MAD, fertig wurden die zwei Türme erst 2012. Hier sind noch Apartments zu haben im Gegensatz zu dem nur 12geschossigen „The Library Building“ in London, das ausverkauft ist – vielleicht, weil für jede Wohnung kostenlos ein Fahrrad zur Verfügung steht und ein Jahr Mitgliedschaft im Fitnessclub desselben Investors Cathedral Group? Ähnlich nutzerspezifisch das Konzept des Shopping Center im Shibuya Hikarie Hochhaus in Tokyo für die Zielgruppe von Karrierefrauen zwischen 20 und 40 Jahren mit dem größten Outlet Center für Naturkosmetik. Spezifisch auch die „Beirut Terraces“, nominiert als Future Project: Ihre Schichtung verstehen die  Schweizer Architekten Herzog & de Meuron als Sinnbild der Schichten von Geschichte am Ort einschließlich des Bombenattentats, dem 2005 der damalige Präsident des Libanon zum Opfer fiel. Während hier die Realisierung noch offen ist, befinden sich die Future Projects NOMA in Manchester und „Milaneo“ am Mailänder Platz in Stuttgart bereits in der Bauphase als Stadtquartiere mit Mischnutzung.  

Sonderpreis Türkei

Dass alle sechs Nominierungen aus der Türkei, auch das Einkaufszentrum Marmara Park der ECE und das Wohnviertel Akasya Acibadem im Raum Istanbul angesiedelt sind, wirft ein bezeichnendes Licht auf die selektive Wahrnehmung der Türkei in der internationalen Immobilienwelt. Um den Sonderpreis konkurrieren zwei Büro- und zwei Wohnprojekte, alles luxuriöse, hoch verdichtete Quartiere mit Grünkonzepten, was nur ungenügend über den rasanten Verdrängungswettbewerb in dieser Megacity hinwegtäuscht. Für den Kagithane Ofispark auf Abbruchfläche konnten Emre Arolat Architekten den Entwickler zwar davon überzeugen, keine Standardkisten zu bauen, aber die ältere Wohnbebauung, auf die sich der Entwurf bezieht, dürfte auch hier dem Druck bald weichen, in weit größerem Maßstab neu zu bauen.

Wie bei vielen anderen Finalisten müsste man eigentlich den Kontext vor Ort erkunden, um die Qualität und Dauerhaftigkeit des Investments einzuschätzen. Das aber kann die knappe Information, die die Messebesucher bekommen, nicht leisten.  

(Autorin: Dr. Gudrun Escher, Xanten)

Schlagworte zum Thema:  Gewerbeimmobilien, Messe, Event, Mipim, Networking

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