Draghi sorgt für Unruhe am Markt und die Bauzinsen sind leicht erhöht Bild: Dr. Klein Privatkunden AG

Bauzinsen: EZB-Präsident Mario Draghi machte am Donnerstag klar, dass zwar ein langsamer Ausstieg aus der lockeren Zinspolitik möglich sei, eine Anhebung der Zinsen in diesem Jahr scheint jedoch nicht in Sicht. Die Reaktionen an den Märkten sind unterschiedlich. Der Bauzins ist laut Finanzdienstleister Dr. Klein leicht gestiegen.

"Wir haben unser Ziel noch nicht erreicht", so Mario Draghi. Die Inflationsdynamik sei noch zu schwach. Im Juni lag die Inflationsrate im Euroraum bei 1,3 Prozent und damit niedriger als im Mai (1,4 Prozent), Preisstabilität sieht die EZB jedoch erst bei knapp zwei Prozent.

Bauzinsen: EZB-Rat entscheidet erst im Herbst über weitere Geldpolitik

Über die weitere Geldpolitik will der EZB-Rat erst im September oder Oktober beraten. Draghi lehnte es ab, sich auf einen Zeitpunkt festzulegen. Eine Zinserhöhung erwägt Draghi frühestens, wenn die Notenbank ihre Anleihekäufe beendet hat. Noch bis mindestens Ende Dezember 2017 wird die EZB pro Monat 60 Milliarden Euro in den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen stecken.

Zinspolitik: Finanzmärkte reagieren auf weitere Geldflut

Seit der Pressekonferenz des EZB-Präsidenten am Donnerstag befindet sich der Euro im Höhenflug und hat fast zwei Prozent an Wert gewonnen. Experten sehen die Ursache hierfür in jüngsten Aussagen Draghis zur Kursentwicklung des Euro. Diese wurden "als ungewöhnlich gelassen" bewertet. Zuvor hatten Marktbeobachter argumentiert, dass die EZB den starken Euro mit Sorge sehe. Sie waren davon ausgegangen, dass Draghi seinem Auftritt vor der Presse nutzen werde, um den Euro gezielt zu schwächen. Eine weitere Ursache für den starken Euro sehen Fachleute in den USA. Die Kursschwäche des amerikanischen Dollar habe dem Euro Auftrieb verliehen.

„Draghi hat in seiner Ansprache den Fokus auf die Konsolidierung gelegt, nicht auf das Entwicklungspotenzial“, sagt Michael Neumann, Vorstand der Dr. Klein Privatkunden AG.

Das habe den Tenor seiner Aussage verändert und deshalb den Markt erstaunt. „Das haben wir zum letzten Mal nach der US-Wahl gesehen", so Neumann weiter. Nun reagierte der Markt mit einer Erhöhung um rund 30 Basispunkte bei den zehnjährigen Bundesanleihen.

Michael Neumann: „Lassen Sie sich nicht verunsichern. Das Zinsniveau ist noch immer historisch niedrig". Bild: Dr. Klein Privatkunden AG

Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen steigt um 0,35 Prozent

Seit Ende Juni stieg die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen laut Dr. Klein in der Spitze um 0,35 Prozent. Ihr Allzeit-Tief verzeichnete sie im Juli 2016 nach dem überraschenden Ausgang des Brexit-Votums. Hier lag die Rendite kurzzeitig unter null. Die EZB erhöht durch ihre Anleihekäufe die Nachfrage künstlich, dadurch sinkt die Rendite der Staatsanleihen.

“Durch einen Rückzug aus dem Anleihekaufprogramm entstünde wieder ein echter Markt, auf dem niemand interveniert”, erläutert Neumann.

Wenn die EZB als Käufer ausscheidet, sind Neumann zufolge grundsätzlich fallende Kurse und steigende Renditen der Staatsanleihen zu erwarten.

Bauzinsen: Leichter Anstieg zu verzeichnen

Da Kreditinstitute langfristige Darlehen wie Immobilienkredite zum Teil mit langfristigen Anlageformen wie Pfandbriefen und Staatsanleihen refinanzieren, reagieren laut Dr. Klein auch die Zinsen für Baufinanzierungen auf deren Zinserhöhung.

“Wir haben in der letzten Zeit einen leichten Anstieg gesehen. Aber die Bauzinsen werden weiterhin günstig bleiben”, prognostiziert Neumann.

Immobilienkäufern rät er zu Besonnenheit: “Natürlich spielen die Zinsen eine wichtige Rolle. Sie sollten aber nicht der Hauptgrund sein, Wohneigentum zu erwerben.”

Bauzinsen: Experten sehen EZB vor Drahtseilakt

Zwar habe die wirtschaftliche Erholung an Breite gewonnen, sagte Draghi am Donnerstag, doch ein substanzielles Maß an geldpolitischer Unterstützung sei weiterhin nötig. Eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen in der Euro-Wirtschaft sei jedoch "das letzte", was die EZB wolle, so der Notenbank-Chef.

Christian Lips, Experte bei der Landesbank NordLB, sieht die EZB vor einem Drahtseilakt: "Sie muss einen kontinuierlichen, aber vorsichtigen Ausstiegspfad finden, will sie Marktverwerfungen so weit wie möglich vermeiden." Dass die EZB bereit sei, die Wertpapierkäufe im Hinblick auf Umfang und Dauer auszuweiten, ist laut Ralf Umlauf, Experte bei der Landesbank Hessen-Thüringen, ein Indiz dafür, dass es die EZB mit der geldpolitischen Wende nicht besonders eilig hat.  

"Solange die Niedrigzinsphase anhält, haben die Kassen ein massives Problem, das ihr klassisches Geschäftsmodell bedroht", sagte vor kurzem Professor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim.

dpa-AFX: EZB-Entscheidungen seit dem Start des Euro im Januar 1999

Zinserhöhungszyklus

04.11.1999: 3,00 Prozent (+ 0,50 Prozentpunkte)

03.02.2000: 3,25 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

16.03.2000: 3,50 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

27.04.2000: 3,75 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

08.06.2000: 4,25 Prozent (+ 0,50 Prozentpunkte)

31.08.2000: 4,50 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

06.10.2000: 4,75 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

Zinssenkungszyklus

10.05.2001: 4,50 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

30.08.2001: 4,25 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

17.09.2001: 3,75 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

08.11.2001: 3,25 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

05.12.2002: 2,75 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

06.03.2003: 2,50 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

05.06.2003: 2,00 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

Zinserhöhungszyklus

 01.12.2005: 2,25 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

02.03.2006: 2,50 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

08.06.2006: 2,75 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

03.08.2006: 3,00 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

05.10.2006: 3,25 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

13.12.2006: 3,50 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

14.03.2007: 3,75 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

06.06.2007: 4,00 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

03.07.2008: 4,25 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

Zinssenkungszyklus

08.10.2008: 3,75 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

06.11.2008: 3,25 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

04.12.2008: 2,50 Prozent (- 0,75 Prozentpunkte)

15.01.2009: 2,00 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

05.03.2009: 1,50 Prozent (- 0,50 Prozentpunkte)

02.04.2009: 1,25 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

07.05.2009: 1,00 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

Zinserhöhungszyklus

07.04.2011: 1,25 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

07.07.2011: 1,50 Prozent (+ 0,25 Prozentpunkte)

Zinssenkungszyklus

03.11.2011: 1,25 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

08.12.2011: 1,00 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

05.07.2012: 0,75 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

02.05.2013: 0,50 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

07.11.2013: 0,25 Prozent (- 0,25 Prozentpunkte)

05.06.2014: 0,15 Prozent (- 0,10 Prozentpunkte)

04.09.2014: 0,05 Prozent (- 0,10 Prozentpunkte)

10.03.2016: 0,00 Prozent (- 0,05 Prozentpunkte)

Schlagworte zum Thema:  Zinsen, Europäische Zentralbank, Konjunktur, Euro, Immobilienblase

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