Innovation Hub nimmt Immobilien- und Bauwirtschaft ins Visier

Der Innogy Innovation Hub investiert in Immobilien-Startups, die in der digitalen Transformation führend werden könnten. Weil die Immobilienbranche auf diesem Feld Nachholbedarf hat, ist das Potenzial groß. Im Fokus stehen Zukunftstechnologien für den gesamten Gebäudelebenszyklus.

Wir stehen heute vor einer mächtigen Welle neuer Technologien, die in alle Bereiche unseres Alltags drängen: künstliche Intelligenz (KI) und ihre Algorithmen des maschinellen Lernens, Virtual Reality (VR), Augmented Reality (AR) und nicht zuletzt die daraus resultierende Datenanalyse und -nutzung.

Sie liefern uns nunmehr die Möglichkeit, Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg zu betrachten und Transparenz darüber herzustellen, was innerhalb von Jahrzehnten in ihnen passiert. Diese umfassende Transparenz ist wiederum die Voraussetzung für die Steuerung von intelligenten Gebäuden. Im Sinne der Nachhaltigkeit rücken dabei die Themen Abfall und Energieverbrauch in den Vordergrund – und zwar während des gesamten Lebenszyklus: von der Planung über den Bau bis zum Gebäudemanagement.

In Gebäuden wird weltweit 40 Prozent der Gesamtenergie verbraucht

Derartige neue Technologien, Geschäftsmodelle und Verbrauchsmuster werden den Energiemarkt der Zukunft definieren. Die Zukunft wird von vier globalen Kerntrends bestimmt werden: Dekarbonisierung, Dezentralisierung, Digitalisierung und Demokratisierung. Gebäude spielen in all diesen Trends eine wichtige Rolle.

Denn wir verbringen im Durchschnitt 90 Prozent unserer Zeit in Gebäuden, und diese verursachen 36 Prozent der CO2-Emissionen. In ihnen wird weltweit 40 Prozent der Gesamtenergie verbraucht. Die Internationale Energieagentur erwartet bis 2060 einen Anstieg von bis zu 30 Prozent beim Energieverbrauch im Gebäudesektor. Daher sind Gebäude ein Schwerpunktbereich bei den Investitionsaktivitäten.

Innovation Hub soll neue Lösungen finden

Um innerhalb dieses Spannungsfeldes neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, hat Innogy vor fünf Jahren einen Innovation Hub gegründet. Agiert wird in kleinen Teams an den Standorten, wo weltweit die erfolgreichsten Innovationen stattfinden: im Silicon Valley, in Tel Aviv sowie in Berlin. In der deutschen Hauptstadt befindet sich das Headquarter, das weitere europäische Aktivitäten in London und Warschau steuert.

Neben Digital Disruption, Cyber Ventures und Machine Economy hat Innogy außerdem einen vierten Bereich für sich definiert: Mit dem Feld Smart & Connected ist die Gebäude- und Bauwirtschaft auf den Plan des Innovation Hubs getreten.

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Die Städte werden schrittweise immer smarter, Infrastruktur und Verkehr weiter digitalisiert. Dabei wird das Gebäude zu einer wesentlichen Komponente, in dem Menschen mit immer mehr Endgeräten und Systemen agieren. Energie ist der zentrale Schlüssel auch in diesem System.

Disruption in allen Lebenszyklusphasen eines Gebäudes

Das Gebäude der Zukunft wird ein smarter Organismus, innerhalb dessen

  • Energie sowohl verbraucht als auch erzeugt wird und ein autonomer Energiehandel mit benachbarten Gebäuden stattfindet,
  • Dienstleistungen zur Instandhaltung und Reinigung von Gebäuden auf der Basis von Echtzeitdaten automatisch erzeugt und angefordert,
  • Dienstleistungsverträge automatisiert abgewickelt und
  • Besucher durch die Verwendung von AR- und VR-Technologien durch Gebäude navigiert werden.

Diese Möglichkeiten - und viele weitere - werden sich aus der Nutzung disruptiver Technologien ergeben. Das gilt für alle Lebenszyklusphasen des Gebäudes: in der Planung, während des Baus und beim Management von Gebäuden.

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Neue Geschäftsmodelle sucht Jan Lozek (r.), Geschäftsführer des Innogy Innovation Hub

Der digitale Zwilling von Gebäuden ist die Basis

Es braucht neue Technologien, um eine komplette Gebäudetransparenz zu erzielen. Die Darstellung aller Planungs- und Erstellungsdaten bildet die Basis für den digitalen Zwilling eines Gebäudes. Idealerweise wird dieser zu einem dynamischen Softwaremodell eines physischen Gegenstands oder Systems, das sensorische Daten nutzt.

Eine der Schlüsseltechnologien zur Erstellung eines digitalen Zwillings ist das Building Information Modelling (BIM). Damit lassen sich Gebäude und Infrastruktur effizient planen, entwerfen und bauen sowie über ihre gesamte Lebensdauer hinweg verwalten und instandhalten. Weltweit geht der Trend in vielen Ländern sogar in Richtung einer verpflichtenden Nutzung der BIM-Technologie. Der Innovation Hub investiert in Startups, die dieser Technologie folgen.

Zur besseren Standortplanung Kundenströme analysieren

Eines dieser Startups im Bereich Immobilienplanung ist Placense. Deren neuartige Analysewerkzeuge liefern Unternehmen Daten zu Verbraucherbewegungen und -verhalten in Echtzeit. Diese sind beispielsweise bei der Standortplanung von Einkaufszentren, Bürogebäuden oder Wohnhäusern äußerst wertvoll.

Mit einem Investment in eine solche technologische Lösung will der Energiedienstleister Synergien mit seinem Ursprungsgeschäft herstellen. Diese können von intelligenter Straßenbeleuchtung bis hin zur Standortplanung für Ladepunkte von Elektrofahrzeugen reichen. Placense wird im europäischen Accelerator-Programm Scale Up Hub unterstützt. Dieses soll das Wachstum von potenzialträchtigen Startups in den Bereichen Energie der Zukunft, urbane Lösungen und Kundenerlebnisse beschleunigen.

Auch im Rahmen der Bauphase kann die Digitalisierung wertvolle Dienste leisten. Hier gibt es erhebliches Potenzial zur Steigerung von Produktivität und Effizienz sowie zur Verbesserung der Sicherheit durch die Nutzung entsprechender Technologien.

Ein weiteres, höchst interessantes Startup ist Astralink. Mit dessen AR-basierter Technologie kann jeder Gebäudebesitzer die Wissenslücke schließen, die zwischen den digitalen Konstruktionsplänen und der tatsächlichen Bauumsetzung liegt. Wer weiß schon, ob die Kabel tatsächlich dort verlegt wurden, wo sie von Architekten oder Elektrikern konzipiert wurden? Die Astralink-Technologie überträgt in Echtzeit digitale 3D-Pläne in die Realwelt, sodass jeder Bauunternehmer, Architekt oder Gebäudebesitzer sich vor Ort durch eine kombinierte Real- und Digitalwelt bewegen kann – sozusagen ein maßstabsgetreues BIM. Diese Anwendung zeigt beispielhaft, wie der digitale Zwilling dabei hilft, potenzielle Fehler in der Bauphase zu vermeiden, Kosten zu reduzieren und die geplante Bauzeit einzuhalten. Die Technologie kann darüber hinaus auch dazu genutzt werden, die Arbeitssicherheit zu verbessern sowie den Energieverbrauch zu reduzieren.

innogy Innovation Hub - Verbesserung v Arbeitsabläufen und Kommunikation mit Holo-View
Holo-Light will mit Mixed Reality Arbeitsabläufe und Kommunikation verbessern.

Ein anderes Anwendungsbeispiel betrifft die digitale Transformation der Arbeitswelt: Das Startup Holo-Light setzt unter anderem Mixed Reality ein, um Arbeitsabläufe zu beschleunigen und Wissenstransfers zu erleichtern. Diese Lösung ist ein Baustein, um den digitalen Zwilling über Planung, Bau und Gebäudemanagement bereitzustellen.

Optimierungspotenzial beim Gebäudemanagement

Innovative Technologien in der Planungs- und Bauphase sind Voraussetzung für die Verwirklichung von digitalen und intelligenten Gebäuden. Doch die weitaus größte Zeit im Lebenszyklus des Gebäudes nimmt sein Betrieb in Anspruch.

Vor allem Kosteneffizienz, Termintreue, Kundenzufriedenheit und Nachhaltigkeit sind ausschlaggebend für ein effektives Gebäudemanagement. Besonders interessant sind etwa Startups, die dabei helfen, Investitionen in Gebäude erfolgreich durchzuführen, Ressourcen jeder Art schonender einzusetzen und kosteneffizient zu arbeiten. Aus dem Bereich der Gebäudenutzung stehen hierfür exemplarisch die Startups Basking, Skenarios und Visualix.

Basking seinerseits bietet Belegungsanalysen in Echtzeit, die es Gebäudemanagern ermöglichen, ihre Mietobjekte und -flächen effektiv zu disponieren, Energie ressourcenschonend einzusetzen und damit Gebäude insgesamt effizienter bewirtschaften zu können.

Skenarios wiederum beschäftigt sich mit der Digitalisierung von Immobilienportfolios. Mithilfe von KI und maschinellem Lernen kann Skenarios Rückschlüsse auf den technischen Zustand eines Gebäudes ziehen und Prognosen über die Gebäudestruktur und -qualität liefern. Das gilt auch für Wartungsprognosen und die Bewertung des Ressourcen- und Energieverbrauchs. All diese Daten können dann für ein bestimmtes Portfolio oder eine Smart City abgebildet werden und somit auch Anwendungsfälle für Energieunternehmen und Stadtplaner liefern.

innogy innovation hub - Navigation mithilfe von Visualisierungssoftware_Visualix
Visualix hilft mit Visualisierungssoftware, innerhalb von Gebäuden zu navigieren.

Die Lösung von Visualix hilft Nutzern, durch Gebäude wie beispielsweise Lagerhallen und Fabriken zu navigieren, um bestimmte Objekte oder Anlagen einfach und präzise über Smartphone oder Tablet zu lokalisieren und zu verfolgen. Visualix hat zu diesem Zweck eine Visualisierungssoftware entwickelt, die Online-Informationen für die reale Welt zugänglich und auffindbar macht. Visualix, Skenarios und Basking stehen somit beispielhaft für die Möglichkeiten neuer Technologien, mit denen Kosten gesenkt und die Ressourceneffizienz im Bereich der Immobilienverwaltung verbessert werden können.

Partnerschaft bildet den Grundgedanken

Mit seinen Startup-Beteiligungen in unterschiedlicher Kapitalhöhe verfolgt der Innogy Innovation Hub einen wesentlichen Grundgedanken. Er identifiziert die seiner Analyse nach erfolgreichsten Startups und Geschäftsmodelle mit Partnern seines eigenen Innovations-Ökosystems weltweit. Anschließend wird partnerschaftlich mit den Startups aus dem eigenen Portfolio zusammengearbeitet. Neben einem finanziellen Investment erhält somit jedes Startup Zugang zu weltweiten Kontakten mit Partnern und Entscheidern.

Die Startups profitieren außerdem, indem sie Zugang zu den verschiedenen Bereichen des Innogy-Kerngeschäfts erhalten. In einem Pilotprojekt etwa wird die Funktionsfähigkeit des Produkts getestet. Es geht bis hin zur Erprobung und Nutzung neuer Startup-Technologien in eigenen Gebäuden und Anlagen. Teil des Netzwerks sind auch Immobilienentwickler, Bauunternehmen, Asset-, Portfolio- und Facility-Manager sowie andere Partner, die die Visionen rund um das smarte, intelligente und vernetzte Gebäude der Zukunft teilen.

Der Artikel ist erschienen im "RegionReport Berlin" (3/2019) der Zeitschrift "Immobilienwirtschaft".

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Schlagworte zum Thema:  Startup, Innovation, Digitalisierung, Gebäude