08.03.2016 | Top-Thema Smart City: Die vernetzte Stadt

Smart City: Die vernetzte Stadt

Kapitel
Die meisten Feldversuche spielen sich in Verkehr, Energie und Datenmanagement ab.
Bild: Corbis

„Smart City“ ist als Schlagwort in aller Munde und ziert unzählige Pilotprojekte in den Bereichen Verkehr, Energie und Wohnhäuser. Bei allen Chancen, die eine Vernetzung von Daten bietet, geht es darum, den Blick zu schärfen: darauf, wem die Hochtechnologie nutzt, wer sie bedienen kann – und wer das Ganze bezahlt. 

Leise, sauber, grün – so sieht die Stadt der Zukunft aus. In ihr fahren Autos, die vor einer Schule selbstständig das Tempo drosseln, in ihren Häusern stimmen Heizuhren per Sensor die Temperaturen auf den Alltagsrhythmus der Bewohner ab und in den Straßen lassen sich entspannte Menschen per App das passende E-Verkehrsmittel für den schnellsten Weg zur Arbeit anzeigen. Was im Gesamtbild utopisch erscheinen mag, ist in Teilbereichen längst Realität – und wo noch nicht, wird unter Hochdruck daran getüftelt: Der Schlachtruf „Smart City“ ziert unzählige Forschungsprojekte und Pilotversuche in Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft. Dabei ist die schlaue Stadt letztlich lediglich der Versuch, Daten mit Technologien zu verbinden und „mit Hilfe von Kommunikation in den Dienst des Menschen zu stellen“, wie es etwa die Leiterin von Fraunhofer  Fokus, Prof. Dr. Ina Schieferdecker, beschreibt. „Wir haben uns Städte herausgegriffen, weil sie die größten Verbraucher von Ressourcen sind, aber auch das größte Optimierungspotenzial haben.“

Ihr Institut ist mit 450 Mitarbeitern eines der größten im Fraunhofer-Verbund und forscht in Berlin unter dem Motto „Wir machen Städte schlau“ in unterschiedlichen Themenfeldern. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat jüngst ein eigenes Cluster gegründet mit dem Teilziel, eine „Smart City Charta für Deutschland“ zu entwerfen. Großstädte wie Berlin oder Hamburg haben entsprechende Strategien zu Papier gebracht, in denen sie ihre Projekte bündeln.  DAX-Konzerne wie Siemens und Vertreter der Wohnungswirtschaft beteiligen sich an Pilotprojekten für das digitale Zeitalter: Deutschland als Hochtechnologieland sei bei der Entwicklung vorn mit dabei, bilanziert der  Professor für Immobilienökonomie an der EBZ Business School in Bochum, Dr. Günter Vornholz. „Viele Techniker forschen außerdem erfolgreich an Lösungen, ohne sie gleich mit dem Attribut „smart“ zu versehen.“ Eine „Smart City“-Strategie auf nationaler Ebene indes fehlt.

Feldversuche: Berlin und Bottrop sind Vorreiter

Die meisten Feldversuche spielen sich in Verkehr, Energie und Datenmanagement ab. Berlin ist dabei nicht nur ein bevorzugtes Feld für E-Mobilität und flexible Carsharing-Modelle, es hat mit dem EU-Verbundprojekt „Bentobox“ auch ausprobiert, wie die logistische Infrastruktur auf das veränderte Konsum- und Alltagsverhalten in der Stadt reagieren kann. Die Boxen waren als flexible Module an einem zentralen Standort für alle Lieferunternehmen zugänglich. Sie dienten als Abholstation und Umschlagplatz – Lieferwagen schlossen die Pakete dort ein, Fahrradkuriere übernahmen die Auslieferung zum Kunden.

Auch im nordrhein-westfälischen Bottrop tüftelt die Stadt gemeinsam mit Forschern vom Fraunhofer-Institut an einer intelligenten Logistik-Lösung, die zudem E-Mobilität einbezieht. Mit einem „CityHub“ wollen sie Lieferungen in die Innenstadt bündeln und den Service verbessern. Hamburg wiederum arbeitet an einem „Smart Port“ – einer intelligenten Infrastruktur für den Hafen, der dank vernetzter Informationen Waren- und Verkehrsströme optimiert und Pendler per E-Mobilität zur Arbeit bringt.

Vernetzen und Nutzen von Daten

Das Programm „Smart Port“ erstreckt sich auch auf das zweite Hauptfeld smarter Projekte, Energie. Verwaltung und Hafenbehörden wollen die Industriegebiete um die Elbe zu einem Schaufenster für Energietechnik, alternative Energiequellen und ressourcenschonende Wirtschaft machen. Ein Maßnahmenbündel von der Prüfung von Solarstandorten bis hin zu Datenplattformen zum besseren Koordinieren von Wegstrecken und alternativer Energiezufuhr für liegende Schiffe soll so die Energiewende für den Hafen schaffen – zum Vorbild für seine Stadt und darüber hinaus.

Die Beispiele zeigen, dass es in der Regel um das Vernetzen und Nutzen von Daten geht, die bereits vorliegen und neu koordiniert werden. Die Wohnungswirtschaft ist dabei, die sich daraus ergebenden Möglichkeiten wahrzunehmen; die bisherige Zurückhaltung führen Branchenbeobachter unter anderem auf den strengen Datenschutz in Deutschland zurück. Studien zur  Energieoptimierung etwa fußen häufig auf persönlichen Daten, vom Kühlschrankinhalt bis zur Anwesenheit zu Hause oder dem eingeschalteten Fernsehprogramm – hierzulande ist die Bereitschaft zur Preisgabe solcher Details weitaus weniger ausgeprägt als in Ländern wie etwa Schweden.

In Einzelprojekten stimmen Unternehmer und Versorger Strom- und Heizungsdaten aufeinander ab, digitalisieren Anwendungen und erhoffen sich so sinkenden Verbrauch und Kosteneinsparungen. Anders als bei den großflächigen Feldversuchen im öffentlichen Raum, die auf die Dynamik von Metropolen bauen, setzen bei Testprojekten für „Smart Homes“ auch Unternehmen abseits der Zentren Standards.

So hat die Wewobau in Zwickau in 62 Wohnungen technische Assistenzsysteme eingebaut, die Mieter darin unterstützen, Energiekosten einzusparen. Beispielsweise drosseln Thermostate automatisch die Wärme, wenn Fenster offenstehen. Ein zentrales Steuerungspanel im Flur zeigt den Bewohnern ihren Verbrauch an und ermöglicht Eingriffe. Die sächsische WBG Burgstädt  bietet ihren Mietern ein Technik-Paket unter anderem aus Rauchmeldern, Wassersensoren, zentralen Stromabschaltfunktionen und elektronischem Türschließsystem an. Die Premiumvariante beinhaltet eine Erinnerungsfunktion für die Medikamenteneinnahme und die Möglichkeit, Essen per Panel zu bestellen. Noch sind solche hochgerüsteten Wohnungen Unikate, mittelfristig könnten sie zum Massenphänomen werden: Das Beratungsunternehmen Deloitte schätzt, dass die Anzahl der Haushalte, die intelligent vernetzte Sensoren und Geräte einsetzen, bis 2020 auf eine Million steigt – es wäre eine Verfünffachung innerhalb von fünf Jahren.

Wohnungsunternehmen: Steigende Nachfrage

Wohnungsunternehmen und Technologiefirmen rechnen vor allem wegen des demographischen Wandels mit entsprechend steigender Nachfrage. Immer mehr ältere Menschen wohnen allein in Wohnungen, in denen sie möglichst lange bleiben wollen. In Zwickau kooperiert die Wewobau in ihrem Modellprojekt daher nun mit der örtlichen Hochschule, um die durch Technik eingesparte Energie für auf Senioren zugeschnittene Anwendungen zu nutzen. Dazu zählt etwa ein Aktivitätsmonitoring: Weicht jemand zu lange von seinen Alltagsrhythmen ab, erhält eine zweite Person ein Warnsignal. Auch das Burgstädter Vorhaben zielt in seiner Kombination von Technik und Dienstleistung auf ein längeres selbstbestimmtes Leben ab – nicht umsonst trägt das Projekt den Titel „Die mitalternde Wohnung“.

Dieser Fokus und die Praxiserprobungen stellen nicht nur sicher, dass die Anwendungen funktionieren. So garantieren die Unternehmen auch, dass Möglichkeiten und Nutzen aufeinander abgestimmt sind. Denn egal ob es sich um smarte Ampeln oder clevere Belüftungssysteme handelt – irgendjemand muss dafür bezahlen. Längst warnen Architekten und Klimaingenieure, dass von hochgerüsteten Häusern bislang vor allem die Technik- und Dämmstoffindustrie profitiere. Häufig seien Nutzer überfordert, bedienten Geräte falsch und erhöhten so eher den Energieverbrauch eines Hauses, dazu kämen die hohen Investitions- und Unterhaltskosten solcher Systeme. Auch das Deutsche Institut für Urbanistik kritisiert, dass auf der Suche nach Normen und Standards für „smarte“ Entwicklungen einseitige die Interessen global tätiger Konzerne verfolgt würden.

Während sich bei öffentlichen Bauten bisweilen der Bundesrechnungshof einschaltet, sieht die Wohnungswirtschaft im Immobilienbereich weniger Gefahren des Ausuferns. Unternehmer und Projektentwickler stünden unter enormem Kostendruck, sagt der zuständige Referent bei Branchenverband GdW, Fabian Viehrig. Bei jeder technischen Innovation werde darauf geachtet, ob sie den Bewohnern diene und sich rechne. „Bei Neubauten liegen wir im Moment bei etwa 9 bis 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter. Mit High-End-Lösungen und digitalen Finessen können sich solche Zahlen auch verdoppeln“, erklärt Viehrig. Gerade weil die Verbandsunternehmen vielfach untere bis mittlere Einkommensschichten bedienten, müsse bei jeder Anwendung die Zahlungsbereitschaft mit abgefragt werden. „Barrierefrei muss sein, aber brauche ich wirklich einen App-gesteuerten Rollladen im Mehrfamilienhaus?“, gibt der GdW-Referent zu bedenken.

Der Immobilienökonom Vornholz sieht neben dem Nutzen die Anwendbarkeit als zentrales Element.  „Jede technische Möglichkeit muss sich nicht nur als smart beweisen, sondern auch einer ökonomischen und einer Bewertung aus Nutzersicht standhalten.“ Teure energiesparende Geräte seien sinnlos, wenn sie der Mensch nicht verstehe – eine Erfahrung, die er selbst gemacht hat: Ein Techniker hatte in seinem Haus eine raffinierte Heizungsanlage eingebaut, mit unzähligen Funktionen, die auf einem winzigen Display eingeblendet und über noch kleinere Knöpfchen kombiniert werden konnten. „Abgesehen davon, dass man die Schrift auf dem Display kaum lesen konnte, war das alles viel zu kompliziert“, erzählt Vornholz. Er bat den Techniker, die Anlage gegen eine einfachere zu tauschen. Die spart vielleicht ein Quäntchen weniger Energie – dafür bleibt der Mensch derjenige, der über Wärme und Luft im Haus entscheidet. 

 

Dieser Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 03/2016, erschienen.

Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Energiemanagement, Green Building, Nachhaltigkeit

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