08.03.2016 | Top-Thema Smart City: Die vernetzte Stadt

Internationale Beispiele: Das machen andere Länder

Kapitel
Eines der Modellprojekte für eine zukunftsorientierte Stadt ist der Royal Seaport in Stockholm.
Bild: Corbis

Auch international gibt es Vorreiter im Smart City Bereich, z. B. in Schweden, Österreich oder den Niederlanden.

Stockholm: Ein ehemaliges Industrieareal wird zum Smart Showroom

Stockholm zählt zu den am schnellsten wachsenden Städten Europas. In wenigen Jahren soll die Einwohnerzahl von derzeit 860.000 die Millionengrenze überschreiten, entsprechend sollen bis zum Jahr 2021 mehr als 100 Milliarden Euro in den Wohnungsneubau investiert werden. Vor zehn Jahren hat die Stadt mit der „Vision 2030“ das erste Mal Fragen und Gedanken zu ihrer Entwicklung im digitalen Zeitalter aufgeworfen. 2010 kürte die Europäische Union Stockholm zur ersten Umwelthauptstadt Europas – unter anderem wegen Ansätzen zu Mobilität und Infrastruktur, Müllentsorgung und ressourcenschonendem Bauen. Eines der Modellprojekte für eine zukunftsorientierte Stadt ist der Royal Seaport, ein ehemaliges Hafengebiet, das an die Innenstadt anschließt und von einem Nationalpark umgeben ist. Auf 236 Hektar sollen bis 2030 etwa 12.000 neue Wohnungen entstehen und drei Mal so viele Arbeitsplätze. Dabei denken die Planer nicht nur an ein Verzahnen von Wohnen und Wirtschaft, sondern auch an den Modellcharakter – der Royal Seaport fungiert explizit als Aushängeschild für die Innovationskraft der schwedischen Wirtschaft, entsprechend ehrgeizig sind die Ziele gesetzt: Bis 2020 soll der CO2-Ausstoß auf weniger als 1,5 Tonnen pro Personen sinken, ein Drittel des derzeitigen Verbrauchs. Zehn Jahre später sollen die Einwohner klimaneutral leben – für die Gesamtstadt ist ein solches Ziel erst für 2050 angepeilt. Den Weg dorthin ebnen intelligente Technologien in und an Gebäuden sowie bei Entsorgung und Infrastruktur; Abwasser- und Infrastruktursysteme etwa berücksichtigen den fortschreitenden Klimawandel und sind auf größere Niederschlagsmengen angelegt. Umweltfreundliche Fähren, Straßenbahnen und Busse verbinden den Royal Seaport mit dem Stadtzentrum.

In einem Modellprojekt sind in diesem Jahr 150 Familien eingeladen, in technisch hochgerüstete Wohnungen zu ziehen und umfassend Daten zu ihren Lebensgewohnheiten und dem damit verbundenen Strom- und Wasserverbrauch, Versorgungs- und Mobilitätsmustern zu liefern. Aus den Ergebnissen erhoffen sich Kommune und Wirtschaft Lösungen für einen minimierten Energieverbrauch, die für das Viertel und später als grundsätzlicher Standard für Bauprojekte gelten sollen.  

Wien: Smart in der Seestadt

Auch Wien hat sich mit einer „Smart City Strategie“ Zukunftsfragen gestellt – etwas später als die Stockholmer, aber nicht weniger ehrgeizig. Es gehe darum, „die beste Lebensqualität für alle Wienerinnen und Wiener zu garantieren und dabei Ressourcen durch umfassende Innovationen zu schonen“, formuliert es die gut 1,7 Millionen-Einwohner-Stadt. Hauptziele sind eine Senkung des CO2- und Energieverbrauchs, neue Mobilitätskonzepte und eine „Aktivierung“ der Bewohner – sie sollen zu Trägern und Vorreitern einer zukunftsfähigen Stadt werden.

Konkret erproben in der Seestadt Aspern der Siemens-Konzern und die Stadtwerke, wie Gebäude, Stromnetz und Energiemarkt vernetzt werden können und so das gesamte 240 Hektar große Stadtentwicklungsprojekt energieeffizienter machen. Dabei arbeiten sie mit Gebäude-, aber auch Wetterdaten, Raumtemperaturen und Luftqualität. Verschiedene Wohn- und Gebäudetypen sind involviert. Das Vorhaben gilt als Modell für ein gelungenes Joint-Venture zwischen Konzern und Kommune sowie als Forschungsprojekt mit konkretem Nutzen für Bewohner: Die Ergebnisse könnten etwa in ein flexibles Stromtarif-System einfließen. Insgesamt sollen in Aspern bis 2028 etwa 20.000 Arbeitsplätze entstehen, ebensoviele Menschen sollen dort leben; die ersten 6.000 dürften noch in diesem Jahr einziehen.  

Utrecht: Gemeinsam smart

Auch Utrecht wächst und macht sich Gedanken über den technologischen Standard seiner Neubauten. Mehr noch fokussiert die Stadt allerdings auf den großen Hemmschuh beim Wandel zur Klimaneutralität: Den Bestandsgebäuden.

Den Grundstein für eine gesamtstädtische Lösung legte die viertgrößte Stadt der Niederlande mit Hilfe eines Software-Programms, mit dem der energetische Zustand eines Hauses, Einsparpotenziale und zu erwartende Kosten einer Sanierung in Bezug gesetzt wurden. In einem zweiten Schritt konnten so gemeinsam mit Bürgern und Unternehmern Prioritäten gesetzt werden. Kommune, Wohnungsunternehmen und Energieversorger konzentrieren sich nun zunächst auf Bestandsgebäude im sozialen Wohnungsbau.

Als innovativ gelten dabei nicht nur das Ergebnis – Nullenergiehäuser -, sondern auch der Weg dorthin. Für die Sanierungsarbeiten ist in der Regel eine knappe Woche veranschlagt. Die Kosten bestreiten die Wohnungsunternehmen aus den Stromrechnungen – die nämlich überweisen die Mieter nicht mehr an die Energiekonzerne, sondern ihre Vermieter. Sobald die Vermieter die Kosten beisammen haben, beginnt die Sanierung. Utrecht will bis 2020 insgesamt 50.000 Gebäude mit diesem Modell renovieren, zehn Prozent davon im Privatbesitz, den Rest im sozialen Wohnungsbau.


Dieser Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 03/2016, erschienen.

Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Energiemanagement, Green Building, Nachhaltigkeit

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