08.03.2016 | Top-Thema Smart City: Die vernetzte Stadt

Das meint die Branche

Kapitel
Bild: Karoline Wolf

Wir haben nachgefragt. Das sagt die Branche zum Thema „Smart Cities“. Drei Fragen, drei Antworten an Experten aus der Immobilienwirtschaft.

Jan Hebecker, Leiter Daten & Märkte bei ImmobilienScout24:

Welche Chancen und Risiken verknüpfen Sie mit einer Smart City?

Die Smart-City bietet großes Potenzial für wirtschaftliches Wachstum, insbesondere für die Immobilienwirtschaft. Eine intelligente digitale Vernetzung urbaner Räume ermöglicht es, Ressourcen viel effizienter zu verwenden, etwa im Bereich der Energieversorgung. Aber auch der Nahverkehr oder die tägliche Versorgung mit Gütern würden enorm profitieren. Voraussetzung ist eine umfassende Digitalisierung der gebauten Umwelt. Doch hier sehe ich derzeit keinen Akteur, der dieses Thema wirksam auf die politische Agenda bringt.

Wie setzt sich Ihr Unternehmen konkret damit auseinander?
Als führendes Online-Portal treiben wir die Digitalisierung in der Immobilienbranche voran. Wir bringen heute nicht mehr nur Angebot und Nachfrage effizient zusammen, sondern lernen durch die täglich anfallenden Daten immer mehr über die tatsächlichen Bedürfnisse der Akteure. Wir kennen beispielsweise die Energieeffizienz der bei uns inserierten Objekte und stellen diese Informationen für Forschungszwecke zur Verfügung. Wir unterstützen hier etwa das Deutsche Geo-Forschungs-Zentrum GFZ bei einem Projekt zur Identifizierung von CO2-Einsparungspotenzialen in Städten mit Daten. Ein Schritt in Richtung Digitalisierung der gebauten Umwelt.

Die Stadt in 20 Jahren - wie sieht sie aus?
Die Smart-City beginnt in den Zentren der großen Metropolen. Dort ist der Individualverkehr beinahe vollständig verschwunden, was zu einer erheblichen Verbesserung hinsichtlich der Feinstaubbelastung geführt hat. Die Menschen nutzen intelligente Car-Sharing-Modelle und kostenfreien Nahverkehr. CO2-neutrale Gebäude sind nicht mehr die Ausnahme, sondern Standard. Jede Wohneinheit ist intelligent mit Versorgungseinrichtungen und Behörden vernetzt.

 

Lars Dormeyer, Geschäftsführer der Deutsche Wohnen Construction and Facilities GmbH:

Welche Chancen und Risiken verknüpfen Sie mit einer Smart City?

Der Begriff Smart City formuliert den Anspruch, Leben und Zusammenleben in der Stadt effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Für die Deutsche Wohnen als einem der größten Wohnungsunternehmen Deutschlands ist dieser Anspruch eine große Chance, unsere Kompetenzen beispielsweise in der effizienten Energieversorgung oder Quartiersentwicklung noch stärker einzubringen. Dabei gilt es, prozessbasierte Effizienzgewinne vor allem im Sinne der Mieter anzustreben und sichtbar zu machen sowie gleichzeitig auf vertrauensvolle und kompetente Partner zu bauen.

 

Wie setzt sich Ihr Unternehmen konkret damit auseinander?

In der Energieversorgung unserer Bestände arbeiten wir gemeinsam mit verschiedenen Partnern an Kraft-Wärme-Kopplungs-Systemen, nutzen Photovoltaikanlagen zur Energiegewinnung sowie weitere Möglichkeiten der effizienten Energieerzeugung und -versorgung. Aber auch das Thema Elektromobilität wird im Unternehmen diskutiert und erste konzeptionelle Ansätze geplant, beispielsweise die Bereitstellung von Aufladestationen für Mieter, die Elektro-Autos nutzen. Smart City heißt für uns aber eben auch aktive Quartiersarbeit, die intelligente Vernetzung von Partnern und Dienstleistungen im Sinne der Bewohner.

 

Die Stadt in 20 Jahren - wie sieht sie aus?

Es ist zu erwarten, dass sich die Immobilienwirtschaft dem Thema Digitalisierung weiter öffnen wird und Mieter dies auch berechtigterweise von ihren Vermietern einfordern. Sicher wird Stadtentwicklung insgesamt und damit auch Wohnen stärker in technologischen Zusammenhängen gedacht. Insbesondere durch prozessuale Effizienz und Transparenz werden die Immobilienwirtschaft und die Energiewirtschaft enger miteinander verflochten sein, um nicht zuletzt auch die sehr ambitionierten Klimaschutzziele der Energiewende erreichen zu können.

 

Silvana Eva Ott, Geschäftsführerin Eike Becker Architekten:

Welche Chancen und Risiken verknüpfen Sie mit einer Smart City?

„Smart Cities“– oft wird der Begriff zu technologielastig interpretiert; zu stark wird auf reine Informationsvernetzung gesetzt. Smart City verstehe ich vielmehr als von Zukunftsthemen unter Einbeziehung aller städtischer Bereiche des Lebens. Dazu gehört eine soziale Utopie, die Nachbarschaften neu denkt, die sich nicht damit begnügt, Häuser, Straßen und Plätze zu bauen, sondern die Gesellschaft baut, indem sie Menschen zusammenbringt. Stadt besteht dann nicht mehr aus festgefügten Infrastrukturen, sondern aus vielen vitalen Mikrozellen, die sich selbstständig organisieren. Reale Nachbarschaften spielen eine entscheidende Rolle. Ressourcen wie Energie oder Mobilität werden völlig anders genutzt. Smart Cities dürfen nicht von Inselstrategen gedacht werden, sondern müssen interdisziplinär vorangetrieben werden. Denn Innovationen entstehen leider auch nur außerhalb der eigenen Komfortzone…

 

Wie setzt sich Ihr Unternehmen konkret damit auseinander?

Neben zentralen Themen wie Nachhaltigkeit, Demographie und Mobilität stellt sich für uns im Büro immer häufiger die Aufgabe, wie Menschen zusammenkommen, wie wir Menschen auch in der Stadt zusammenbringen. Derzeit beschäftigen wir uns z.B. mit zwei Konversionsprojekten, ehemaligen Bürohochhäuser, die zu Wohnzwecken umgenutzt werden und die uns faszinieren. In den oberen Etagen sind möblierte Miniapartments vorgesehen, im großen Sockel planen wir einen zeitgenössischen Marktplatz mit eingestellten Räumen wie Bibliothek, Kino, Concierge, Kaminzimmer, Küche für gemeinsames Kochen, ein Restaurant, Arbeitsräume und ein Waschsalon. Gemeinsam bilden sie einen Raum des Übergangs zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen – einen Ort, der der ganzen Nachbarschaft gehört und in dem ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Die Projekte bieten uns die große Chance, unsere Vorstellungen von gemeinschaftlichem Leben in der Stadt umzusetzen.

 

Die Stadt in 20 Jahren - wie sieht sie aus?

Das Energiethema werden wir vermutlich weit verändert haben. Auch Mobilität wird vollkommen anders aussehen, auf Fußgänger und Fahrradfahrer wird größeres Gewicht gelegt werden. Die Gesellschaft wird differenzierter und integrativer sein. Teilen und Mieten gewinnen weiterhin an Bedeutung. Über zwei Drittel der Europäer leben derzeit in Städten. Zukünftig werden weiterhin weltweit Millionen Menschen in Städte einwandern, Verdichtung und Wachstum bleiben große Themen. Somit wird weiterhin mehr in die Höhe gebaut werden, zugleich werden Freiflächen für Regeneration und Teilhabe an Bedeutung gewinnen. Wohnraum selbst gilt es künftig noch effizienter zu nutzen. Dabei braucht die Nähe zu hochmoderner Technik und Fortschritt auch die Idee des „Dorfes“ in der großen Stadt: Nachbarschaften werden zu Mikroeinheiten, die sich untereinander intensiver verbinden.

 

Gregor Grassl, Teamleiter City Development bei Drees & Sommer:

Welche Chancen und Risiken verknüpfen Sie mit einer Smart City?

Eine Smart City besticht durch ihren intelligenten Umgang mit Ressourcen. Übergreifende Konzepte ermöglichen eine effiziente Energieversorgung und senken den Gesamtressourcenverbrauch. Darüber hinaus schafft die neue Art der Stadt eine hohe Lebensqualität: Innovative, vernetzte Mobilitätstechnologien erleichtern den Alltag – man denke zum Beispiel an das fahrerlose Auto – dann wird bisher verlorene Zeit im Stau zur sinnvollen Arbeitszeit oder Erholung mit einem Buch auf der Rückbank. Außerdem wird die Smart City eine gesunde Stadt sein: mit Grünflächen und guter Luft. Der wichtigste Schritt dafür ist, einheitlich zu definieren, was genau eine Smart City ist. Oft wird der Begriff ausschließlich mit der Digitalisierung in Verbindung gebracht. Soziokulturelle und ökologische Faktoren gehören allerdings genauso zur lebenswerten Stadt der Zukunft wie technische und wirtschaftliche.

 

Wie setzt sich Ihr Unternehmen konkret damit auseinander?

Wir betrachten die Stadt als Ganzes. Das heißt von den demographischen Prognosen und den technischen Möglichkeiten bis hin zur Lage und den Entwicklungszielen fließen alle Faktoren in die Konzepte mit ein. Rein eindimensionale technische Konzepte, wie ein intelligentes Stromnetz reichen nicht aus. Erst durch eine ganzheitliche Infrastrukturplanung können Synergien zwischen den Medien gehoben werden. Um im Betrieb erfolgreich zu sein, muss auch das Management integriert werden. Je vernetzter die Strukturen innerhalb der Stadt sind, umso wichtiger wird dies. Nur so können alle Beteiligten gemeinsam zu einem positiven Gesamtergebnis kommen.Auf dieser Basis haben wir beispielsweise für die Nachnutzung von Berlin Tegel ein integriertes Infrastruktur- und Energiekonzept entwickelt. Dazu gehören auch IT-, Energie-, Wasser- und Verkehrsinfrastruktur.In Wien begleiten wir derzeit die Entwicklung des Quartiers Viertel Zwei – das kürzlich von der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) in Platin vorzertifiziert wurde. Auch hier verbinden wir energetische Themen mit soziokulturellen. Das Stadtviertel bleibt autofrei. Zusätzlich schaffen Spielplätze und ein Kindergarten Freiräume für die jüngsten Bewohner. Die unterschiedlichen Nutzer sind in den Energieverbund Energie Krieau eingebettet. Dieser Verbund nutzt erneuerbare Ener­giequellen wie Grundwasser, Erdwärme, aber auch die Sonne für die Energieproduktion am Standort. Nach dem Heizen oder der Warmwassernutzung verbleibende Restenergie wird erneut in den Kreislauf eingespeist. Damit lassen sich die CO2-Emissionen signifikant reduzieren.

 

Die Stadt in 20 Jahren – wie sieht sie aus?

In 20 Jahren wird die Stadtentwicklung an einem Wendepunkt angelangt sein. Die neuen Technologien werden zum größten Teil umgesetzt sein. Betrachtet man die technologischen Entwicklungen in den vergangenen 20 Jahren, wird die Geschwindigkeit deutlich. Die Technik für viele Smart-City-Faktoren gibt es heute bereits. Es geht vermehrt darum, Gesetze anzupassen und das Management aufzustellen. Die Impulse dafür werden vor allem aus privaten Haushalten stammen. Ähnlich wie Smartphones zunächst von Privatpersonen genutzt wurden, werden Smart Homes eine weitere Vernetzung auslösen, die sich über kurz oder lang in der gesamten Stadt durchsetzen. In 20 Jahren sieht man vernetzte technische Entwicklungen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen – zum Beispiel beim autonomen Autofahren.

Gordon Gorski, Geschäftsführer Hochtief Projektentwicklung:

Welche Chancen und Risiken verknüpfen Sie mit einer Smart City?

Beschränkt man den Begriff Smart City nicht nur auf technologiebasierte Innovationen und Veränderungen, sondern betrachtet man ihn allumfassend, so liegen die Chancen vor allem in einer ökologisch und sozial nachhaltigen Stadtentwicklung. So kann beispielsweise die Vernetzung das generationenübergreifende Zusammenleben und das Miteinander soziokultureller Gruppen stärken. Die Mischung unterschiedlicher und neuer Funktionen wird kleinräumig zunehmen und so den Austausch innerhalb der Stadtgesellschaft fördern. Innovationen sowie zeit- und ressourcensparende Verkehrskonzepte verhelfen zu einer verbesserten und kostengünstigeren Mobilität. 

Je höher der Grad der Technisierung einer Smart City ist, desto größer ist ihre Abhängigkeit und Anfälligkeit. Und das Mehr an Technik könnte eine stärkere Anonymisierung der Individuen in der städtischen Gesellschaft bewirken. Zudem bergen Vernetzung und Digitalisierung immer Risiken der Datensicherheit. Da ist der Gedanke an Hackerangriffe oder an den gläsernen Menschen nicht weit. Auch die stärkere, engräumigere Durchmischung kann zu Spannungen führen.

 

Wie setzt sich Ihr Unternehmen konkret damit auseinander?

„Konkret übersetzen wir den umfassenden Gedanken der Smart City auf unsere jeweiligen Projekte. Wir planen sie unter vielseitigen, vor allem nachhaltigen Gesichtspunkten. Dazu zählen unter anderem Effizienz, Nutzung und Vernetzung. Alle Gebäude werden zertifiziert. Eine entsprechende Gebäudeautomation sorgt für den ökonomischen und ökologischen Betrieb. Aber auch die städtebauliche und verkehrsplanerische Komponente spielt eine große Rolle. Das Projekt darf kein Solitär sein, sondern muss als Bestandteil des Stadtgefüges begriffen werden. Bei Wohnprojekten sind zudem Aspekte des Zusammenlebens mehrerer Generationen oder verschiedener Gruppen zu berücksichtigen. Mit der Entwicklung von Quartieren gilt es darüber hinaus, innerhalb der Stadt oder eines Stadtteils auch Aufgaben zu übernehmen. 

 

Die Stadt in 20 Jahren - wie sieht sie aus?

Eigentlich bräuchte man für eine Antwort eine Glaskugel, denn schließlich kann man wie bei dem Film „Zurück in die Zukunft“ mit seiner Voraussicht ziemlich danebenliegen. Dennoch lassen sich sicherlich ein paar Vorhersagen machen: Die Stadt ist hochverdichtet und deutlich mehr in die Höhe gewachsen. Auf engstem Raum finden sich die unterschiedlichsten Nutzungen. Urbaner Gartenbau oder urbane Landwirtschaft sind Selbstverständlichkeit, begrünte Fassaden und Dachgärten weit verbreitet. Integrierte Windkraftanlagen zieren größere Gebäude. Selbstfahrende Autos prägen den Verkehr. Eine hochtechnisierte Umwelt vernetzt die vielfältigen Funktionen einer Stadt mit den unterschiedlichen Lebensbereichen der Bewohner.

Dieser Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 03/2016, erschienen.

Hier geht's zur Bilderserie "Smart City – das sagt die Branche"

Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Energiemanagement, Green Building, Nachhaltigkeit

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