19.07.2016 | Bürgerbeteiligung

Projektentwickler zwischen Baum und Borke

Für Touristen muss es auch Unterbringungsmöglichkeiten geben. Doch an der Ostsee existieren hierfür wegen des Landschaftsschutzes kaum noch Möglichkeiten.
Bild: MEV Verlag GmbH, Germany

Wenn es um mangelnde Bürgerbeteiligung geht, werden oft Projektentwickler zu Sündenböcken erklärt. Dabei sind vor allem die Kommunen in der Pflicht. Wie der Dialog gelingen kann, zeigt ein Beispiel von der Ostseeküste.

Unabhängig ob in Großstädten oder in ländlichen Regionen: Immer öfter geraten Projektentwickler in die Schusslinie von Anwohnern – zum Beispiel, wenn eine beliebte Freifläche bebaut werden soll. Dabei liegt die Planungshoheit für Neubauprojekte nicht beim Projektentwickler, sondern bei der Gemeinde. Die Projektentwickler zu Sündenböcken einer verfehlten Bürgerkommunikation zu machen, wird dieser Realität nicht gerecht. Stattdessen stehen die Kommunen in der Pflicht, rechtzeitig vor der Planfeststellung in einen Dialog mit den Menschen zu treten.

Praxisbeispiel Ostsee

Das zeigt auch ein Beispiel aus der Praxis: Viele Gemeinden an der Ostsee haben ein berechtigtes Interesse daran, den aufstrebenden Ostseetourismus für sich zu nutzen, und erstellen auf Grundlage des Landesentwicklungsprogramms entsprechende Tourismuskonzepte. Um die Aufnahmekapazitäten für Touristen zu erhöhen, muss häufig auch der Neubau gefördert werden. Das kann lagebedingt zu einer Bebauung von Landschaftsschutzgebieten führen. Denn neben den bewohnten Bereichen gibt es etwa entlang der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns kaum Flächen, die nicht wenigstens unter Landschaftsschutz stehen. Das heißt, wann immer eine Gemeinde den Neubau beschließt, hat sie lediglich zwei Möglichkeiten: Entweder sie verdichtet das Ortszentrum, das wegen historischer Bausubstanz und wegen des Ortsbildes nicht selten schützenswert ist. Oder sie sieht geschützte Flächen am Ortsrand für die Bebauung vor.

Bauen fordert Aufklärungsarbeit

Vor diesem Hintergrund ist es auch für die Gegner solcher Neubauprojekte wichtig zu verstehen, dass eine Verhinderung der Flächenausweisung vielerorts geradewegs in eine Zwickmühle führt. Vor allem dann, wenn Einnahmen überwiegend aus dem Tourismus generiert werden und für die Bürger nur wenige andere Verdienstmöglichkeiten vorhanden sind. Damit wird der Niedergang tradierter, schützenswerter Städte und Ortschaften zugunsten des Landschaftsschutzes in Kauf genommen.

Projektentwickler sind sich der Verantwortung durchaus bewusst, die sie gegenüber der Natur und den Menschen haben. Dies zeigt sich daran, dass die tatsächliche Ausnutzung einer Baufläche oft geringer ist, als ursprünglich zugelassen wurde. Projektentwickler haben schließlich selbst ein Interesse daran, die baulichen Eingriffe so gering wie möglich zu halten. Auch aus wirtschaftlichen Gründen: Je weniger Wohneinheiten in einer attraktiven Wohngegend entstehen, desto exklusiver sind sie und desto besser lassen sich die Objekte später verkaufen.

Interessen liegen eigentlich eng beieinander

Die Interessen von Anwohnern und Projektentwicklern liegen also sehr viel enger beieinander, als viele Bürger wissen. Oftmals gelingt es der Politik jedoch nicht, diesen Interessensausgleich zu vermitteln und den Nutzen von Projekten für das Allgemeinwohl deutlich zu machen. Immer wieder ist zu beobachten: Je größer und namhafter ein Unternehmen ist, das in die Bebauung einer Fläche investiert, desto eher scheint es Ziel bürgerlicher Anfeindungen zu werden. Richtig ist aber auch, dass nicht nur Erfahrung und Fachkompetenz, sondern gerade auch eine gewisse Finanzstärke Projektentwickler in die Lage versetzen, Verantwortung zum Wohl aller Beteiligten und Betroffenen wahrzunehmen. Damit dies ins Bewusstsein breiter Bevölkerungsschichten dringt, ist jedoch eine größere Transparenz bei der Entscheidungsfindung auf Seiten der Behörden und der Projektentwickler gefordert. Nur dann kann eine Atmosphäre der konstruktiven Kommunikation erzeugt werden.

Der Text ist im Fachmagazin "Immobilienwirtschaft", Ausgabe 07-08/2016, erschienen.

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Schlagworte zum Thema:  Projektentwicklung, Bürgerbeteiligung, Tourismus

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