Gegen den Trend wurden laut Destatis wieder mehr Wohnungen in Mehrfamilienhäusern genehmigt Bild: MEV-Verlag, Germany

Die Nachfrage nach Wohnungen in Deutschland ist groß. Dennoch wurden zwischen Januar und September 2017 sieben Prozent weniger Wohnungen (19.500) genehmigt als in den ersten drei Quartalen 2016, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt. Immobilienverbände fordern einen nationalen Aktionsplan für den Neubau und weniger Regulierung.  

Nach Angaben des Hessischen Statistischen Landesamtes ist die Zahl der Baugenehmigungen alleine in Hessen, wo die Lage vor allem in den Ballungsräumen und Universitätsstädten brisant ist, im dritten Quartal 2017 um 5,1 Prozent und damit um 350 Wohneinheiten im Vergleich zum Vorjahresquartal zurückgegangen.

Genehmigungen in Mehrfamilienhäusern im Plus

Laut Destatis lagen bundesweit gegen den Trend Genehmigungen von Wohnungen in Mehrfamilienhäusern mit 0,9 Prozent (1.160 Einheiten) im Plus. Rückläufig waren die Zahlen für Einfamilienhäuser (minus 5,7 Prozent auf 69.000 Einheiten) sowie für Wohnungen in Wohnheimen (minus 40,9 Prozent auf 10.872 Einheiten). Hierzu zählen Flüchtlingsunterkünfte.

Auch die Zahl der Wohnungen, die durch genehmigte Um- und Ausbaumaßnahmen an bestehenden Gebäuden entstehen sollen, ging deutlich zurück: um minus 20,8 Prozent beziehungsweise 8.100 Wohnungen weniger.

Bereits von Januar bis August 2017 wurden 15.400 Wohnungen weniger genehmigt als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, wie das Statistische Bundesamt im Oktober mitteilte.

In den ersten neun Monaten 2016 waren in Deutschland 276.297 Wohnungen genehmigt worden – so viele wie seit 1999 (331.600) nicht mehr. Die Zahlen hochgetrieben hatten vor allem Mehrfamilienhäuser und Wohnheime. Die Bauindustrie gab für diesen Zeitraum allerdings zu bedenken, dass zu viele Genehmigungen nur zu Spekulation eingeholt worden seien.

ZIA: Politik muss auf Anreize statt Verbote setzen

"Wir dürfen nicht zulassen, dass dem Wohnungsbau jetzt die Puste ausgeht", kommentierte Dr. Andreas Mattner, Präsident des ZIA Zentraler Immobilien Ausschuss, die Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

"Wir brauchen den Gesetzgeber, um das Umfeld für neue Baumaßnahmen und Investitionen zu verbessern", sagte Mattner.

Der Verband plädierte zum wiederholten Mal für schnellere Grundstücksvergaben und Baugenehmigungsverfahren sowie neue Anreize für den Wohnungs- und Nichtwohnungsbau.
Die Erhöhung der linearen AfA von derzeit zwei auf mindestens drei Prozent sei überfällig.

"1990 gab es in Deutschland rund 5.000 Bauvorschriften, heute sind es über 20.000", sagte Mattner. "Wenn wir das Ziel von 1,5 Millionen neuen Wohnungen pro Jahr wirklich und ernsthaft verfolgen wollen, müssen wir diesen Bürokratiewahnsinn stoppen und das bestehende Umfeld vereinfachen."

IVD: Regulierungsmaßnahmen gehören nicht auf den Tisch

Der anhaltende Trend der zurückgehenden Baugenehmigungszahlen sei befremdlich, sagte Jürgen Michael Schick, Präsident des Immobilienverbands Deutschland (IVD).

"Das zeigt, dass die Politik der Regulierung auf ganzer Linie versagt hat", so Schick.

Die Erneuerung der Wohnungspolitik mit einem nationalen Aktionsplan für mehr Neubau und mehr Wohneigentum müsse vorangetrieben werden. Der Bund sei in der Pflicht, das Steuer herumzureißen und die Wohneigentumsförderung an sich zu ziehen, so wie es die Union bereits vor der Wahl gefordert habe.

"Auf keinen Fall dürfen neue Regulierungsmaßnahmen aufgesetzt werden", meint der IVD-Präsident.

2016 wurden die meisten Wohnungen in Wohnheimen genehmigt

In den ersten neun Monaten 2016 wurden die meisten Wohnungen in Wohnheimen genehmigt. Kritiker sagten bereits vor einem Jahr, dass das den angespannten Wohnungsmarkt mittelfristig nicht entlasten würde – sie behielten damit Recht.

Von den genehmigten Wohnungen in den ersten drei Quartalen des Vorjahres waren 232.500 neue Einheiten in Wohngebäuden (plus 21,5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum 2015). In Mehrfamilienhäusern wurden 26.700 Wohnungen genehmigt, 27,5 Prozent mehr als in den ersten drei Quartalen 2015. Die Anzahl der Wohnungen in Zweifamilienhäusern stieg um 12,6 Prozent beziehungsweise 1.900 Wohnungen und in Einfamilienhäusern um drei Prozent beziehungsweise 2.100 Wohnungen. In Wohnheimen war die Zahl der neuen Einheiten um satte 129,6 Prozent auf 18.400 und damit mehr als in Zweifamilienhäusern (17.100 Wohnungen) gestiegen.

Bauindustrie: "Genehmigt ist noch lange nicht gebaut"

"Die Zahlen sind auf den ersten Blick erfreulich", sagte Michael Knipper, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie vor einem Jahr, "aber genehmigt ist noch lange nicht gebaut." Auch der Umsatz im Bauhauptgewerbe war im Vergleich zum Vorjahr auf einem neuen Rekordwert seit 1999.

"Wir befürchten, dass viele Genehmigungen zunächst nur eingeholt werden, um die Spekulation zu befeuern", sagte Knipper im November 2016. Das sah auch Dieter Diener, Geschäftsführer der Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, so. Das Grundstück steige im Wert, wann gebaut werde, stehe in den Sternen.

Schlagworte zum Thema:  Wohnungsgenehmigungen, Wohnheim, Wohnung

Aktuell
Meistgelesen