Die Innovationsstärke der Immobilienbranche ist relativ gering. Mehr als 80 Prozent der Neuerungen in der Immobilienwirtschaft sind bloß Verbesserungen, nicht radikale Veränderungen. Das ist eine Erkenntnis der EBS Innovationsforschung. Der Studie zufolge kann sich das Vorhandensein von zu vielen qualifizierten Mitarbeitern negativ auf das innovative Verhalten eines Mitarbeiters auswirken.

"Der Gesetzgeber und Regulierungen wie Basel III sind wichtige Innovationstreiber, wegweisende Veränderungen bleiben in der Branche bisher aber die große Ausnahme", erklärt Jochen Schenk, Vorstandsvorsitzender der Real I.S. AG, Wissenschaftspartner der EBS.

Die EBS-Innovationsstudie wurde auf der Expo Real 2018 erstmals vorgestellt. Dafür wertete Dr. Susanne Hügel von der EBS Universität für Wirtschaft und Recht im Rahmen ihrer Dissertation Daten von 403 Akteuren aus 197 Unternehmen der deutschen Immobilienwirtschaft aus.

Wie wirkt sich die Zahl an qualifizierten Mitarbeitern auf Innovation aus?

Das Vorhandensein von (zu) vielen qualifizierten Mitarbeitern wirkt sich der Studie zufolge deshalb negativ auf das innovative Verhalten eines Mitarbeiters aus, da "je mehr dieser Mitarbeiter, desto eher kann es zu Reibungen zwischen dem Innovator und den anderen Mitarbeitern kommen, die ihre Routine beibehalten und ihre Komfortzone nicht verlassen wollen", erklärt Dr. Hügel.

Sich weniger innovativ zu verhalten, diene der Konfliktvermeidung unter den Kollegen. Zudem spiele das Phänomen der Trägheit eine Rolle, da durch die Vielzahl an qualifizierten Mitarbeitern der Eindruck entstehe, dass sich schon jemand von den anderen darum kümmern werde.

Für das innovative Verhalten des Top-Managements sei das Vorhandensein einer hohen Anzahl an qualifizierten Mitarbeitern hingegen positiv. Die Verfügbarkeit von qualifiziertem Humankapital gebe dem Top-Management das Gefühl, gut aufgestellt zu sein, so Dr. Hügel. Und diese positive Stimmung führe in vielen Fällen zu einer Lockerung von Kontrollen und einem experimentierfreudigeren, innovativeren Verhalten.

Nur zwölf Prozent der Innovationsprozesse echte Neuheiten

51,3 Prozent der befragten Unternehmen gaben bei der Befragung an, in den vergangenen drei Jahren regelmäßig neue Produkte (Waren oder Dienstleistungen) eingeführt zu haben. Dabei handelt es sich aber bei rund 80 Prozent der Fälle lediglich um Verbesserungen der bisherigen Produkte – nur rund 18 Prozent der Produkte waren echte Neuheiten am Markt. Unter die Rubrik "Weltneuheit" schafften es nur 1,3 Prozent der Produkte.

62 Prozent der Unternehmen haben seit 2015 nach eigenen Angaben regelmäßig Prozessinnovationen initiiert. Bei diesen Innovationen macht der Anteil der Verbesserungen zwar mehr als 85 Prozent aus. Doch bloß zwölf Prozent der Prozesse waren echte Neuheiten. Und nur 2,6 Prozent der Prozessinnovationen konnte man als "Weltneuheit" bezeichnen.

Fokus auf Produktinnovationen

Die Ergebnisse der Untersuchung von Dr. Hügel zeigen auch, dass der Fokus der Firmen auf Produktinnovationen liegt. Prozessinnovationen spielen hingegen aktuell keine signifikante Rolle, obwohl dadurch intern Effizienzen gehoben werden könnten.

"Diese Entwicklung könnte jedoch durch die voranschreitende Digitalisierung neue Impulse bekommen", erläutert Dr. Thomas Herr, EMEA Head of Digital Innovation bei CBRE, der die Diskussionsrunde zu den Forschungsergebnissen auf der Expo Real moderiert hatte. "Mit fortschreitender Digitalisierung werden die Unternehmen zukünftig stärker gefordert sein, sich innovativen Lösungen auf der Prozessebene zu öffnen, um den dynamischen Entwicklungen am Immobilienmarkt folgen zu können", so Herr.

Prozessinnovation können Effizienz erhöhen

Die Implementierung neuer Prozesse bleibt der Studie zufolge – im Gegensatz zu Produktinnovationen – unberührt von Einflüssen eines wettbewerbsintensiven Umfeldes. Diesen Kreis gelte es zu durchbrechen. Durch Prozessinnovation können Unternehmen ihre Effizienz erhöhen und Kosten senken; mit Produktinnovationen können sich die Unternehmen sogar ein temporäres Monopol aufbauen, welches wiederum den Wettbewerbsdruck verringert.

Die Dynamik des Marktes scheint keinen Einfluss auf die Einführung tatsächlicher Innovationen der Immobilienunternehmen gehabt zu haben. Vielmehr fehlte offenbar der Druck, aufgrund dynamischer Veränderungen Anpassungen vornehmen und Innovationen umsetzen zu müssen.

Innovationen und Zukunftsfähigkeit der Immobilienunternehmen

Innovatives Verhalten kann gesteigert werden, wie die Studie zeigt. Dabei ist die Verfügbarkeit verschiedener Ressourcen wie Zeit oder auch materieller Ressourcen ein wichtiger Faktor. Durch eine geschickte und bewusste Verteilung der jeweilig relevanten Ressourcen könne Raum für innovatives Verhalten von Mitarbeitern oder Top-Managern geschaffen werden.

Die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen hänge in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung in zunehmendem Maße von deren Innovationsfähigkeit ab, ist ein Fazit der Studie. Dabei sei bisher vor allem der Gesetzgeber in der Lage, Impulse für Veränderungen auf Produkt- als auch Prozessebene zu setzen.

"Es bleibt spannend, ob sich in Zukunft aus der Branche heraus Allianzen und Initiativen bilden, um selbst Standards zu setzen und so einer Überregulierung vorzubeugen", resümiert Schenk.

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