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Der Transformationsdruck ist im Bereich Beratung am stärksten gewachsen. Bild: EBS Real Estate Management Institute, Real I.S. AG

Digitalisierung ist für Immobilienunternehmen zwar ein Thema, umgesetzt werden die innovativen Technologien allerdings verhalten. Selbst PropTechs scheinen in Deutschland noch keine große Rolle zu spielen und werden nicht als Konkurrenz gesehen. Die Immobilienwirtschaft erwartet zwar für die Zukunft erheblichen Anpassungsbedarf, wie eine Studie von EBS Universität und Real I.S. zeigt, sieht sich aber offenbar noch nicht genug unter Druck.

"Keiner will den Wandel verschlafen und die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens gefährden", sagt Susanne Hügel, Autorin des "Innovationsbarometers der Immobilienwirtschaft 2017", die am Real Estate Management Institute (REMI) der EBS Universität zum Thema Innovation in der Immobilienwirtschaft forscht.

"Daher ist es umso wichtiger, die reaktive Haltung rechtzeitig abzulegen und den Wandel aktiv mitzugestalten", so Hügel.

Im Bereich Beratung ist der Transformationsdruck der für die Studie befragten Experten zufolge im Vergleich zum Vorjahr am stärksten gewachsen. Dafür verantwortlich sind Anpassungen und Mehrleistungen, die sich etwa aus dem gesetzlichen Umfeld und Kundenanforderungen ergeben. Das hat einen Anstieg der Komplexität, des Wettbewerbs und der Investitionskosten für IT zur Folge.

Bisher kommen den befragten Experten zufolge technologische Lösungen meist nur in der Unterstützung von Kommunikation und Prozessen zum Einsatz, ohne die Geschäftsmodelle wegweisend zu beeinflussen und zu (r)evolutionieren. Wie eine ZIA-Studie zeigt, haben 21 Prozent der Unternehmen den Prozess der digitalen Transformation bislang überhaupt verpasst.

Der Profitabilitätsdruck ist der Studie zufolge groß, denn das Beratungsgeschäft ist ein Fixkosten-Geschäft: Mit zunehmend sinkenden Preisen sinken die Margen überproportional, da die Kosten für Gehälter und Infrastruktur gleich bleiben. Umsätze und Marktanteile der etablierten Unternehmen steigen wegen zunehmender Konsolidierung, die Margen gehen weiter zurück. Die Ausgaben für Marketing, Vertrieb, Akquise und/oder M&A-Aktivitäten steigen weiter,insbesondere gilt dies für den Vertrieb.


PropTechs werden nicht als Gefahr gesehen

Ähnlich ist es um die Digitalisierung im Immobilienmanagement bestellt. Selbst PropTechs scheinen nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, da ihre Lösungen in vielen Fällen noch nicht als ausreichend vollumfänglich oder passend bewertet werden.
Für die etablierten Unternehmen treten die innovativen Startups zu spezialisiert auf und bilden lediglich Nischen im Markt ab, was als ungefährlich angesehen wird. Es wird, wie die Studie zeigt, nicht erkannt, dass die neuen Unternehmen schnell Marktanteile gewinnen. Sie arbeiten zügig und mit zum Teil sichtbarem Erfolg an ihrem Wachstum. Ein Wachstumshindernis ist lediglich die oftmals noch fehlende Abdeckung der gesamten Wertschöpfungskette.

Transformationsdruck bei Finanzierung und Investment lässt nach

Im Bereich Finanzierung wie auch Investment hat der Transformationsdruck der Studie zufolge nachgelassen. Die Experten glauben, für den Investmentbereich noch mit den bisherigen Instrumenten und Prozessen auszukommen.

"Man setzt bei neuen Technologien in erster Linie auf die Digitalisierung und Verbesserung interner Prozesse, damit über Kostensenkungen die Wettbewerbsfähigkeit steigt", so Jochen Schenk, Vorstand der Real I.S. AG. Hinzu komme, dass als Nebeneffekt der Regulierung durch Basel III Marktteilnehmer ausgeschieden seien und damit der Konkurrenzdruck weniger stark sei.

"Die Immobilienwirtschaft scheint sich weiter in ihrer Komfortzone zu befinden und für wegweisende Veränderungen mehr Zeit zu brauchen", sagt Hügel.

Für die kommenden Jahre sieht Hügel eine Reihe von Fragen auf die Branche zukommen.

"Zur Innovation gehört das Risiko des Scheiterns"

Immobilienunternehmen gelten als vergleichsweise wenig innovativ. Im Interview mit Expertin Susanne Hügel hat der Journalist Christian Hunziker für uns herausgefunden, warum das so ist und was man dagegen tun kann. Wir haben drei Fragen und Antworten in Auszügen für Sie ausgewählt und zusammengefasst.

Susanne Hügel Bild: EBS Universität für Wirtschaft und Recht

Wird die Innovationsbereitschaft dadurch gehemmt, dass es der Immobilienwirtschaft momentan wirtschaftlich so gut geht?

Hügel: Das ist eine interessante Hypothese. Wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die so genannte „R&D (Research and Development) search intensity“ immer dann gering ist, wenn es einem Unternehmen zu gut oder zu schlecht geht. (...) Die Frage ist: Geht es der Immobilienwirtschaft heute einfach gut oder zu gut? Wenn es ihr gut geht, sind finanzielle und zeitliche Ressourcen vorhanden, um Entwicklungen proaktiv voranzutreiben, und dann wäre jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um Innovationstätigkeiten zu verfolgen.

Warum ist Innovation für Unternehmen so wichtig?

Hügel: Für alle Industrien gilt, dass sich Unternehmen an die Veränderungen der Zeit anpassen müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und weiterhin existieren zu können. Mit Stillstand kommt man früher oder später unter die Räder. Die Digitalisierung führt beispielsweise dazu, dass die Grenzen zwischen Industrien verschwimmen. Ein Hinweis darauf ist, dass die meisten Gründer von PropTechs aus ganz anderen Bereichen stammen.

Stichwort PropTechs: Wie sollen etablierte Immobilienunternehmen mit ihnen umgehen?

Hügel: Es ist auf jeden Fall nicht empfehlenswert, sie zu ignorieren. Ein Unternehmen wird aber auch nicht automatisch innovativ, wenn es ein PropTech übernimmt, sondern nur dann, wenn es selbst innovative Dienstleistungen, Produkte oder Prozesse aufsetzt. Zwar können große Unternehmen die Prozesse und Strukturen von PropTechs nicht eins zu eins übernehmen; (...). Von PropTechs lernen können große Unternehmen aber zum Beispiel, was Offenheit und Agilität angeht. (...) Außerdem braucht es eine Fehler- und Innovationskultur. Denn zur Innovation gehört auch immer das Risiko des Scheiterns.

Anmerkung der Redaktion: Das komplette Interview wird im Juli und August im Rahmen des Titelthemas Innovation in unserem Magazin "Immobilienwirtschaft" erscheinen.

Schlagworte zum Thema:  Innovation, PropTech, Transformation, Digitalisierung

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