Digitalisierung zieht Industriebetriebe wieder in die Großstädte

In den vergangenen Jahren haben sich Industriebetriebe vermehrt aufs Land zurückgezogen. Doch nun gibt es vor allem in Großstädten wieder deutlich mehr industrielle Betriebsgründungen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und Axel Werwatz von der Technischen Universität Berlin im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Die Unternehmen suchen demnach im Zuge des digitalen Wandels die Nähe zu Forschungseinrichtungen und zur Kundschaft. 

"Wir haben eine lange Zeit der Massenproduktion hinter uns, mit einem großen Bedarf an Flächen. Dementsprechend ist die Industrie aus den Städten gegangen", sagt Studienautor Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Untersucht wurden Daten zu Betriebsgründungen der Jahre 2012 bis 2016:  In diesem Zeitraum wurden in den deutschen Großstädten und Metropolen gemessen am Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe rund 40 Prozent mehr Industriebetriebe gegründet als in den übrigen Regionen Deutschlands.

Renaissance der Städte als Industriestandort?

"Wenn wir mit digitaler Technik in der Lage sind, Kleinserien zu produzieren, dann wird es zu einem Wettbewerbsvorteil, nah am Kunden zu sein." Martin Gornig, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Besonders Berlin und München seien attraktiv, auch Leipzig, Dresden sowie Städte an Rhein und Ruhr. Hier ist die Veränderung besonders dynamisch: Je 100.000 Industriebeschäftigte kamen im analysierten Zeitraum in Berlin 230 hinzu, in München 105, im Rhein-Main-Gebiet 77, in Leipzig und Dresden 76, an Rhein und Ruhr 66 und in Hamburg 63. Der bundesweite Durchschnitt lag bei 58.

Von einer Renaissance der Großstadt als Industriestandort könne aber noch keine Rede sein, gestehen die Studienautoren zu. Dafür müssten die neuen Betriebe schnell wachsen. Notwendig dafür sei, den Zufluss von Risikokapital, Wissen und Fachkräften zu sichern und Flächenengpässe zu beseitigen sowie eine gezielte Unterstützung in Sachen Digitalisierung.

Die meisten Gründungen: Betriebe mit niedriger Technologieintensität

Differenziert nach Technologieintensität – Lowtech-, Mediumtech- und Hightech-Industrien -, zeigt die Studie, dass Betriebe mit niedriger Technologieintensität (Beispiel Bekleidung oder Ernährung) in allen untersuchten Metropolen zwischen 2012 und 2016 den höchsten Anteil an den Industriegründungen hatten.

"Das könnte daran liegen, dass wir bei bestimmten Produkten die Zeit der Massenproduktion hinter uns lassen zugunsten von kleinserieller Fertigung. Und bei dieser ist es von Vorteil, sich in räumlicher Nähe der Kundschaft, am besten der zahlungskräftigen Kundschaft, anzusiedeln – also in der Stadt." Martin Gornig, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)

Aber auch für Hightech-Industrien sei die Stadt attraktiv, so die Studienautoren. Hier spielt vermutlich die Nähe zu Forschungseinrichtungen eine maßgebliche Rolle. Der Produktivitätsvorteil für die Unternehmen in der Stadt sei bei Unternehmen mit starker Forschung und Entwicklung besonders ausgeprägt.

Politik kann Industrieunternehmen bei Rückkehr in Städte unterstützen

Die Politik könnte den Studienautoren zufolge die Rückkehr der Industrie in die Städte fördern. Denkbar wäre demnach eine verbesserte Bereitstellung von Risikokapital und die Intensivierung des Wissenstransfers. Um die innovative Weiterentwicklung von Produkten und Angeboten zu unterstützen, könnten öffentliche Infrastrukturinvestitionen, etwa im Energie- oder Logistikbereich, die lokalen Unternehmen einbinden.

Eine zentrale Aufgabe der Politik wird es nach Meinung der Autoren zudem sein, bei knapper werdenden Flächen in den Innenstädten, die auch beliebte Wohnstandorte sind, Nutzungskonflikte zwischen Gewerbe und Wohnen aufzulösen.

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