11.11.2016 | Märkte

Brexit: Goldman Sachs erwägt Umzug von London nach Frankfurt

Finanzkreise: Kommt Goldman Sachs unter die Aufsicht der Europäischen Zentralbank?
Bild: Haufe Online Redaktion

Im September gaben in einer ImmoConcept-Umfrage 54 Prozent von 80 befragten Banken und börsennotierten Unternehmen mit Sitz in London an, sie hätten trotz Brexit-Entscheidung noch nicht über einen Umzug nach Frankfurt am Main nachgedacht. Jetzt erwägt eine der prominentesten internationalen Investmentbanken, nämlich Goldman Sachs, wegen des Brexits einen großen Teil des Geschäfts nach Frankfurt zu verlagern, wie das "Handelsblatt" berichtet.

Goldman Sachs will so viel Geschäft in die Mainmetropole verlagern, dass die europäische Tochter direkt von der Europäischen Zentralbank EZB beaufsichtigt würde, zitiert das Handelsblatt Finanzkreise. Gespräche laufen dem Bericht zufolge bereits.

Im September hatten 21 Prozent der befragten Firmen ImmoConcept gesagt, sie wollen bis Jahresende über einen Wechsel von London auf den Kontinent entscheiden. Ein Viertel (25 Prozent) gab an, den Umzug konkret zu planen oder bereits in der finalen Entscheidungsphase zu sein.

Rückt der Brexit Frankfurt in den Mittelpunkt der Finanzwelt?

Die Stadt Frankfurt rechnet sich Experten zufolge schon seit längerem große Chancen aus, London als zentralen Finanzplatz zu beerben. Die FrankfurtRheinMain GmbH hatte bereits am Morgen des Brexit-Votums eine neue Homepage online geschaltet, begleitet von einer Twitter- und LinkedIn-Kampagne speziell für den britischen Markt. Mehrere zehntausend Besucher haben die Standortvermarkter seitdem gezählt. Ein Großteil der Zugriffe sei aus Großbritannien gekommen, sagte eine Sprecherin.

Banken, vor allem aus den USA, die aus handelsrechtlichen Gründen auf einen Standort innerhalb der EU angewiesen sind, könnten ihren Sitz den Vermarktern zufolge verlagern und weitere Finanzdienstleister mitziehen – von 10.000 bis 20.000 Arbeitsplätzen ist die Rede, zusätzlich zu den mehr als 60.000 derzeit im Finanzsektor der Region Beschäftigten.

Analysten und Marktbeobachter nähren die Hoffnung der RheinMain-Vermarkter zumindest
teilweise. "In Frage kommen ja nur Städte, die eine gute Infrastruktur aufweisen und in denen Englisch gesprochen wird“, sagt Christoph Haub, Director bei Ernst & Young (E&Y) Real Estate GmbH. Damit sei Frankfurt klar im Vorteil gegenüber Paris oder Mailand.

Rückenwind erhält Haub in seiner Einschätzung von einer Befragung, bei der 555 deutsche Immobilienakteure Frankfurt als Brexit-Gewinner sehen. 72 Prozent von ihnen erwarten, dass der Finanzplatz am meisten vom Brexit profitieren wird, Dublin (13 Prozent) und Paris (sechs Prozent) folgen mit weitem Abstand.

Einer Umfrage des Immobilienverbands IVD zufolge rechnen 59 Prozent der Marktakteuredamit, dass das Interesse internationaler Investoren an deutschen Immobilien steigen wird; dem Verband zufolge haben sich erste Investoren bereits an Makler gewandt mit der Absicht, Kapital nach Deutschland zu verlagern.

Ökonom Just: Kein Massenansturm auf Frankfurter Wohnungsmarkt

Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der International Real Estate Business School (Irebs) in Regensburg, bleibt vorsichtig. "Frankfurt am Main ist nur einer von mehreren theoretischen Standorten, so einfach ist das Spiel nicht.“ Just denkt, dass es wohl keinen Massenansturm auf den Frankfurter Wohnungsmarkt geben wird – es gehe im Fall des Falles wohl eher um Wochenpendler, deren Familien weiter in London leben würden. Dennoch könnte die Lage angespannt werden.

Berlin will London Titel als Start-up-Hochburg abjagen

Berlin wird als zweite profitierende Stadt nach Frankfurt genannt: Die Hauptstadt schielt darauf, London den Titel als Start-up-Hochburg abzunehmen. Selbst zurückhaltende Marktbeobachter wie Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bekräftigen die internationale Ausrichtung Berlins, die die Stadt in Kombination mit dem vergleichsweise günstigen Immobilienmarkt attraktiv mache.

Auch die örtliche Wirtschaftssenatorin und Wirtschaftsförderer berichten von deutlich gestiegenen Anfragen seit dem Brexit-Votum Ende Juni.

Wie stark sich dieser Trend in der Hauptstadt bemerkbar machen wird, bleibt abzuwarten. E&Y-Experte Haub geht davon aus, dass der Zuzug die Nachfrage in bestimmten Bezikren verstärken würde, aber nicht stadtweit. Auf dem Büro- und Gewerbeimmobilienmarkt gilt Berlin ohnehin als international ausgerichtet und als Labor für temporäre und flexible Nutzungsformen. Dass Räumlichkeiten aus Londoner Sicht zum Schnäppchenpreis zu haben sind, stärkt die Anziehungskraft Berlins zusätzlich.

München will Europäische Bankenaufsicht an die Isar holen

Auch Bayern hat in den vergangenen Wochen den Finger gehoben: Landesfinanzminister
Markus Söder (CSU) will die Europäische Bankenaufsicht von der Themse an die Isar holen.

Ob das gelingt, ist fraglich; München gilt mehr als Versicherer- denn als Bankenstandort, außerdem beheimatet Deutschland bereits die Europäische Zentralbank. B-Städte wiederum könnten aus Expertensicht profitieren, solange sie im Dunstkreis von Top-Standorten liegen.

In Darmstadt und Wiesbaden etwa könnten Haub zufolge Wohn- und Gewerbegebäude für Investoren und Nutzer attraktiv werden, die in Frankfurt kein Angebot mehr finden oder es sich nicht mehr leisten könnten.

Fazit: Uneinigkeit über langfristige Folgen des Brexit für deutschen Immobilienmarkt

Über die langfristigen Brexit-Folgen für den deutschen Immobilienmarkt sind sich die Marktbeobachter uneins. Etwa Just vom Irebs hält es für wahrscheinlich, dass der Markt unter dem Strich sogar geschwächt wird. "Wir haben eine Menge Unsicherheiten zusätzlich bekommen, die weder für Investoren noch für die Industrie gut sind; sie wollen planen können", warnt er.

Außerdem könne es passieren, dass sich London einen Sonderstatus aushandeln und sich zum internationalen Steuerparadies wandle. "Dann kann der Zug ganz schnell in die andere Richtung gehen", warnt Just.

Schlagworte zum Thema:  Brexit, Immobilienunternehmen

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