19.06.2017 | Märkte

Brexit: Goldman Sachs macht ernst und beginnt mit dem Abzug aus London nach Frankfurt

Goldman Sachs favorisiert Frankfurt und will die Zahl der Banker dort verdoppeln
Bild: Corbis

Die Investmentbank Goldman Sachs hatte im November des vergangenen Jahres angekündigt, wegen des Brexits einen großen Teil des Geschäfts nach Frankfurt am Main verlagern zu wollen. Mit Beginn der Brexit-Verhandlungen am 19. Juni macht die Großbank jetzt ernst: Die Zahl der Banker in Frankfurt soll verdoppelt werden, wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet. Demnach will die Bank nicht warten, bis Details des Brexit geregelt sind.

Deshalb beginnt dem Bericht zufolge der Abzug der Goldman-Sachs-Mitarbeiter aus London bereits mit den startenden Brexit-Verhandlungen. Die Zeitung zitiert den Europachef der Bank, Richard Gnodde: „Die Grundannahme ist: Der Brexit kommt! Wir beginnen deshalb damit, Ressourcen nach Frankfurt und in andere europäische Städte zu verlagern“. Aktuell beschäftigt Goldman Sachs in Frankfurt 200 Banker, in London noch 6.000.

Dass Goldman Sachs so viel Geschäft in die Mainmetropole verlagern will, dass die europäische Tochter direkt von der Europäischen Zentralbank EZB beaufsichtigt würde, hatte im November 2016 das Handelsblatt Finanzkreise zitiert.

Im September 2016 hatten 21 Prozent der für eine ImmoConcept-Studie befragten Firmen gesagt, sie wollten bis Jahresende 2016 über einen Wechsel von London auf den Kontinent entscheiden. Ein Viertel (25 Prozent) gab an, den Umzug konkret zu planen oder bereits in der finalen Entscheidungsphase zu sein.

Rückt der Brexit Frankfurt in den Mittelpunkt der Finanzwelt?

Die Stadt Frankfurt rechnet sich Experten zufolge schon seit längerem große Chancen aus, London als zentralen Finanzplatz zu beerben. Die FrankfurtRheinMain GmbH hatte bereits am Morgen des Brexit-Votums eine neue Homepage online geschaltet, begleitet von einer Twitter- und LinkedIn-Kampagne speziell für den britischen Markt. Mehrere zehntausend Besucher haben die Standortvermarkter seitdem gezählt. Ein Großteil der Zugriffe sei aus Großbritannien gekommen, sagte eine Sprecherin.

Banken, vor allem aus den USA, die aus handelsrechtlichen Gründen auf einen Standort innerhalb der EU angewiesen sind, könnten ihren Sitz den Vermarktern zufolge verlagern und weitere Finanzdienstleister mitziehen – von 10.000 bis 20.000 Arbeitsplätzen ist die Rede, zusätzlich zu den mehr als 60.000 derzeit im Finanzsektor der Region Beschäftigten.

Analysten und Marktbeobachter nähren die Hoffnung der RheinMain-Vermarkter zumindest
teilweise. "In Frage kommen ja nur Städte, die eine gute Infrastruktur aufweisen und in denen Englisch gesprochen wird“, sagt Christoph Haub, Director bei Ernst & Young (E&Y) Real Estate GmbH. Damit sei Frankfurt klar im Vorteil gegenüber Paris oder Mailand.

Rückenwind erhält Haub in seiner Einschätzung von einer Befragung, bei der 555 deutsche Immobilienakteure Frankfurt als Brexit-Gewinner sehen. 72 Prozent von ihnen erwarten, dass der Finanzplatz am meisten vom Brexit profitieren wird, Dublin (13 Prozent) und Paris (sechs Prozent) folgen mit weitem Abstand.

Einer Umfrage des Immobilienverbands IVD zufolge rechnen 59 Prozent der Marktakteuredamit, dass das Interesse internationaler Investoren an deutschen Immobilien steigen wird; dem Verband zufolge haben sich erste Investoren bereits an Makler gewandt mit der Absicht, Kapital nach Deutschland zu verlagern.

Ökonom Just: Kein Massenansturm auf Frankfurter Wohnungsmarkt

Tobias Just, Professor für Immobilienwirtschaft an der International Real Estate Business School (Irebs) in Regensburg, bleibt vorsichtig. "Frankfurt am Main ist nur einer von mehreren theoretischen Standorten, so einfach ist das Spiel nicht.“ Just denkt, dass es wohl keinen Massenansturm auf den Frankfurter Wohnungsmarkt geben wird – es gehe im Fall des Falles wohl eher um Wochenpendler, deren Familien weiter in London leben würden. Dennoch könnte die Lage angespannt werden.

Berlin will London Titel als Start-up-Hochburg abjagen

Berlin wird als zweite profitierende Stadt nach Frankfurt genannt: Die Hauptstadt schielt darauf, London den Titel als Start-up-Hochburg abzunehmen. Selbst zurückhaltende Marktbeobachter wie Claus Michelsen vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung bekräftigen die internationale Ausrichtung Berlins, die die Stadt in Kombination mit dem vergleichsweise günstigen Immobilienmarkt attraktiv mache. Auch die örtliche Wirtschaftssenatorin und Wirtschaftsförderer berichten von deutlich gestiegenen Anfragen seit dem Brexit-Votum Ende Juni 2016.

Wie stark sich dieser Trend in der Hauptstadt bemerkbar machen wird, bleibt weiterhin abzuwarten. E&Y-Experte Haub geht davon aus, dass der Zuzug die Nachfrage nur in bestimmten Bezirken verstärken würde. Auf dem Büro- und Gewerbeimmobilienmarkt gilt Berlin ohnehin als international ausgerichtet und als Labor für temporäre und flexible Nutzungsformen. Dass Räumlichkeiten aus Londoner Sicht zum Schnäppchenpreis zu haben sind, stärkt die Anziehungskraft Berlins zusätzlich.

München will Europäische Bankenaufsicht an die Isar holen

Auch Bayern hatte im vergangenen Jahr den Finger gehoben: Landesfinanzminister
Markus Söder (CSU) will die Europäische Bankenaufsicht von der Themse an die Isar holen. Ob das gelingt, ist fraglich. München gilt mehr als Versicherer- denn als Bankenstandort, außerdem beheimatet Deutschland bereits die Europäische Zentralbank. B-Städte wiederum könnten aus Expertensicht profitieren, solange sie im Dunstkreis von Top-Standorten liegen.

In Darmstadt und Wiesbaden etwa könnten Haub zufolge Wohn- und Gewerbegebäude für Investoren und Nutzer attraktiv werden, die in Frankfurt kein Angebot mehr finden oder es sich nicht mehr leisten könnten.

Fazit: Uneinigkeit über langfristige Folgen des Brexit für deutschen Immobilienmarkt

Über die langfristigen Brexit-Folgen für den deutschen Immobilienmarkt sind sich die Marktbeobachter uneins. Etwa Just vom Irebs hält es für wahrscheinlich, dass der Markt unter dem Strich sogar geschwächt wird. "Wir haben eine Menge Unsicherheiten zusätzlich bekommen, die weder für Investoren noch für die Industrie gut sind; sie wollen planen können", warnt er.

Außerdem könne es passieren, dass sich London einen Sonderstatus aushandeln und sich zum internationalen Steuerparadies wandle. "Dann kann der Zug ganz schnell in die andere Richtung gehen", warnt Just.

Schlagworte zum Thema:  Brexit, Immobilienunternehmen

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