Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) wird den Anforderungen, die sich etwa aus dem Bauvertragsrecht ergeben, nicht gerecht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von EY Real Estate. 59 Prozent der 100 befragten Profis gaben an, dass etwa eine Schärfung der HOAI-Grundleistungen für ein besseres Zusammenspiel mit der Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB) erforderlich sei.

Beim Projektmanagement für öffentliche und private Bauvorhaben stellt sich der Studie zufolge bei der Vertragsgestaltung immer wieder die Frage: Reicht das Grundleistungsbild nach HOAI zur Abwicklung des Projektes aus?

"Die Ordnungsrahmen sind juristisch betrachtet nicht miteinander verknüpft. In der Praxis gibt es aber durchaus Bezüge und sie bergen Widersprüche", sagt Frank Weißkirchen, Executive Director bei der EY Real Estate GmbH und Autor der Studie.

Fast jeder Zweite (44 Prozent) der Befragten sieht relevante Schnittstellen aus dem Grundleistungsbild der HOAI und den Anforderungen, die sich aus der VOB ergeben. Diese widersprechen sich demnach jedoch in vielen Teilen. Bei ihren Aussagen haben sich die Studienteilnehmer auf Teil B der VOB (Allgemeine Vertragsbedingungen für die Ausführung von Bauleistungen) bezogen.

Anpassungen vor allem im Bereich der digitalen Möglichkeiten

Typische Konfliktfelder zwischen Architekten, Bauherren und bauausführenden Unternehmen seien abweichendes Bausoll und zunehmende Nachtragsforderungen. So wird der Studie zufolge im Planerauftrag häufig pauschal auf die Grundleistungsbilder nach HOAI abgestellt.

Die Grundleistungsbilder der HOAI sind nicht mehr zeitgemäß.

"Die HOAI Grundleistungsbilder sollen die allgemeinen Leistungspflichten eines Architekten abbilden", so Kai Kiefer, Manager bei der EY Real Estate GmbH, Lehrbeauftragter an der TH Köln und Co-Autor der Studie. "Betrachtet man jedoch die heutigen Anforderungen, sind diese Grundleistungsbilder nicht mehr zeitgemäß beziehungsweise in Teilen anzupassen."

Bedarf zu Anpassungen sieht er vor allem in den digitalen Möglichkeiten im Bereich des Planens und Bauens. Aber auch Aufgaben, die der Architekt aus eigenem Selbstschutz ausführen sollte, "um Beschaffenheitsvereinbarungen wie Kosten und Termine adäquat im Blick halten zu können, müssten im Grundleistungsbild klarer herausgestellt werden", fügt Kiefer hinzu.

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Wenig Zustimmung zur jüngsten Bauvertragsrechtsnovelle

Das vor kurzem novellierte Bauvertragsrecht, das zum Jahresbeginn in Kraft getreten ist, bewerten nur 13 Prozent der Befragten positiv.

"Ein Ziel des neuen Bau- und Architektenvertragsrechts war, die Rechtsregeln zu vereinheitlichen und im Bürgerlichen Gesetzbuch einen besser handhabbaren Rahmen für die Baupraxis zu schaffen", sagt Frank Siegburg, Rechtsanwalt bei Hecker Werner Himmelreich und Lehrbeauftragter an der RWTH Aachen.

Mit Blick auf dieses Ziel sei die Reform misslungen. Das werde schon dadurch offensichtlich, dass trotz Inkrafttreten des neuen Bau- und Architektenvertragsrechts mit Hochdruck auch an der Novellierung der VOB (Teil B) gearbeitet werde. Wäre das Ziel erreicht worden, hätten die weitergehenden Regelungen der VOB/B obsolet werden müssen.

Vorschlag: Konkretisierung der vertraglichen Leistungen

Siegburg hält eine auf den Einzelfall zugeschnittene Konkretisierung der vertraglich geschuldeten Leistungen für die bessere Lösung. Zudem plädiert auch er für eine inhaltliche Modernisierung der HOAI-Grundleistungskataloge.

Die Studie basiert auf einer Umfrage von Dezember 2017. Teilgenommen haben rund 100 Projektleiter und Führungskräfte der baurelevanten Parteien (Bauherren, Architekten, Bauausführung). Sechs von zehn Teilnehmern (57 Prozent) haben mehr als sechs Jahre Berufserfahrung, wobei 43 Prozent seit mehr als zehn Jahren in ihrer Branche tätig sind.

Kernergebnisse der Studie im Überblick

  • Die größten Wechselwirkungen zwischen HOAI und VOB/B sehen die Befragten im Bausoll und in der Ausführung sowie in der Abrechnung und Vergütung. Ein Ansatz: In der Projektvorbereitung durch individualisierte Leistungsbilder vertraglich gegensteuern, statt auf Grundleistungsbilder zu setzen.
  • Die Marktteilnehmer kennen die oben genannten Bezüge, die sich zwischen HOAI und VOB/B ergeben, aus ihrer täglichen Praxis. Nur ein geringer Teil der Befragten berücksichtigt diesen Umstand jedoch in der Vertragsgestaltung. Die vorhandenen Erfahrungen bleiben insofern noch ohne ausreichende Konsequenz.
  • Ein möglicher Grund für die unzureichende vertragliche Anpassung ist eine Mischung aus Unsicherheit und Unkenntnis: Nicht immer sind die Befragten mit den Regelwerken ausreichend vertraut. Teilweise wird auch angenommen, dass die beiden Ordnungsrahmen besser aufeinander abgestimmt sind, als dies tatsächlich der Fall ist.
  • Der größte Teil der Befragten sieht sich im Umgang mit der VOB/B noch vergleichsweise versiert. Eher das Gegenteil zeigt sich bei der VOB/C.
  • Die Bauvertragsreform ist zum 1.1.2018 in Kraft getreten. Sie berührt den Umgang mit werkvertraglichen Leistungen: Dabei stellen die Aufnahme und Spezifizierung bauvertraglicher Regelungen im BGB aus rechtlicher Sicht eine massive Änderung dar. Nur ein geringer Teil der Befragten hat sich bis zum Inkrafttreten mit der Reform auseinandergesetzt.
  • Unter anderem herrscht beim geschuldeten Leistungssoll eine gewisse Unsicherheit am Markt. Die Befragten wünschen sich hier eine Überarbeitung und Konkretisierung: Das Grundleistungsbild der HOAI sollte demnach modernisiert und auch an die Realitäten der digitalen Planung angepasst werden.

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