Wie bereits heute KI die Immobilienwirtschaft unterstützen kann, macht Dr. Carsten Thies, Vorstandsvorsitzender der Haufe-Lexware Real Estate AG, an einigen Beispielen deutlich.

"Auf administrativer Seite können durch so genannte Optical Character Recognition (OCR) bildhaft erfasste Dokumente, wie Rechnungen, gelesen und automatisiert weiterverarbeitet werden", sagt Dr. Carsten Thies. Mit derselben Technologie können demnach Verträge erfasst und ausgewertet oder die Vereinbarungen sogar automatisiert umgesetzt werden.

"Die Analyse von Daten durch KI kann hilfreiche Prognosen bereitstellen". Dr. Carsten Thies, Vorstandsvorsitzender der Haufe-Lexware Real Estate AG

So lasse die Analyse von Nutzungsverhalten oder Schäden an Wohnräumen Rückschlüsse für Mieter und Wohnungseigentümer zu. Aus den wirtschaftlichen Aktivitäten der Unternehmen einer Region können zudem Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Nachfrage nach Gewerbeimmobilien erstellt werden – bis hin zu spezifischen Segmenten wie Logistikimmobilien, Einzelhandelsflächen und Größen- und Ausstattungsklassen von Büroräumen.

"Nicht zuletzt können durch das Matching von Nachfrageprognosen und Daten über Immobilienbestände und Bautätigkeiten Empfehlungen für Portfolioentscheidungen nach der Art, Ausstattung und Preisklasse abgeleitet werden", so Thiels weiter.

Keine neuen Daten erforderlich

Die Datenbasis für diese Anwendungsfelder ist – im Gegensatz zu manchem Missverständnis – in den Unternehmen bereits vorhanden. Es müssen keine neuen Daten beschafft werden.

"Es wird kein zusätzliches Datenmaterial erhoben, sondern die bestehenden Daten werden systematisiert erfasst und geordnet". Maurice Grassau, Geschäftsführer der Architrave GmbH, des Anbieters einer Datenplattform für die Immobilienwirtschaft.

"Das gilt nicht nur für Scans, sondern auch für bereits digitalisierte Daten, liegen sie nun im SAP- oder anderen IT-Systemen", sagt Grassau.

Die Verknüpfung zur KI-basierten Datenplattform läuft über so genannte API, also allgemein kompatible Schnittstellen. Mit einem umfangreichen Index wie beispielsweise dem gif-Standard lassen sich so alle relevanten Dokumente des Immobilienmanagements den jeweiligen Kategorien zuordnen. Neue Daten müssen also nicht erhoben werden. Vielmehr gibt Digitalisierung die Chance zum Daten-Frühjahrsputz, um so den jahrelang angestauten Datenballast endlich loszuwerden.“

Verlockung durch KI: Nicht alles sammeln, was sammelbar ist

Apropos Daten: Dass die massenhafte Verwendung von Informationen von Kunden und Partnern das Thema Datenschutz in den Vordergrund rückt, versteht sich von selbst. Wie sich KI-Anwender diesem Thema stellen sollten, macht Dr. Thomas Herr, EMEA Head of Digital Innovation bei der CBRE Preuss Valteq GmbH, deutlich: "Datenschutz ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund der DSGVO eines der zentralen Themen der Digitalisierung. Es kommt auch hier auf Augenmaß an".

Nicht alle Daten, aus denen für die Branche wichtige Erkenntnisse gezogen werden können, seien personenbezogen. Und für personenbezogene Daten müssten Mitarbeiter befähigt werden, gesetzeskonforme Entscheidungen zu treffen: "Brauche ich diese Daten wirklich, wie lange benötige ich sie, kann ich sie anonymisieren – all diese Fragen müssen täglich und vor Ort in den Immobilienverwaltungen beantwortet werden", so Herr. Der Verlockung durch KI, möglichst alles zu sammeln, was sammelbar ist, sollte man mit Vernunft begegnen.

Prozessoptimierung ist breitestes Nutzungsspektrum der Anwender

Wie hat man sich nun beispielsweise eine KI-gestützte Dokumentenprüfung vor einer Transaktion nach heutigem Stand der Technik vorzustellen?

Dazu wird die entsprechende Software zunächst alle relevanten Daten für ein Objekt oder eine Objektgruppe zusammentragen, strukturieren und zielgerichtet ordnen, sodass die für die Transaktion entscheidenden Zusammenhänge herausgearbeitet sind. Wichtige Aspekte können bei Bedarf aus den Daten herausdestilliert und unter bestimmten Vorgaben für die eine oder andere Aufgabe aufbereitet werden.

Insbesondere bei Transaktionen großer Portfolios gestaltet sich die manuelle Dokumenten- und Vertragsprüfung außerordentlich umständlich und zeitaufwändig. KI-Systeme können diese Vorarbeiten drastisch abkürzen und die Fehleranfälligkeit senken. Derzeit liegt bei der Prozessoptimierung auch das breiteste Nutzungsspektrum der Anwender.

"In unserer Branche gibt es viele relativ einfach strukturierte Prozesse, in denen Massendaten verarbeitet werden. Solche Prozesse eignen sich grundsätzlich, automatisiert zu werden". Rolf Hammesfahr, Bereichsleiter IT bei der LEG Immobilien AG

KI sei dabei die "Kirsche auf dem Automatisierungskuchen" – etwa wenn es darum gehe, Daten aus Dokumenten auszulesen. Dies könne etwa bei der Prüfung einer Vielzahl von Mietverträgen bei einer Immobilientransaktion oder beim Eingang von Papierrechnungen genutzt werden. Eine Rechnung fehlerfrei von einem Gebührenbescheid zu unterscheiden, falle einer KI-unterstützten Anwendersoftware leicht. Eine rein visuelle Prüfung durch den Menschen hingegen führe schnell zur Ermüdung und dann zu Fehlern.

KI-Technologien zur Verbesserung Immobilien-spezifischer Geschäftsmodelle

Doch können KI-Technologien auch für die Verbesserung Immobilien-spezifischer Geschäftsmodelle herangezogen werden. Harald Kemmann, Bereichsleiter Innovationsmanagement bei LEG, nennt dafür als Beispiel die Senkung des Wärmebedarfs:

"Um Heizkosten für unsere Mieter ohne Komforteinbußen zu senken, könnte – ohne KI – zunächst die simple Logik greifen: Wenn ein Fenster geöffnet wird oder wenn es draußen wärmer ist als drinnen, dann sollte die Heizkörpertemperatur sinken. Das wäre die Stufe 1, in welcher durchaus fünf bis zehn Prozent Senkungspotenzial liegt. In Stufe 2 verarbeitet KI über einen wachsenden Zeitraum die sich häufenden Ereignismuster zu einem optimierten Steuerungsprozess, in dem dann bis zu 25 Prozent Senkungspotenzial gehoben werden kann. Der Mieter spart Geld, und die Wohnung wird attraktiver."

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Schlagworte zum Thema:  Künstliche Intelligenz (KI), Big Data