05.02.2015 | Top-Thema Kolumne Eike Becker

Nachbarschaft neu denken

Kapitel
Bild: Haufe Online Redaktion

Was wäre, wenn wir Hochhäuser oder ganze Quartiere als Dörfer betrachten würden, mit eigenem Marktplatz und eigener Gaststätte? Großstädtische Dörfer, die Gemeinschaft bieten ohne provinzielle Enge?

Aus Frankreich kommen aufrüttelnde Nachrichten aus den Banlieues von Paris, in denen Jugendliche allein gelassen und ohne Hoffnung erwachsen werden.

In den USA lesen wir von Boroughs, zum Beispiel in Los Angeles, in denen die öffentliche Verwaltung ganze Stadtteile in zentraler Lage quasi aufgegeben hat. Aber so weit müssen wir gar nicht gehen. Auch der Berliner Bezirk Neukölln ist zum Synonym für gescheiterte Integration, Parallelgesellschaften und Jugendkriminalität geworden. Ein Bezirk mit 41 Prozent Migrationsanteil, in dem viele der Kinder von Hartz IV leben; ein Stadtteil, der durch den Hilferuf von Lehrern der Rütlischule und durch den Salafistenbrennpunkt Al-Nur-Moschee bundesweit bekannt wurde. Manchmal sind es nur die ganz kleinen Dinge, die eine lawinenartige Entwicklung nach unten auslösen.
Matthias Schuler von Transsolar hat mir die folgende Geschichte erzählt: Vor etwa 60 Jahren hätten jeden Sommerabend in New Orleans alle Häuser zur Kühlung offen gestanden, die Familien hätten auf der Terrasse gesessen. Dann seien die Klimaanlagen eingeführt worden; die Leute hätten sich in ihre Häuser verkrochen – und was geschah? Die Kriminalität explodierte, weil die sozialen Kontakte und mit ihnen die soziale Kontrolle verloren ging.

Es geht aber auch anders

Mein Lieblingsprojekt auf der 10. Architekturbiennale in Venedig war der französische Pavillon, den der Architekt Patrick Bouchain mit 25 Kollegen mit Leben gefüllt hat. Unter dem Titel „Metavilla“ wurde das Haus in eine vertikale Wohnsiedlung verwandelt. Es gab eine öffentliche Küche, in der Gäste und Teams gekocht haben. An einem großen Tisch wurde gemeinsam gegessen, Wohn- und Arbeitsbereiche wurden provisorisch in das bestehende Haus gebaut. Auf dem Dach gab es eine Sauna und sogar ein kleines Schwimmbecken, in dem man sich die Füße kühlen konnte.
Das Erarbeitete wurde auch gleich der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Gruppe hat die Frage gestellt, wo und wie Menschen zusammenkommen. Und wie kann die europäische Idee von Solidarität ins Heute übersetzt werden? Ist das eine Idee nur für eine Ausstellung oder kann das Prinzip des lebendigen Miteinanders auch auf den größeren Maßstab übertragen werden?
Kommunikation statt Einzelbüros

Im Bürobau ist das Prinzip bereits bekannt. Schon lange geht es da nicht mehr um Zellenbüros für eine, zwei oder drei Personen. Auch hier geht es darum, wie Architektur aus Einzelkämpfern Teams formen kann.
Stark beeindruckt hat mich Ines Müller, die in der High-Deck-Siedlung in Berlin-Neukölln das Quartiersmanagement verantwortet: eine Siedlung aus den 1970er Jahren, aus der, spätestens wenn die Kinder zur Schule kommen, die Familien abwandern und dadurch eine kontinuierliche Entwicklung nach unten stattgefunden hat. Seit Ende der 1990er Jahre hat die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Gebiete identifiziert, die auf der Kippe stehen und die über ein Quartiersmanagement gestärkt werden sollen. Mittlerweile gibt es 34 solcher Gebiete. Davon elf im Bezirk Neukölln. Ziel ist es, die Lebensverhältnisse zu verbessern und die soziale Infrastruktur so zu entwickeln, dass das nachbarschaftliche Miteinander gestärkt und das Wohnumfeld verbessert wird. Wesentlich ist dabei die Zusammenarbeit mit den Akteuren aus den Einrichtungen vor Ort.
Doch auch auf Neubaugebiete lässt sich die Idee der Nachbarschaftlichkeit übertragen

Die Bahnstadt Heidelberg ist ein neuer Stadtteil direkt neben dem Hauptbahnhof. Auf einer Fläche von 116 Hektar Bauland werden 2.500 Wohnungen für 5.000 bis 6.000 Menschen und 7.000 Arbeitsplätze entstehen. Mit dem Einzug der ersten Bewohner wurde auch ein Nachbarschaftszentrum eröffnet. Hier ist ein zentraler Kommunikations- und Begegnungsort für die Bewohner des Stadtteils entstanden. Die Aktivitäten sind vielfältig: Frühstück, Kinderkino, Chor, Babygruppe, Spieletreff oder Boule. Innerhalb von kurzer Zeit hat sich dadurch eine Identifikation mit den Nachbarn und der Nachbarschaft entwickelt.
Menschen zusammenbringen

Für mich als Planer stellt sich immer häufiger die Frage, wie Menschen zusammenkommen, wie wir Menschen auch in der Stadt zusammenbringen. Vor Kurzem habe ich in München einen Vortrag gehalten. Jeder Gast erhielt mit der Einladung eine ganz persönliche Frage zugeschickt. Entlang des Vortrags kamen auch einige dieser Fragen an die Reihe und es entwickelte sich schnell eine lebendige Diskussion. Die Frage, die die größten Emotionen weckte, war: Was wird aus den Dörfern? Das hat alle bewegt. Dörfer stehen für eine Art Urvorstellung, Gemeinschaft, Ruhe, Intimität, Nachbarschaft, Natur, eine Welt, die noch in Ordnung ist, Kinderparadies, Generationensolidarität und Einfachheit.
Was wäre, wenn all das auch in der Stadt zu haben wäre, ohne endlose Pendelfahrten morgens und abends? Was wäre, wenn wir Hochhäuser oder ganze Quartiere als Dörfer betrachten würden, mit eigenem Marktplatz, Gaststätte und vielem, was sonst ein Dorf bietet? Was wäre, wenn wir durch die Stadtgesellschaft mutierte Dörfer errichten würden? Großstädtische Dörfer, die Gemeinschaft bieten ohne provinzielle Enge? Neue Dörfer mitten in der Stadt, bewusst geformte Nachbarschaften, die aus Institutionen, Gruppen und Einzelpersonen zusammengesetzt sind, die den anderen etwas geben und sich integrativ verhalten?
Gesellschaft bauen

Stadtplaner meinen auch mit schlechter Architektur gute Städte und gute Quartiere bauen zu können. Eine Vorstellung, die mich immer ganz nervös werden lässt. Wir brauchen an dieser Stelle größere Ambitionen. Wir brauchen eine soziale Utopie, die Nachbarschaften neu denkt, die sich nicht damit begnügt, Häuser, Straßen und Plätze zu bauen, sondern die Gesellschaft baut, indem sie Menschen zusammenbringt.
Zurzeit beschäftigen wir uns mit zwei Konversationsprojekten für die CG Gruppe. Ehemalige Bürohochhäuser, die zu Wohnzwecken umgenutzt werden. In den oberen Etagen sind viele möblierte Miniapartments mit 1,5 bis zwei Zimmern vorgesehen. Im großen Sockel dieser Hochhäuser planen wir einen zeitgenössischen Marktplatz, eine Kommunikationszone, in der sich Pritvatheit und Öffentlichkeit treffen. Die Räume sind eine Mischung aus Platz und Wohnzimmer für die Nachbarschaft. In die große marktartige Halle sind einzelne Räume eingestellt wie Concierge, Bibliothek, Kino, Wintergarten, Sonnenterrasse, Kaminzimmer, Küche für gemeinsames Kochen, ein Restaurant, Café, Arbeitsräume und ein Waschsalon.
Eine neue Form von Platz, auf dem ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen, zum Miteinandersprechen und zum Beobachten. Ein zeitgenössischer Raum des Sozialen, eine Bühne, die individuell bespielt und genutzt werden kann, ein Wohnzimmer zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen, ein Raum des Übergangs, viel Platz, der der ganzen Nachbarschaft gehört. Eine Mischung aus Hotellobby, Jugendherberge, Schloss, Marktplatz und Favela. Eine Mischung aus innen und außen, privat und öffentlich. Viel zu häufig versuchen wir mit dem Faustkeil als Werkzeug einen Transistor zusammenzubauen. Dabei sollten wir uns nicht nur mit der Errichtung von Häusern, Straßen und Plätzen zufriedengeben. Die Aufgabe ist es, urbane Dörfer zu denken und zu realisieren. Mit öffentlichen Nutzungen und Orten, an denen Menschen sich einfach so begegnen und wie selbstverständlich zu Nachbarn werden.

Schlagworte zum Thema:  Integration, Migration, Nachbarschaft, Architektur, Quartiersentwicklung, Stress, Kontakt, Architekt

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