05.02.2015 | Top-Thema Kolumne Eike Becker

Geschwindigkeit bei Architekten

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Bild: Haufe Online Redaktion

Umeinanderschwirrende Rollen, Wirklichkeiten als Bestandteile von Wirklichkeiten sind heutige Realität. Keiner ist nur noch eine einzige Person. 

Gerade habe ich meiner Tochter noch die Latein-Vokabeln abgefragt, schon sitze ich im Auto und höre Turandot, die Oper von Puccini. Um 9.00 Besprechung mit A, B und C zu dem Grundstück D. Dann E wg. F, tel, tel., tel., anschließend Team1,T2, T3, Mittagessen mit H wg. I, nachmittags BDA Galerie, Sport mit meinem Sohn, Abendessen, Vorstandssitzung. Vater, Hörer, Architekt, Grübler, Auftragnehmer, Arbeitgeber, Partner, Kollege, Vorstand, Sportler, Ehemann etc.

Diese umeinanderschwirrenden Rollen, diese Wirklichkeiten als Bestandteile von Wirklichkeiten sind heutige Realität. Keiner ist nur noch eine einzige Person. Diese Vorstellung von den Welten neben und in anderen Welten beschreibt auch unsere Lebens- und Arbeitsumgebung ganz gut.

 

Nie mehr allein

 

Nur sehr selten sind wir auf uns alleine gestellt. Immer wieder gilt es unterschiedliche Perspektiven zu erkennen, zu bewerten und zusammenzubringen. Ein Projektentwickler sieht in einem Projekt etwas deutlich anderes als ein Politiker, ein Stadtplaner, ein Architekt, ein Nachbar, ein Bauphysiker, Tragwerksplaner, Behindertenbeauftragter, Arbeitnehmervertreter.

Demnach planen wir innerhalb eines Vorhabens viele Gebäudegleichzeitig. Klar, da ist nach der Fertigstellung das realexistierende, physisch vorhandene einmalige Haus. Aber zusätzlich gibt es die vielen Häuser in den Vorstellungen der anderen. Wenn das so ist, hat das Einfluss auf unser Denken und Handeln.

 

Erkenntnisse von anderen

Immer öfter müssen wir Erkenntnisse von anderen nutzen, um passende Antworten für eine anspruchsvollere Welt zu finden. Alle wollen ja auch mehr. Mehr Licht, Luft, Wärme, Normen, Platz, Schönheit, Technik, Medien, Wohlbefinden usw.

Das alles kann nur mit der richtigen Sichtweise, Interpretation, dem passenden Kompass und neuen Ideen gelingen. Alles soll gehen. Aber daraus wird nicht automatisch eine richtige Lösung, eine gute Architektur oder eine gute Stadt.

Wir müssen differenzierter denken, vielfältigere Lösungen finden. Denn viele Umgebungen sind komplizierter und abwechslungsreicher geworden. Die Fakten sind bekannt Die Leistungsfähigkeit von Prozessoren verdoppelt sich alle 18 Monate, das Wissen der Welt angeblich alle acht Jahre, medizinisches Wissen sogar alle fünf Jahre.

Die Anzahl der Menschen mit wissenschaftlich-technischer Ausbildung ist zwischen 1950 und 2000 von 10 auf 100 Millionen angestiegen. Tim Berners-Lee machte das World-Wide-Web-Projekt 1991 öffentlich und weltweit verfügbar. Seitdem verbreiten sich Nachrichten, Trends, Erkenntnisse, Wissen und Ideen in rasendem Tempo.

Seit 2001 verkauft Apple den iPod, 2007 wurde das iPhone vorgestellt. Das ist alles noch nicht allzu lange her. Die Menschheit, Internetadressen, Bauvorhaben, Pkws, Popsongs, wissenschaftliche Veröffentlichungen, täglich fahrende Züge in Deutschland, alles wird mehr, mehr, mehr. Die Unübersichtlichkeit bedarf der Klärung.


Dieser Beitrag ist Teil einer wiederkehrenden Kolumne des berühmten Berliner-Architekten Eike Becker:

Die teuerste Tombola der Welt



 

 

Schlagworte zum Thema:  Architekt, Stress, Kontakt

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