09.06.2016 | Kolumne Eike Becker

Urbanes Arbeiten

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal zum Thema neue Arbeitswelten.

Die Wende am Büromarkt lässt sich an einem Datum festmachen: Am 27.2.2015 kann ich förmlich die Schiffshörner der Ozeanriesen hören, als die drei gut gekleideten Investoren aus Hamburg zur Tür hereinkommen. „Ja, wir wollen Ihr Bürohochhaus am Postbahnhof bauen. Wir kennen das Geschäft und glauben an Berlin. Den Vertrieb beginnen wir, wenn der Rohbau steht!“ Wie die ersten Schwalben im Frühling oder die ersten Frühblüher schon im Winter!

Gut für die Mutigen

Seit der Lehman Pleite 2008 sind in Berlin keine Bürogebäude mehr ohne feste Vorvermietung gebaut worden! Gut für die Mutigen, die die Trendwende als Erste erkannt haben. Mittlerweile rauscht eine Großvermietung nach der anderen durch die Stadt. Zalando will sich auf 100.000 Quadratmetern rund um die Mercedes-Benz-Arena ansiedeln, Allianz auf 50.000 Quadratmetern in Adlershof. Vermietungsrekorde purzeln, als wär’s die Olympiade. Wie Savills kürzlich mitteilte, wurden in Berlin 2015 rund 940.000 Quadratmeter Bürofläche neu vermietet. Gegenüber dem Vorjahr ist das eine Steigerung von mehr als 20 Prozent. Das gab’s noch nie an der Spree! Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.

Büroräume von gestern

Auch wir sind mit unserem Büro direkt betroffen. Die einst stolze GSW wurde von der Deutsche Wohnen geschluckt, die übrig gebliebenen Mitarbeiter an einem Standort zusammengefasst und das schöne Hochhaus, in dem auch wir arbeiteten, an JP Morgan verkauft. Die konnten ihr Glück angesichts des Schnäppchenpreises für die „leerstehende“ Immobilie kaum fassen und vermieteten umgehend das 22.000 Quadratmeter große Haus komplett an das Rocket Internet Imperium der Samwer Brüder. Für uns bedeutete das den Auszug. Unsere Suche nach neuen Büroräumen gestaltet sich schwierig. Die Besichtigungstouren geben Einblick in einen ausgetrockneten Markt. Das ist umso überraschender, stand doch vor fünf Jahren noch über eine von den 19 Millionen Quadratmeter Büroflächen in Berlin leer. Bis heute hat sich der Leerstand mehr als halbiert. Die im Angebot stehenden Altbauten oszillieren zwischen Billigbausünden im Osten und Wir-sind-von-einer-Mauer-eingeschlossen-und-können-nichts-dafür-Charme um den Ku’damm im Westen. Die Neubauten sind weder flexibel noch energetisch auf Stand. Wie schnell Büroräume für heute von gestern sein können!

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Neue Arbeitsräume finden wir schließlich als Untermieter in dem schönen Tour Total, Architekten sind Barkow Leibinger. Direkt am Hauptbahnhof mit einem hervorragenden öffentlichen Verkehrsnetz sowie einer Vielzahl von Geschäften, Restaurants und Cafés drum herum. Die werden auch für Besprechungen genutzt. Nebenkosten halbiert, Miete verdoppelt. Klar, die starke Nachfrage führt zu steigenden Mieten. Lagen die Durchschnittsmieten in Berlin 2011 noch bei zwölf Euro, sind sie heute bei fast 15 Euro angekommen. Die Spitzenmieten liegen bei 23 Euro pro Quadratmeter. Das ist schon hoch, ist aber im Vergleich zu München (47 Euro pro Quadratmeter), Paris (75 Euro pro Quadratmeter) oder London (195 Euro pro Quadratmeter) noch günstig.

Ein profaner, bescheidener Ort

Während des Ausbaus geraten wir in Panik: Unser Vermieter hat ein Intranet und der Internetanschluss hat für uns eine Übertragungsrate, die bei fünf Prozent unserer bisherigen Geschwindigkeit liegt. Und mobil telefonieren geht wegen der abschirmenden Sonnenschutz-Bedampfung auf den dreifachverglasten Scheiben im 15. OG auch nicht. Hiiilfe!!! Zu unserer Erleichterung sehen zum Einzug die Räume ohne Teppich und Trennwände endlich wieder wie ein Rohbau aus, ein Loft, ein profaner, bescheidener Ort voller unterschiedlicher Kommunikations- und Arbeitsmöglichkeiten. Das neue Viertel entlang der Heidestraße vor dem Hauptbahnhof zählt zu den innerstädtischen Erweiterungsflächen der Stadt. Noch wird hier der Tunnel für die S21 gebaut, aber weitere Hochhäuser sind um den Bahnhof möglich. Ich liebe diese Orte, an denen die Veränderungen des Stadtkörpers so sichtbar werden.

Wenn sich dann der Verkehrsstau durch die Fertigstellung der ganzen Baustellen wieder aufgelöst hat, ziehen wir wieder weiter. Unsere Räume sind hell, lichtdurchflutet, ein großer Raum für alle, Blick über Berlin nach Osten, Süden und Westen. Alle Arbeitsplätze sind nahezu gleich ausgestattet. Auch mein eigener.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Büro

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