Kolumne Eike Becker: Häuser wie Autos

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal über das Thema standardisierte Module im Wohnungsbau.

Doch jetzt sollen die städtischen Wohnungsbaugesellschaften das Versäumte blitzartig nachholen. Das sind die Gesellschaften, die noch bis vor Kurzem „privatisiert“, also abgeschafft werden sollten. Sie werden jetzt beauftragt, Tausende von Wohnungen im Jahr zu errichten. In dieser Situation fällt der Blick erneut auf die über Jahre im tendenziell denkfaulen und innovationsfeindlichen Wohnungsbau vernachlässigte Modulbauweise. Typisierte Bauten müssen nicht einzeln von der Verwaltung genehmigt werden. Sie sind als Serienmodelle wie bei einem Autohersteller mit Statik und Brandschutz ausgestattet und abgenommen.  Das spart in der Regel ein ganzes Jahr Genehmigungs- und Planungszeit. Bis zu sechs Geschosse hoch können diese Typengebäude werden. Dabei sollen sie, wie ganz konventionelle Häuser, bis zu 90 Jahre lang halten. Dazu müssen sie der EnEV entsprechen, besonders flexibel sein und später gegebenenfalls als Hotels, Studentenwohnheime oder konventionelle Wohnungen genutzt werden können, wie es in der Ausschreibung des Berliner Senats heißt. Wer dabei an Plattenbau oder an die westdeutschen Großwohnsiedlungen denkt, liegt nicht falsch. Auch heute geht es um serielles Bauen. Das bedeutet mindestens Sandwichpaneele für die Fassade und vorgefertigte Badzellen.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt

Die ambitionierten Terminpläne fordern kurzfristige Entscheidungen. Die Fundamente und das Untergeschoss werden konventionell vor Ort erstellt, während gleichzeitig die Module in witterungsgeschützten Werkhallen wie in der Autoindustrie produziert werden.

Flüchtlingsunterbringung WGS
Die Module sind schnell bezugsfertig.
Oberflächenbeläge, Sanitärobjekte, Beleuchtungselemente, Medientrassen und andere Festeinbauten werden bereits im Werk installiert und in wenigen Tagen vor Ort aufgestellt. Die Endarbeiten an Außenwänden, Dächern und inneren Verbindungen sind in der Regel in wenigen Wochen beendet. Die Serienproduktion ermöglicht eine hohe Detailqualität und den damit verbundenen sparsamen Einsatz von Materialien und Energie. Auch bei Rückbau, Erneuerung oder Recycling ist die leichte Demontierbarkeit von Vorteil. Nachteile sind der Transport der sperrigen Container, die dadurch limitierten Gesamtabmessungen und der hohe konstruktive Aufwand durch die doppelten Innenwände und Decken.

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Doch das ist nicht das Hauptproblem. Ingenieurtechnisches Effizienzdenken entscheidet sich allzu oft gegen eine architektonische Individualisierung. Und dadurch geraten die Nutzerbedürfnisse aus dem Blickfeld. Denn wer will schon als anonyme Nummer in einem Meer von Gleichem wohnen? Angesichts der schieren Massen geht es panisch einfach nur um ein kostengünstiges Dach über dem Kopf für möglichst viele. Und die einseitige Konzentration auf die Optimierung des Produktionsprozesses führt allzu schnell zur Vernachlässigung des menschlichen Maßes und der vielfältigen sozialen Notwendigkeiten. Im Ergebnis kommt es schnell zu Plattenbauhochregallagern in monotonen Großsiedlungen ohne Nachbarn, Wüsten des Asozialen, Schneisen der Einsamkeit, der Verrohung und Desintegration. Das darf aber nicht so sein. Wir wissen heute so viel mehr über sozial erfolgreiches und nachhaltiges Zusammenleben ganz unterschiedlicher Personengruppen. Diese Erkenntnisse müssen auch in diesen neuen Quartieren berücksichtigt werden. Und wenn man das Gestaltungspotenzial der digital gesteuerten Vorfertigung zu nutzen vermag, müssen Standardisierungen heute keineswegs mehr mit Kümmergrundrissen und Waschbeton- Wüsten verbunden werden. Doch gute, innovative Lösungen gelingen ausschließlich mit sorgfältiger, neugieriger und kluger Planung. Aber die bisher bekannten hektischen Ausschreibungen erwarten bereits fertige Systeme und beziehen allzu häufig Architekten nicht mit ein. So entstehen ganze Stadtquartiere ohne städtebauliche Leitbilder, ohne entsprechende architektonische Qualifizierung und ohne die sonst üblichen Abwägungen und Meinungsbildungen. Bauen ist immer auch der Ausdruck eines gesellschaftlichen Zustandes und geht alle an. Viele über Jahre hart erkämpfte Standards, die gerade zu den verbesserten Lebensqualitäten in den Innenstädten geführt haben, drohen wieder über Bord gekippt zu werden. Modulbau kann helfen, bessere Wohnungen zu entwickeln. Das geht aber nur mit sorgfältiger, ausgewogener Planung. Sonst entstehen heute die Gettos von morgen.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Wohnungsbau