30.05.2016 | Kolumne Eike Becker

Häuser wie Autos

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal über das Thema standardisierte Module im Wohnungsbau.

Joseph Monier, der für die Gärten in Versailles Pflanzkästen aus Zement mit Drahtgewebe für die transportablen Orangenbäumchen entwickelte, erfand damit schon fast den Stahlbeton. Die Idee des modularen Bauens ist so alt wie die Architekturgeschichte. Joseph Paxton hat es mit seinem Kristallpalast für die erste Weltausstellung 1851 allen vorgemacht. Auf- und Abbau innerhalb von wenigen Monaten. Alles kam in Modulbauweise aus vorgefertigten Eisenteilen und Glassegmenten auf die Baustelle, mitten im Hyde Park. Auch der Eiffelturm wurde 1889 in nur zwei Jahren gebaut. Im Baukastenprinzip vorfabriziert und vor Ort zusammengenietet. Eine geniale Konstruktion eines genialen Ingenieurs und Geschäftsmannes.

Die Idee, Häuser wie Autos am Fließband zu bauen, ist so alt wie die moderne Architektur.

Auch Le Corbusier mit seinem Modulor und Mies mit seinem Farnsworth House waren begeistert von den Möglichkeiten industrieller Vorfertigung. Häuser sollten aussehen wie Ozeandampfer und genau wie diese vorfabriziert werden.

Auch ich wuchs, wie viele meines Alters, mit Legosteinen und Bauklötzen verstreut in meinem Kinderzimmer auf und war begeistert von den Möglichkeiten, aus Zweiern, Vierern, Sechsern Rinder, Pferde, Cowboy und Indianer zu bauen. Mein erster Entwurf setzte sich aus tiefgezogenen Fensterblechen von Güterwaggons zusammen. Meine ersten realisierten Objekte waren Vordächer aus Windschutzscheiben oder Flugzeugteilen, die ich auf Schrottplätzen fand und mit Stahlunterkonstruktionen an bestehende Häuser schraubte. Bereits früh war ich fasziniert von der Möglichkeit, Häuser wie Autos zu konstruieren. Formenreich wie ein Ferrari Testarossa und mit der perfekten Innenausstattung eines Sechser BMW. Deshalb bin ich auch nach London gegangen, um bei Norman Foster und später bei Richard Rogers zu arbeiten. Beide hatten bereits in den sechziger Jahren, wie zuvor Ray und Charles Eames oder Buckminster Fuller in den USA, Häuser aus industriell vorfabrizierten Elementen zusammengeschraubt.

Die Vorteile des modularen Bauens sind bekannt

Die Entwicklung von Prototypen mit anschließender industrieller Vorfertigung kann enorme Zeit- und Kostenvorteile eröffnen bei deutlich präziserer Ausführung. Trotzdem ist modulares Bauen im konservativen Wohnungsbau bis heute nie wirklich angekommen. Erst mit der Forderung nach preisgünstigen Wohnungen und der Notwendigkeit, schnell zu handeln, rückt modulares Bauen wieder in den Fokus. Denn über das Thema der Flüchtlingsunterbringung führt die Diskussion geradewegs zu der Notwendigkeit, kostengünstigen und sozial integrierten Wohnungsbau zu realisieren. In den großen deutschen Städten toben Verdrängungswettbewerbe, nahezu jeder zweite Bewohner ist sozialwohnungsberechtigt, aber noch nicht einmal sieben Prozent der vorhandenen Wohnungen stehen dafür zur Verfügung.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Wohnungsbau

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