23.06.2016 | Kolumne Eike Becker

Flüchtlinge

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal zum Thema Flüchtlinge.

"Ach, Omi, erzähl uns doch noch einmal von früher!“, war unser vereinbartes Ritual, mit dem wir Kinder eine gemütliche Stunde mit ihr einleiteten. Mit Schokolade oder Salzstangen ausgestattet, folgten wir immer wieder staunend ihren Geschichten von dem märchenhaften Gutshof ihrer Jugend, dem grausamen Krieg, der  kommunistischen Enteignung und Vertreibung, den Strapazen der Flucht und dem bescheidenen Neuanfang im Westen. Die Szene, als sie mit ihren drei kleinen Kindern als Einzige von Hunderten in der Nacht den russischen Kontrollposten passieren konnte und auf der anderen Seite des damaligen Grenzflusses Mulde auf dem Weg in den Westen vor Glück und Erleichterung weinend auf die Knie fiel, schlug wie ein zuckender Blitz in die wohlige Wärme meiner Kindheit.

Jeder Vierte war ein Vertriebener

Wie die Familien meiner Mutter und meines Vaters kamen nach dem Zweiten Weltkrieg 12,5 Millionen Flüchtlinge aus den Ostgebieten in das verkleinerte, zerstörte Deutschland. 1950 war jeder vierte Einwohner der DDR Flüchtling oder Vertriebener. Vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg verloren fast 60 Millionen Menschen in Europa ihre Heimat. Die Ideologie zweier totalitärer Systeme hatte sie zu Zwangsmigranten gemacht. Die Aufnahme der vielfach traumatisierten Flüchtlinge, die häufig nahezu ihre gesamte Habe verloren hatten, war unter den Ansässigen im Einzelfall eher ruppig. Woher sollte in dieser harten, kriegerischen, knorrigen Umgebung auch plötzlich Solidarität mit den Schwachen und Mittellosen kommen, mit denen zwangsverordnet Tisch und Dach geteilt werden musste?

Heute trifft die aktuelle Zuwanderungswelle die wohlstandsdeutsche Gesellschaft so unvorbereitet wie mich die Geschichte meiner Großmutter. Zunächst die märchenhafte Verklärung: Wow, wir sind ein so tolles Land, dass Menschen zu UNS kommen wollen!

Wir sind Weltmeister und werden geliebt!!! Das Leben ist so schön!

Dann die erschreckende Erkenntnis, dass die romantische Südseeinsel Bundesrepublik auch von brausenden, kalten, tiefen Meeren umgeben ist, in denen brutalste Kriege, grausamstes Elend, Verachtung, Verbrechen, Armut, Hunger, Vertreibung und Flucht, aber auch elendes Regieren und mangelnde wirtschaftliche Dynamik massenweise leidvolle Biografien prägen. Und plötzlich bleiben diese bunten, leicht schauerlichen Elendsbilder nicht mehr hinter den medialen Oberflächen, sondern durchfurchen dieses wohlgeordnete und mit sich voll beschäftigte Ländchen wie ein führerloser Schneepflug das verschneite Tal. Viel zu langsam wächst die Erkenntnis, dass sich gerade die Spielregeln geändert haben. Eine neue Epoche hat begonnen. Unsere Städte wandeln sich unter den ungläubigen Blicken von den kränkelnden, schrumpfenden Gebilden einer alternden Welt innerhalb weniger Jahre zu attraktiven Weltstars. Kaum zu glauben, aber 2008 war Berlin eine schrumpfende Stadt, noch 2009 war das Zu- und Abwanderungssaldo für die Bundesrepublik negativ.

Schlagworte zum Thema:  Stadtentwicklung, Architektur

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