| Kolumne Eike Becker

Die ideale Stadt

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal zum Thema "Die ideale Stadt".

Nach fünf Stunden Flug finde ich mich in den dichten Gassen der Medina, der historischen Altstadt von Marrakesch, wieder. Plötzlich Tausendundeine Nacht. Die überwältigende Dichte der fremden, lebensgegerbten Gesichter, eine schier endlose Zahl winziger Läden, einer neben dem anderen, angefüllt mit lokalem Kunsthandwerk, Teppichen, Keramik, Holzschnitzereien und Schmuck, bilden ein eng geknüpftes Abbild menschlichen Miteinanders. In dem Strom der Passanten gelange ich zum Djemaa el Fna, dem weltberühmten Marktplatz der Marktplätze, ein „Meisterwerk des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“, voller Gaukler, Musiker, Geschichtenerzähler, Schlangenbeschwörer, Affenbesitzer, Kartenlegerinnen, Tätowiererinnen, Händler, Bettler, Einheimischer und Touristen. Heute wie vor hundert Jahren.

So abwechslungsreich bevölkert wünschen sich nordeuropäische Planer ihre Städte!

Ein Guide führt uns durch ein Gewirr winziger, lärmender, vor Menschen wogender Gassen zu einer stahlbewehrten, jahrhundertealten Holztür.

Plötzlich diese Ruhe

Auf der anderen Seite heißen uns kühler Limonengeruch und die schöne Binta willkommen. Plötzlich diese Ruhe. Sie zeigt uns das winzige Anwesen um drei jeweils zweigeschossige Höfe, alle Fenster sind nach innen gerichtet, die fruchtigen Bananenbäume und das Plätschern der Brunnen lassen uns sofort entspannen. Kein Wunder, dass die Städte um das Mittelmeer mit ihren engen, dicht bevölkerten Fußgängergassen und nach außen geschlossenen Atriumhäusern erklärtes Vorbild vieler Stadtplaner sind. Die klare Trennung von Privatheit hier und Öffentlichkeit dort führt zu konzentrierter Geborgenheit diesseits und dicht bevölkerten öffentlichen Räumen jenseits der Mauern. Die moderne, autogerechte Stadt mit ihrer Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit führt dagegen zu einem enormen Verlust von Aufenthalts- und Lebensqualität. In der Medina von Marrakesch fällt es leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen, Nachbarn kennen sich. So könnte eine menschengerechte Stadt aussehen. Doch ein Besuch im Viertel der Gerber reißt mich aus meinen orientalisch-romantischen Träumen. Ich stehe mitten in einer bestialisch stinkenden Vorhölle. Taubenkotsäurebäder machen die Häute weich. Die Arbeit hier ist hart und macht krank. Was veranlasst Menschen, ihr Leben in so elenden Verhältnissen zu verbringen? Das Länderinformationsportal hilft mir weiter: „Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Marokko bei über 50 Prozent. Arbeitslosenhilfe gibt es nicht. Aber auch für die, die Arbeit haben, ist die Lage oft schwierig. Millionen Marokkaner können von ihrer Arbeit nicht leben.“

4.000 Taxifahrer gibt es in Marrakesch

Ich lerne Hannah kennen. Sie ist eine von nur zwei Taxifahrerinnen und arbeitet ausschließlich für Touristen. Einheimische Frauen fahren kein Taxi und Kerle steigen hier in kein Auto mit einer Frau am Steuer. Im ehemaligen Industriegebiet sind mittlerweile geschlossene Designerläden zu besichtigen. Im April 2011 starben bei einem Terroranschlag auf ein Café am Djemaa el Fna 17 Menschen. Danach blieben die Touristen aus und das Geschäft brach ein. Die Armut der Bevölkerung steht dem immensen Reichtum einiger Weniger gegenüber. König Mohammed VI. ist laut Forbes einer der zehn reichsten Monarchen der Welt. Dazu nochmal das Länderinformationsportal: „Seit er 1999 den Thron übernahm, soll er sein privates Vermögen mindestens verfünffacht haben. Mit geschätzten 2,5 Milliarden US-Dollar liegt er schon vor den Herrschern aus Katar und Kuwait. Vom Königshaus dominierte Holdings kontrollieren Rohstoffe, Banken, Versicherungen, die Lebensmittel- und Bauindustrie.“

Marokko ist somit geprägt von extremen sozialen Ungleichheiten und einem politischen System, das Partizipation nur in sehr engen Grenzen zulässt. Amnesty International berichtet von Folter. Proteste werden gewaltsam aufgelöst. Es gibt keine freie Presse, Minderheiten und Regierungskritiker werden verfolgt und inhaftiert. „The Economist“ stuft in seinem Demokratieindex Marokko als autoritäres Regime ein.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Gesellschaft

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