07.07.2016 | Kolumne Eike Becker

Architekten in Venedig

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert er sich zum Thema Architektur und Stadtplanung - diesmal zur 15. Architekturbiennale Venedig, die noch bis zum 27. November läuft.

Während der Fahrt mit dem Vaporetto der Sonne und der Silhouette der Inselstadt entgegen, spritzt die Gischt rechts und links und bläst der Fahrtwind jeden Gedanken an ein Gestern davon. Plötzlich Rialtobrücke, Venedig. Die sinkende Stadt der Dogen und Touristen. Diese modrige Hinterlassenschaft stolzer Kaufleute aus einer Zeit vor der Entdeckung Amerikas überwältigt, fasziniert, erstrahlt und glitzert bei jedem Besuch von Neuem. La Serenissima, die Weltstadt der Weltstädte, Heimat von Tizian, Casanova, Vivaldi und Marco Polo, Erfinderin der Gondeln und Biennalen, ist der Sehnsuchtsort aller Künstler, Liebespaare und Architekten.

Die wichtigste Ausstellung für Architekten überhaupt

La Biennale di Venezia ist seit 1895 die älteste Kunst-Biennale überhaupt. Seit 1980 gibt es das Ganze auch als Architektur-Ausgabe. Ein Riesending, ein Monster, die wichtigste Ausstellung für Architekten überhaupt. Hier wird unser Selbstverständnis immer wieder neu verhandelt, in diesem Jahr zum 15. Mal. Unter dem Titel „Reporting from the Front“ hat der Kommissar Alejandro Aravena über 80 Architekten aus 37 Nationen eingeladen, ihre gesellschaftlich relevanten Fragen aufzuzeigen. Alejandro hat einen Lauf, hat in diesem Jahr auch den Pritzker-Preis, den Nobel-Preis für Architektur, erhalten.

„Nach dieser Biennale wird nichts mehr so sein wie zuvor.“ Paolo Baratta, Präsident der Biennale

„Der Titel weckt kolossale Erwartungen. Dass es eine Biennale der Armen, der Katastrophen und der Krisen wird“, sagt er. Ein Anspruch, hoch wie ein Wolkenkratzer. Der wird noch von Paolo Baratta, dem Präsidenten der Biennale, getoppt: „Nach dieser Biennale wird nichts mehr so sein wie zuvor.“ Bereits seit Jahren bewegen sich die Ausstellungen weg von der Stararchitektenarchitektur. Auch die Kommissare Kazuyo Sejima (People meet in architecture, 2010) und David Chipperfield (Common ground, 2012) haben Fragen des Gemeinwohls in den Vordergrund gestellt. Was Aravena in diesem Jahr ausstellt, ist für alle etwas, vor allem viel. Im Arsenale dürfen die meisten ausstellenden Architekten das zeigen, was ihnen wichtig ist.

Die älteren Heroen feiern sich selbst

Die älteren Heroen, wie zum Beispiel Tadao Ando, Peter Zumthor oder Herzog & de Meuron, rufen ganz gemütlich aus der Vergangenheit herüber an die Front und feiern dabei vor allem sich selbst. Norman Foster zum Beispiel hat eine Foundation, und die hat eine Backsteinkuppel als Drohnenflughafen für die Front in Südafrika hochgemauert. Unter dem Titel „Daily Design, Daily Tao“ lädt China in ein Holzhaus mit Favela Garten zum Meditieren ein – während des Urlaubs von der Front sozusagen. Im Hauptpavillon zeigt der Kommissar eine handgefertigte Bogenkonstruktion aus Backstein, die dann auch – Gratulation nach Paraguay – mit einem Goldenen Löwen ausgezeichnet wird.

Gut gelaunt billige Container aufeinander stapeln

Arno Brandlhuber ärgert sich über Bauvorschriften und beneidet Luigi Snozzi, der in seinem Bergdorf Monte Carasso allein entscheiden kann, was gebaut wird. Richard Rogers empfiehlt, die Städte vom Zentrum aus zu entwickeln (von wo sonst?), und stapelt, wie bereits in den 60er Jahren, gut gelaunt bunte Container aufeinander. Die Länderpavillons in den Giardini machen mehr oder weniger ihr eigenes Programm. Ganz in der Tradition des Biedermeier geht es in England um Wohnungen für Jahre, Monate, Tage und Stunden (wen interessiert schon der Wohnungskrieg der Spekulanten gegen den Rest der Gesellschaft in London?). Australien hängt ab an einem 20 Zentimeter tiefen Swimmingpool (Danger! Shallow Water). Japan zeigt mal wieder die liebevoll geklebten Modellhäuser für gemeinschaftliches Wohnen, winzig kleine Beispiele höchster Ansprüche.

Schlagworte zum Thema:  Architektur, Italien

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