PropTech-Trends 2020: Nachhaltigkeit wird zur Existenzfrage

Die Sturm-und-Drang-Phase der PropTechs ist vorbei. Geschäftsmodelle müssen sich für Immobilienfirmen rechnen. Das Zukunftsthema schlechthin heißt Nachhaltigkeit. Was sich hinter "GretaTech" verbirgt und welche Trends den Markt 2020 noch bestimmen werden, zeigt eine Studie von PropTech1 Ventures.

PropTech1 Ventures ist ein Fonds, der sich auf Start-ups auf dem Gebiet der Digitalisierung der Immobilienwirtschaft konzentriert. In seinem Marktbericht "European PropTech Trends 2020" erklärt Nikolas Samios, Managing Partner des Fonds, was die Startups beachten müssen, wenn sie an den (Immobilien-)Märkten überleben wollen.

Nach einem spielerischen Ausprobieren von sogenannten "Eye-Candies" (zum Beispiel Mieter-Apps oder Remote-Wohnungsbegehung via Virtual Reality), müssen sich PropTechs in ihrer Zusammenarbeit mit der Immobilienbranche künftig nicht nur als nachhaltig beweisen, sondern auch zeigen, dass der Einsatz der Technologien Kosten einspart. Das fange bei den Grundlagen an, schreibt Samios: Etwa beim Einscannen von Verträgen, Grundrissen oder Dokumenten, die noch tonnenweise in den Kellern der Unternehmen lagerten. Der digitale Hebel in Form von Big-Data-Auswertungen, vollvernetzten IoT-Anwendungen und künstlicher Intelligenz könne erst dann angewandt werden.

"Jeder Marktteilnehmer, der diesen Zug verpasst, wird es in naher Zukunft zunehmend schwer haben, mit seinem Wettbewerb mitzuhalten." Nikolas Samios, Managing Partner, PropTech1 Ventures

Es sei auch nicht mehr nur ein "Nice to Have", sich um eine nachhaltige Innovationsstrategie zu bemühen, sondern über kurz oder lang eine Existenzfrage. Neben "GretaTechs", eine Anspielung auf Klimaaktivistin Greta Thunberg, haben dem Report zufolge auch moderne Bauweisen – wie modulares Bauen, 3D-Druck oder BIM – großes Potenzial. Zudem seien Konsolidierungen und Wachstum Schlagwörter der Zeit.

Trend Nummer 1: "GretaTech"

Beim Thema Nachhaltigkeit setzen die PropTechs auf die Lenkungswirkung von öffentlichem Druck und sukzessive einsetzender, neuer Marktregeln. Auch Großinvestoren und Private-Equity-Häuser positionieren sich öffentlich für mehr Klimaschutz, weltweit – man denke nur an die Aussagen von Blackrock. Regulierungen wie die CO2-Bepreisung setzen wirtschaftliche Anreize, drohende Sanktionen zwingen zum Handeln. "Green Bonds" sind ebenso angesagt wie modulares Bauen aus Holz oder anderen, neuen Materialien. Es sei eine Stärke von Startups, smarte Gründungen zu antizipieren. Der Druck der Wirtschaft, aber verstärkt auch Auflagen, die sich Unternehmen oder Investoren selbst setzen, seien klare Indikatoren für überdurchschnittliche Chancen in diesem Segment, so Samios.

Trend Nummer 2: "Platte Next Gen"

In Zeiten knapper werdender Ressourcen, von steigendem gesellschaftlichen Druck auf Baukosten und der Notwenigkeit effizienter Flächennutzung in Ballungsgebieten, sei das "Baukastendenken" etwa im Sinne von Walter Gropius aktueller denn je, meint Samios. Er sieht die Lösung in IT-gestützten Projektmanagement-Methoden, in standardisiertem, industrialisiertem, modularem Bauen, wobei letzteres auch große Vorteile bei der Nachhaltigkeitsfrage biete. Kurzum auch in der Prozessqualität im Baubereich. Bis dato leiste sich diese Branche vielerorts noch archaische Prozesse, wie man sie aus der IT-Entwicklung der vergangenen zehn Jahre kenne. "Startups, die diesen Methoden-Notstand verbessern und / oder durch moderne Fertigungsansätze Skalierung schaffen, werden entsprechend profitieren", sagt Samios.

Trend Nummer 3: "IT-Großputz"

Der Erfolg der Immobilienbranche der vergangenen Jahre habe die Systeme träge gemacht und den Blick auf das gesunde, ständige Hinterfragen und Optimieren interner Abläufe verschlossen.

"Die Immobilienbranche hat eine ... als eklatant rückständig, wenn nicht gar mittelalterlich zu bezeichnende IT-Landschaft angesammelt." Nikolas Samios, Managing Partner, PropTech1 Ventures

Die Systeme sind dem Report zufolge selbst bei den größten Marktteilnehmern oftmals nicht in der Lage, absolute Basics abzubilden: So werde etwa noch immer als innovatives Feature beauftragt, Liegenschaften auf einer Karte zu visualisieren – 15 (!) Jahre nach der Einführung von Google Maps. Von Cloud-Services, redundanzfreier, zentraler Datenhaltung oder einer sinnvollen Verwendung von Big Data und Künstlicher Intelligenz sind demnach viele Markteilnehmer noch immer weit entfernt. Startups, die den (schlechten) Status quo der Industrie verstehen und die Immobilienbranche erst einmal dort abholen, wo sie derzeit steht, haben laut PropTech1 Ventures bessere Chancen denn je.

Trend Nummer 4: "Get big or Get out"

Die PropTech-Szene wächst – quantitativ. Rund eine halbe Milliarde US-Dollar seien alleine im vergangenen Jahr in europäische Startups mit Immobilienbezug geflossen, heißt es in dem Report. Damit steige auch die Zahl von Fachkongressen, Matchmaking-Plattformen und Think Tanks, um die Immobilienbranche über die "schöne neue Welt" zu informieren. Von der Kleinteiligkeit seien viele Real Estate Manager genervt, meint Samios. Zeit für die PropTechs, sich zu konsolidieren. Diese Entwicklung ist ebenfalls ein Trend für 2020. Gemeint sind komplementäre Zusammenschlüssen zu Cluster-Firmen und Plattformen. Dies kann der Studie zufolge zu einer ausreichenden kritischen Masse an Features und einer Betriebssicherheit qua Größe und ISO-Zertifizierung führen, was letztlich selbst die konservativsten Marktteilnehmer ansprechen werde.

Nikolas Samios, PropTech1 Ventures
Nikolas Samios, PropTech1 Ventures

Interview Nikolas Samios: "Wer sich der Digitalisierung entzieht, gerät ins Hintertreffen"

Die Haufe Online Redaktion hat sich bereits vor Veröffentlichung der Studie "European PropTech Trends 2020" mit PropTech1 Ventures-Managing Partner Nikolas Samios über die Entwicklungen und Trends der Szene unterhalten.

Haufe Online: Herr Samios, Sie haben bereits viel Erfahrung in Sachen Venture Capital (VC) gesammelt. Was meinen Sie, wie wird sich der Markt für PropTechs dahingehend verändern?

Samios: 2020 steht aus unserer Sicht unter der Überschrift, dass sich PropTech-Startups, insbesondere auch in der Zusammenarbeit mit den traditionellen Markteilnehmern, grundlegend werden beweisen müssen. Die Immobilienwirtschaft will nunmehr zählbare Einsparungen im Kerngeschäft oder greifbare neue Umsatzpotenziale durch die Digitalisierung sehen. In gewisser Weise folgt die Erwartungshaltung der Branche an das PropTech-Segment dem typischen Gartner Hype-Zyklus. Erst sind die Erwartungen stark überhöht – man denke an WeWork – aber langfristig werden zwangsweise durch neue Methoden und Technologien Effizienzgewinne erzielt und damit tradierte Player, die sich gegenüber der Digitalisierung verwehren, ins Hintertreffen gelangen oder ganz aus dem Markt fallen.

Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die Finanzierungschancen für PropTechs?

Die Chancen stehen besser denn je, da sich eine zunehmende Anzahl an aktiven Investoren etabliert hat, die sich mit dem Thema beschäftigen. Man muss dabei natürlich auch zwischen strategischen Investoren, etwa den im Markt aktiven Konzernen und ihrer Innovationstöchter, die auch der Gefahr einer adversen Selektion unterliegen, weil sich Startups über deren interne Agenda nicht im Klaren sein können, und den sehr wenigen, unabhängigen Venture-Capital-Finanzinvestoren wie PropTech1 unterscheiden.

Wonach entscheiden Sie, in welches PropTech Sie investieren?

Wir haben uns seit Aufnahme unserer Investmentaktivität über 400 PropTechs angeschaut, also in unterschiedlicher Tiefe einer Beteiligungsprüfung unterzogen. Alle unsere Investments haben wir Venture-Capital-typisch analysiert: Zunächst einmal überzeugen wir uns von einer ausreichenden Skalierbarkeit und Marktgröße für das jeweilige Geschäftsmodell, analysieren die Wettbewerbsdichte und schauen entsprechend, ob es aus Perspektive der Wachstumsaussichten und damit potenziellen Zielrenditen überhaupt für ein VC-Investment in Frage kommt.

... und als Nächstes?

Als Nächstes schauen wir uns die bislang erzielte Traktion, das Produkt, den Vertrieb und natürlich das Gründerteam an. Denn mit dem steht und fällt einfach alles. Sollten die Ergebnisse positiv ausfallen und wir uns mit dem Startup auf eine Unternehmensbewertung und die typischen Konditionen der Beteiligungsverträge einigen können, investieren wir. Gerne auch mit Co-Investoren in mehrwertigen Konsortien. Im Anschluss versuchen wir möglichst nahtlos, von der Prüfung zur hilfreichen Mitwirkung als aktiver Gesellschafter oder Beirat zu wechseln.

Unter uns: Welches PropTech behalten Sie in diesem Jahr besonders im Auge?

Neben dem laufenden Screening nach neuen Investments beschäftigen wir uns naturgemäß auch intensiv mit unserem wachsenden Bestandsportfolio. Um zwei Beispiele zu nennen: Archilyse, eine der beeindruckendsten technischen Lösungen für die Messung und Optimierung von Architekturqualität, ist gerade nach erfolgreichem Proof of Concept mit hochrangigen Kunden in der Schweiz im Begriff eine größere Finanzierungsrunde abzuschließen, an der wir sowohl konzeptionell als auch wirtschaftlich wieder mitwirken, und beginnt mit der europäischen Markteinführung. Wunderflats hat sich seit unserem ersten Investment Mitte 2019 nun zum klaren Marktführer für möbliertes Wohnen auf Zeit in Deutschland entwickelt, wodurch sich nun interessante strategische Optionen bezüglich weiterer Geschäftsfelder und / oder einer Internationalisierung stellen. Auch bei solchen Fragestellungen unterstützen wir mit unserem wachsenden Fundus an Know-how und Datenpunkten die Teams sehr gerne.


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