30.05.2016 | Kolumne Eike Becker

Superferenz

Der Architekt Eike Becker
Bild: Dirk Weiß

Eike Becker leitet seit 1999 zusammen mit Helge Schmidt das Büro Eike Becker_Architekten in Berlin, das zu den erfolgreichsten Architekturbüros in Europa gehört. In seiner Kolumne äußert sich Eike Becker zu Architektur und Stadtplanung - diesmal zum Thema Superferenz.

Während ich bei meiner wöchentlichen Runde, vorbei an der Säule mit dem goldenen Hirschen, in den Volkspark Schöneberg biege, beginnt es wieder zu regnen. Schön sind im Vorbeilaufen die von den Regentropfen in Bewegung gesetzten Wellenringe auf den Pfützen. Wo die Wellenringe aufeinandertreffen, sind ihre Überlagerungen gut zu sehen. Schnell wachsen die Pfützen. Ich muss im Laufen schon über die ersten springen. Nach etwa zwei Kilometern schüttet der Regen vom Himmel. Der Wolkenbruch weicht die Wege auf. Das Platschen scheint mit der Harmonie der ersten Wellenringe nichts mehr gemein zu haben. Auf dem Wasser lösen neue Formen eben noch neue Formen ab. Nass komme ich zuhause an. Und habe etwas kapiert.

Paradigmenwechsel

Mir wird klar, dass die Ringe und das Platschen auf der Wasseroberfläche ein eindrucksvolles Bild für den Paradigmenwechsel sind, den wir gerade erleben: Multidimensionalität statt Denken in Oberflächen. Manchmal merken wir sogar in unserem täglichen Rennen, Raufen und Rudern, wie unsere Begegnungen immer widersprüchlicher werden und sich das, was wir erleben, zu immer differenzierteren Gebilden wandelt. Wir stecken in einem Monsun polymorpher Ansprüche und spezifischen Wissens. Und wir spüren, wie – im ersten Moment ohne Ordnung – mal dieses mit jenem sich mischt, mal dieses an jenem sich stößt. Manche nennen das Interferenz. Die Steigerung der Erfahrung und Erkenntnis von Interferenz erkläre ich mir mit einem anderen, neuen Begriff: Superferenz.

Krisen und Visionen

Indem wir all diese Überlappungen, Überlagerungen und Durchdringungen wahrnehmen, uns auf sie einlassen, sie aushalten, riskieren wir, Gewissheit und Sicherheit im Leben und bei unserer Arbeit zu verlieren. Strategien, die zu puristischen und minimalistischen Lösungen führen, scheinen in ihrer Sehnsucht nach Harmonie und Einfachheit zu viel auszuschließen. Sie vermeiden, ja verdrängen diese Superferenz der Realität. Doch je mehr Regentropfen auf die glatte Wasserfläche fallen, desto reicher werden die Formen. Neues löst eben noch Neues ab: Wir brauchen Kreativität und Innovation. Schon mit dem Beginn der Arbeit an einem Bauvorhaben gilt es, aus einem Meer von Möglichkeiten die entscheidenden zu finden. Städtebau, Grundstückslage, Grundstücksgröße, Himmelsrichtungen, Blickbeziehungen, Erschließung, Raumprogramm, Statik, Bauphysik, Haustechnik, Brandschutz und so vieles mehr konkurrieren und müssen auf ihre sozialen, ökonomischen und ökologischen Implikationen geprüft werden. Bei superferenten Gesellschaften, Unternehmen oder Bauvorhaben liegt über den Funktionen und Formen auch immer eine Idee, ein Konzept oder eine Vision von dem, wie es sein soll. Superferente Strategien sind dadurch auch immer Eingriff und Störung. Sie blicken mit Wohlwollen auf die Welt, haben aber auch Freude am Anderen, Mut zum Verbessern und Neugierde auf das, was kommt. Die Naturgeschichte ist eine Aneinanderreihung von Störungen.

Click to tweet

Störungen als selbstverständlichem Teil des Systems. Auch der Mensch ist das Produkt von schier endlos aneinandergereihten Brüchen, Niederlagen und Krisen. Und seiner fortwährenden Weigerung, diese zu akzeptieren. Das zeigt auch Julian Rosefeldts großartige Filminstallation Manifesto im Hamburger Bahnhof: Parallel laufende Filme bringen zornige, jugendlich und unerhört aktuell klingende Worte auf 13 Leinwände. Für jeden Film hat er historische Originaltexte aus zahlreichen Manifesten von Künstlern, Architekten, Choreografen und Filmemachern zusammengebastelt – darunter Texte von Filippo Tommaso Marinetti, Tristan Tzara, Kazimir Malevich, André Breton, Claes Oldenburg, Yvonne Reiner, Sturtevant, Adrian Piper, Sol LeWitt oder Jim Jarmusch. Durch Kürzungen und Kombination von Texten verschiedener Autoren sind so 13 poetische Monologe entstanden, die Julian Rosefeldt mit den Arbeits- und Lebenswelten der Gegenwart verbindet. Verkörpert und vorgetragen werden sie von der australischen Schauspielerin Cate Blanchett.

Schlagworte zum Thema:  Stadtplanung, Architektur

Aktuell

Meistgelesen