02.01.2015 | Top-Thema Die teuerste Tombola der Welt

Architekten können gut umsonst

Kapitel
Das bessere Modell? Stadtbauwettbewerbe in ihrer bisherigen Form lassen die Architekten ausbluten.
Bild: wgp Architekten und Stadtplaner

Heute regieren politisch und architektonisch versierte Stadtbauräte. Sie sind die Supermen und Wonderwomen der Immobilienbranche. Über Wettbewerbe und Bebauungspläne mit städtebaulichen Verträgen sorgen sie dafür, dass kein Bauherr mehr machen kann, was nur er will. Aber bis zu 50 Prozent der Leistungen eines Architekturbüros werden nicht bezahlt.

Deutschland hat wunderschöne Innenstädte! Viele sind stolz auf ihre Baukultur! Veränderungen am Stadtkern werden immer sorgfältiger geplant und intensiver abgestimmt. Dabei ist ein tieferes Verständnis für die Stadt als gesellschaftliches Anliegen entstanden.


So gehen die Deals

Die Oper in Hamburg ist kein Wettbewerb. Aber die  HafenCity, der Potsdamer/Leipziger Platz in Berlin, die neue Altstadt in Frankfurt am Main, alles Wettbewerbe.

Da Wettbewerbe von privaten Bauherren zumeist nicht gefordert werden können, geht der Deal wie folgt: Du, Bauherr, veranstaltest einen Wettbewerb, und dafür bekommst du von uns möglicherweise ein höheres Baurecht.

Der Wettbewerb kostet ja nicht viel! Etwa ein Prozent der Bausumme. Die Architekten dürfen sich schon freuen, wenn sie auf den Listen der Stadtplanung stehen. Vielleicht werden sie ja für die nächste Tombola ausgewählt, die sie zwar selber bezahlen, nicht aber veranstalten.


Alle wollen die Wettbewerbe

Auch die Architektenkammern fordern Wettbewerbe. Die Gründe sind nachvollziehbar: Qualitätssicherung! Gerechteres Vergabesystem! Keine Mauscheleien! Junge Büros beteiligen! Etc. Wettbewerbe sind sinnvoll. Sie führen zu Auswahlmöglichkeiten und damit gewissen Qualitätssteigerungen. Vor allem führen sie durch eine Machtverschiebung vom Bauherrn zur Stadt zurück zu einer städtischen Kontrolle über das Baugeschehen.

Aber für die Architekten sind sie oft ein wirtschaftlich gefährlicher Weg. Manche nennen das Reise nach Jerusalem, andere Wettbewerb. Die Architektenberufsverbände betreiben eine Politik auf Kosten des eigenen Berufsstandes.


Praxisferne

Weltweit offene, unbezahlte Wettbewerbe zu fordern erscheint schon für Außenstehende praxisfern. Eine Politik allein für die vielen Mikro-Start-up-Büros führt in der Konsequenz zu einer Entprofessionalisierung des eigenen Berufsstandes.

Denn es sind die Architekten, die einen großen Teil ihrer Arbeitskraft, Lebensenergie und Finanzen mit unglaublichem Idealismus in diese Art von teurer Lotterie stecken. Durch diese Verfahren werden unsere urbanen Zentren tatsächlich besser.

Aber das alles geschieht unter unsinnig hohem Einsatz der Architekten und zu einem gigantischen Preis! Das in Deutschland praktizierte Wettbewerbswesen ist ineffizient, nicht nachhaltig und brutal teuer für die Architekten.

Statistische Gewinnaussichten eines hochqualifizierten Wettbewerbsbüros: 9 verlorene Wettbewerbe, ein 1. Preis, 13 verlorene Wettbewerbe, ein Auftrag!


Selbstausbeutung

Diese Haltung führt zur Selbstausbeutung des Berufsstandes. Ein unglaublich hoher Aufwand mit hohen Gesamtkosten für die Architekten: Bei zehn teilnehmenden Architekten: 250.000 Euro. Der Bauherr (50.000 Euro) und die Stadt (5000 Euro) kommen günstiger zum Ziel. Die Last wird größer, denn die Anforderungen sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Der Aufwand für Erhalt und Entwicklung unserer Innenstädte kann nicht allein von Architekten getragen werden.

Deutschland ist stolz auf seine Wettbewerbskultur. Doch die ist durch die Entwicklungen der letzten Jahre zu einer Ausbeutungskultur mutiert. Wie bei „Deutschland sucht den Superstar“, nur dass hier die Kandidaten die Sendung bezahlen.


Willkür

Die Architekten haben sich durch das Wettbewerbswesen daran gewöhnt, dass ein großer Teil ihrer Leistung nicht bezahlt wird. Und wenn doch, dann mit Beträgen, die gerade für die Modellbauer reichen. Rein objektiv beste Lösungen gibt es in der Regel für eine Aufgabe nicht. Je nach Vorliebe des Baudezernenten schlägt das Pendel ziemlich unvorhersagbar für die Teilnehmer in die eine oder andere Richtung aus.

Schlagworte zum Thema:  Wettbewerb, Architekturwettbewerb, Architekt

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