Kapitel
Bild: Haufe Online Redaktion

Stadtplanung verändert sich gemäß den aktuellen Trends. Es kommt darauf an, die Elemente einzubauen, die die Trends überdauern. Die Planung muss dabei menschliche Grundbedürfnisse berücksichtigen. Aber Städte müssen auch funktionieren.

Stadtplanung hat es immer schon gegeben. Nero ließ Rom, nachdem es abgebrannt war, wiederaufbauen: breitere Straßen, damit Feuer nicht übergreifen können, begrenzte Traufhöhen, um löschen zu können.

Das Fundament der Stadtplanung: die Athen-Charta

Stadtentwicklung wird immer wieder neu erfunden, lokal unterschiedlich und mit einem stets wachsenden Anspruch an Material, Technik und Gesetze. Ein Dauer-Großexperiment. Ihre Fehler haben Bestand. 

1933 wurde die Charta von Athen verabschiedet. Sie wurde EU-weit zur Planungsgrundlage für Städtebau und Entwicklung. Im Wesentlichen legt die Richtlinie unter dem Namen „die funktionale Stadt“ fest, dass Wohnen und Arbeiten zu trennen sind. Für Stadtplaner und Architekten bedeutete das die Auflösung der urbanen Stadt sowie deren funktionale Trennung. Die autogerechte Stadt wurde zum Maß aller Dinge. Diese Ziele schufen bis heute eine an den vermeintlichen oder tatsächlichen Bedürfnissen des motorisierten Individualverkehrs orientierte Stadt. Großflächige Parkplätze und Parkhäuser und vier- bis sechsspurige innerstädtische Schnellstraßen entspringen dieser Zeit. Und da stehen sie nun. Bis heute, EU-weit.

Die Folge sind verwaiste Innenstädte, stehender Berufsverkehr in den Morgen- und Abendstunden, erhöhte Feinstaubwerte in den Innenstädten durch hunderte von Liefer-LKWs und Lagerhaltung auf der Autobahnen.

Ungefähr zur Jahrtausendwende hat man erkannt, dass dies so nicht weitergehen kann und traf sich 2007 erneut: in Leipzig.  

Die Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt

Die europäisch umzusetzenden Leipziger Ziele wurden zur Leitlinie, nach der Einseitigkeit und Monotonie in der Stadtentwicklung zu beenden sind. Stattdessen empfiehlt sie den Mitgliedstaaten Wohnen, Arbeiten und Freizeit wieder stärker miteinander zu vermischen. Dadurch würden die Städte spannender, lebendiger und sozial stabiler. Außerdem seien Städte mit einer starken Mischung von Nutzungen ökonomisch weniger krisenanfällig. 

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Man befragt Bürger und sammelt Ideen ein, um sie dann durch die Verwaltungen entscheiden zu lassen. Was dann tatsächlich realisiert wird, ist abhängig von Subventionstöpfen und den Zielen der jeweiligen Stadtoberen. Kongresse für Stadtplaner und Entscheider sorgen indes für Meinungsbildung. 

Stadtplanung mit Bürgerbeteiligung: Problem oder Lösung? 

In Braunschweig funktioniert Stadtplanung und Entwicklung als „Denk deine Stadt“-Projekt. 5.500 Bürger machten Vorschläge und brachten Änderungen ein. Sie mündeten in 100 Handlungsaufträge mit 15 Jahren Realisierungszeit. Dafür bekam die 250.000-Einwohner-Stadt 2016 in Berlin den Politikaward „Partizipation“ verliehen. 

Eine neue Generation von Stadtplanern und schafft nun die Voraussetzungen für langfristige Entwicklungsziele. Derart erarbeitete und beschlossene Planungen stärken den umsetzenden Beamten den Rücken in der Verwaltung; die Öffentlichkeit beobachtet heute in den Medien genau was aus ihrer Co-Kreationsarbeit wird. 

Das ist freilich nicht überall so. Thorsten Warnecke (42), Leiter Stadtplanung und Umweltschutz der Stadt Braunschweig, schüttelt den Kopf über eine Broschüre: „Bürgerbeteiligung in Mitteldeutschland. Wie Städte, Landkreise und Unternehmen in Sachsen-Anhalt und Thüringen über Bürgerbeteiligung denken.“ Darin liest Warnecke Sätze wie: „Bürgerbeteiligung ist mehr das Problem als die Lösung; eine Gefahr für die Demokratie. Sie unterläuft demokratisch legitimierte Strukturen.“ Aufklärungsarbeit tut not. 

Neue Baugesetze müssen her

Aber es fehlt noch etwas: die Gesetzgebung!

Das derzeitige Baurecht, Bauverordnungen, Nutzungs- und Bebauungspläne sind noch immer auf die Leitlinien von Athen von 1933 ausgelegt.

Seit diesem Jahr soll eine neue Gesetzgebung, „urbane Gebiete“ genannt, die Grundlagen für die neuen Ziele der Leipzig-Charta schaffen. Die EU-Kommission wird zur Grundlagenschaffung aufgefordert. So soll Brüssel auf europäischer Ebene entwickelte Richtlinien früher und besser mit der Anwendung vor Ort abstimmen und in der Förderpolitik (gemeint sind z.B. Strukturfonds) die Probleme der Städte stärker berücksichtigen. Besonderes Augenmerk legt die Leipzig-Charta und damit die zu verändernde Gesetzgebung in den Mitgliedsländern auf den Klimaschutz. Das wird teuer. Bauherren stöhnen über Feuerschutz-, Lärm- und Energieverordnungen.

Stadtplanung in der Praxis

Dennoch: Speckgürtel entstehen auch nach Leipzig, weil sich Familien die Innenstadt nicht mehr leisten können.

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Infrastruktur wäre notwendig. Alle sollen Fahrrad fahren. Doch wie geht das von Klein Machnow bis nach Berlin-Mitte? Autos sollen zwar gekauft, aber nicht genutzt werden. Innerstädtische Parkplätze werden zurückgebaut. In Berlin müssen Parkuhren 24 Stunden gefüttert werden.

 

Asset-Assoziationen: Stadtplanung

Prof. Jörg Knieling, Dekan Stadtplanung, Hamburger Hafen City Universität (HCU):

„Die Hafen City mit dem Solitär Elbphilharmonie halte ich für kein nachhaltiges Stadtentwicklungsprojekt. Sie ist zu monostrukturell auf Hochpreisiges fokussiert. Teure Wohnungen, Büros und Hotels schaffen nur einen weiteren Stadtteil für Reiche, eine Art „gated community“ mit Wasser als Begrenzung. Diejenigen, die dort arbeiten, reisen täglich von weit her an. Möglichkeiten von innovativer Mobilität, Arbeiten und Leben wurden vergeben. Verkehrslastigkeit und Monostruktur ist kein zukunftsfähiges Konzept und bildet nun wirklich nicht die Stadtgesellschaft ab.“

 

Hadi Teherani, Architekt, Hamburg:

„Meinungsverschiedenheiten gibt es heute eher über die Methoden der Stadtentwicklung, insbesondere zwischen Stadtplanern und Architekten. Scheitert die Kommunikation zwischen diesen beiden entscheidenden Disziplinen des Städtebaus, fehlt auf beiden Seiten der Planung die konzeptionelle Chance der Stadtentwicklung.“

(Autorin: Kristina Pezzei, Berlin)

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