Architektur spielt in unserer Gesellschaft und Wirtschaft eine zweitklassige Rolle. Zu Unrecht! Denn sie drückt seit jeher unserer Umwelt einen Stempel auf. Sie wird dies bei der stetig voranschreitenden Urbanisierung auch weiterhin tun. Doch wie können Architekten zeitgemäße Dienstleister sein? Erkundungen bei drei prägenden deutschen Architekten.

Historische Zäsur

Mit der deutschen Wiedervereinigung gerieten einige Klischees über die Architektenzunft in Deutschland mächtig ins Wanken: Eine Vielzahl neuer Bauaufgaben, internationale Investoren, eine zunehmend dynamisch agierende Bauherrenschaft und eine gewaltige Expansion des Immobilienmarkts inklusive Abschwung in den späten Neunziger Jahren, Finanzkrise und Wiederaufschwung forderten Tribut.

„Das Bild des Architekten als Künstler, der nicht anders kann, hat sich mit der deutschen Wiedervereinigung komplett gewandelt. Heute sind wir Architekten eher als Mediatoren gefragt, auch als Teamleader, die ihre Mannschaft zusammenstellen. Wir sind immer angewiesen auf die Kompetenz von anderen…“ Architekt Eike Becker, Berlin

Noch nie schien der Zeitgeist den Architektenberuf so zu fordern und auch speziell herauszufordern wie heute. Der global agierende „Weltbaumeister“ eines Bruno Tauts oder die himmelsstürmende Genialität eines Howard Roark sind Zerrbilder einer verträumten Vergangenheit, die an den Herausforderungen der Gegenwart und einer noch anspruchsvolleren Zukunft keinen Bestand mehr haben. Die zunehmende Tiefe und Fülle der Bauaufgaben erschließt sich heutzutage schon anhand von solch übergeordneten Schlagworten wie Partizipation, Netzwerk, BIM, Klimawandel, technischer Wandel und Building Performance, die allesamt nur noch peripher die Kernkompetenzen eines klassischen Architekten touchieren. Die Idee und das Konzept des „Dialogischen Entwerfens“, wie Meinhard von Gerkan es prägte und weiterhin konsequent einfordert, gerät dabei zu einem wichtigen, aber nicht mehr ausschließlich Ton angebenden Element der Architekturkommunikation.

Im Spiel der Kräfte und Mächte um ein Bauwerk entstehen verstrickte Multipolaritäten auf die nur noch höchst individuell oder gar spontan gelöst werden können.

„In Deutschland hat sich das Bedingungsfeld für Architektur und für die Architekten in einem unvertretbaren Maße sowohl inhaltlich, wie praktisch, verengt und zwar in der Richtung einer Verbürokratisierung. Das Gewicht des Messbaren, Berechenbaren, also der Quantifizierung gewinnt zunehmend an Dominanz. Der vermeintliche Freiheitsgrad nicht quantifizierbarer Kriterien, also die künstlerische Komponente, von der die Architekturgeschichte Jahrhunderte lang diktiert wurde, hat ihre Führungsrolle zugunsten einer zahlendominanten Vorherrschaft des extrem ökonomischen und perfektionistisch-technischen Primat geräumt.“ Meinhard von Gerkan

Worte, die gleichsam auch das Menetekel des Berliner Flughafens zu beschreiben scheinen.

Architektonisches Survival: Strategien im Markt

Sascha Zander findet auf die ihn und sein Büro betreffenden spezifischen Zeit- und Marktumstände eine höchst eigenwillige Interpretation, die vieles von den konträren auf die Architektur und den Architekten einwirkenden Kräfte wiederspiegelt: „Der Wohnungsbau in unserer Gesellschaft ist in erster Linie ein Wirtschaftsgut, eine handelbare Ware, was es sehr schwer macht, aus der Architektensicht eine wirklich gute Qualität zu erreichen. Die Einflussfaktoren von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen kommen zum Tragen, die gebildet werden von Leuten, die sich nicht wirklich für Architektur interessieren. Zu der Gruppe zähle ich die Entwickler, deren vordergründiges Interesse die Gewinnerzielung mit einer Ware ist. Dann kommen die Protagonisten der Vermarktung und Finanzierung hinzu… Wir haben uns dieser Störgrößen entledigt und schufen uns ein Spielfeld, welches uns erlaubt Entwürfe zu produzieren von denen wir denken, dass es sich lohnt sie zu bauen.“

Eine Berufsauffassung, die sich ausschließlich aus den Leistungsbildern der HOAI definiert, ist damit laut Sascha Zander obsolet. Dynamisch, flexibel, interdisziplinär, geradezu investigativ, sollte sich der Architekt im heutigen Marktumfeld bewegen. Gleichsam eines Guerillakämpfers, der mit geschickten Strategiezügen einen übermächtigen Feind bekämpft und im Idealfall ausspielt.

„Um so zu agieren, müssen wir die wirtschaftlichen Parameter des Markts erst einmal wirklich verstehen. Auf der Grundlage realisieren wir dann Projekte, die weit über dem Durchschnitt rangieren. Die zusätzliche Leistung, die wir als Architekten dabei erbringen, heißt Marktkenntnis. Das ist in der Tat sehr ungewöhnlich, das erbringen die wenigsten Kollegen. Oft werden die Marktbedingungen von Projektentwicklern vorgegeben, sie konstruieren damit ein Korsett für Architekten. Schaut man sich in Berlin auf diesem Markt um, findet man wenige Entwickler, mit denen es Spaß macht zu bauen.“ Sascha Zander

Brennpunkte der Transfomation

Architektur exponiert im unmittelbaren Spannungsfeld von Investitions- und Bautätigkeiten generiert eine offensive Haltung, durch die die Rolle des Architekten und die Aufgaben der Architektur kollektiv wieder verstärkt wahrgenommen werden können. Die Zeichen und Aufgaben der Zeit scheinen danach zu verlangen, wie Eike Becker konstatiert: „40.000 ist die ungefähre Zahl der Einwohner, die jedes Jahr zusätzlich nach Berlin ziehen. 2008 auf der Biennale in Venedig wurde Berlin noch als eine schrumpfende Stadt dargestellt. Das ist gerade einmal neun Jahr her und verdeutlicht, in welchen Zeiträumen wir es mit welchen Veränderungen zu tun haben. Ein klares Zeichen von Dynamik, was für uns Architekten in einen Anpassungsdruck übergeht. Das einfach nur geschehen zu lassen, ist zu wenig, wir müssen Antworten finden, nicht nur in Berlin, sondern an vielen Stellen auf der ganzen Welt.“

Asset-Assoziationen: Die Architekten

Sascha Zander und Christian Roth, Zanderrotharchitekten:

Warum sind Architekten die Königsklasse für die gesamte Immobilienbranche?

Gebautes positioniert sich immer langfristig, meist öffentlich und prägt das Bild jeden Ortes. Wie meinte léonwohlhage: „Kunst, die niemand sehen will, kannst du immer noch ins Lager stellen, gebaute Architektur nicht.“

Was wäre, wenn es Architekten nicht gäbe?

Dann gäbe es keine Liebe zum Detail, denn ideenlos und öde kann höchstwahrscheinlich jeder bauen.

Welchen Konsumartikel verbinden Sie mit Architekten?

Einen guten Stift, um die ersten Linien einer Idee auf das Papier zu bringen.

Welche berühmte Persönlichkeit hat eine Eigenschaft, die Sie mit Architekten verbinden?

Schlagfertigkeit mit Hang zum Sarkasmus. (Helmut Schmidt und Harald Schmidt)

 

(Autor: Christian Brensing, Berlin/London)

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