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BGH Beschluss vom 09.01.2019 - VIII ZB 26/17

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Leitsatz (amtlich)

Bei Vermietung einer Wohnung durch zwei Miteigentümer bleiben beide auch dann Vermieter - und ist eine Kündigung gegenüber dem Mieter demgemäß von beiden Vermietern auszusprechen -, wenn der eine seinen Miteigentumsanteil später an den anderen veräußert. Auf einen solchen Eigentumserwerb findet § 566 Abs. 1 BGB weder direkte noch analoge Anwendung.

Normenkette

BGB § 566 Abs. 1

Verfahrensgang

LG Nürnberg-Fürth (Beschluss vom 20.03.2017; Aktenzeichen 7 T 1367/17)

AG Neumarkt i.d. OPf. (Entscheidung vom 08.02.2017; Aktenzeichen 3 C 623/16)

Tenor

Auf die Rechtsbeschwerde der Beklagten wird der Beschluss des LG Nürnberg-Fürth - 7. Zivilkammer - vom 20.3.2017 aufgehoben.

Die Klägerin hat die Kosten des Rechtsstreits zu tragen.

Der Wert des Beschwerdeverfahrens wird auf 2.800 EUR festgesetzt.

Gründe

I.

Rz. 1

Die Klägerin und ihr Ehemann waren Miteigentümer eines Zweifamilienhauses. Mit Vertrag vom 1.10.2013 vermieteten sie eine der beiden Wohnungen an den Beklagten zu 1). Später wurde die Klägerin, welche die andere Wohnung im Haus bewohnt, durch Übertragung des Miteigentumsanteils ihres Ehemanns Alleineigentümerin des Anwesens. Sie kündigte das Mietverhältnis mit Schreiben vom 18.2.2016 gem. § 573a Abs. 1 BGB und nahm den Beklagten zu 1) sowie seinen volljährigen Sohn, den Beklagten zu 2), auf Räumung und Herausgabe der Wohnung in Anspruch.

Rz. 2

Nach dem Auszug der Beklagten aus der streitgegenständlichen Wohnung haben die Parteien den Rechtsstreit in der Hauptsache übereinstimmend für erledigt erklärt. Das AG hat die Kosten des Rechtsstreits den Beklagten auferlegt. Deren hiergegen gerichtete sofortige Beschwerde ist erfolglos geblieben. Mit der vom Beschwerdegericht zugelassenen Rechtsbeschwerde begehren die Beklagten, der Klägerin die Kosten des Rechtsstreits aufzuerlegen.

II.

Rz. 3

Das Rechtsbeschwerdegericht hat zur Begründung seiner Entscheidung ausgeführt, dass die Kosten des Rechtsstreits gem. § 91a ZPO den Beklagten aufzuerlegen gewesen seien, da sie ohne die übereinstimmende Erledigungsklärung voraussichtlich unterlegen wären. Zwar habe eine Kündigung bei mehreren Vermietern grundsätzlich durch alle Vermieter zu erfolgen. Auch greife § 566 Abs. 1 BGB, nach dessen Wortlaut eine Veräußerung an einen Dritten zu erfolgen habe, nicht ein, da die Veräußerung hier an einen der bisherigen Eigentümer und Vermieter erfolgt sei. Allerdings komme § 566 Abs. 1 BGB analog zur Anwendung, da der Vermieter, der den (hälftigen) Miteigentumsanteil des anderen Vermieters erworben habe, dergestalt in den Mietvertrag eintrete, dass die Kündigung allein durch den Erwerber des hälftigen Miteigentums wirksam sei. Zwar verliere der Mieter dadurch mit der Veräußerung einen seiner Schuldner. Einen Ausgleich hierfür sehe jedoch die Regelung in § 566 Abs. 2 BGB vor.

Rz. 4

Die Rechtsbeschwerde sei gem. § 574 Abs. 2 Nr. 2 ZPO zuzulassen, da die Frage der analogen Anwendung von § 566 Abs. 1 BGB auf den Fall des Erwerbs eines Miteigentumsanteils bislang höchstrichterlich nicht entschieden sei.

III.

Rz. 5

Die Rechtsbeschwerde hat Erfolg.

Rz. 6

1. Die von dem Beschwerdegericht zugelassene Rechtsbeschwerde ist nach § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthaft und auch im Übrigen zulässig.

Rz. 7

Die Entscheidung des Beschwerdegerichts, die Rechtsbeschwerde zuzulassen, ist für den Senat nach § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2, Abs. 3 Satz 2 ZPO unabhängig davon bindend, ob es die Voraussetzungen des § 574 Abs. 2 ZPO zutreffend beurteilt hat (st.Rspr.; vgl. BGH, Beschl. v. 30.1.2018 - VIII ZB 74/16, WuM 2018, 151 Rz. 6; v. 8.5.2012 - VIII ZB 91/11, WuM 2012, 332 Rz. 3 m.w.N.; v. 7.10.2008 - XI ZB 24/07, NJW-RR 2009, 425 Rz. 9 m.w.N.). Es ist daher unschädlich, dass - was das Beschwerdegericht verkannt hat - gegen eine Kostenentscheidung die Rechtsbeschwerde nicht aus materiell-rechtlichen Gründen zugelassen werden darf, da es nicht Zweck des Kostenverfahrens ist, Rechtsfragen von grundsätzlicher Bedeutung zu klären oder das Recht fortzubilden, soweit es - wie im Streitfall - um Fragen des materiellen Rechts geht (st.Rspr.; vgl. BGH v. 30.1.2018 - VIII ZB 74/16, a.a.O.; v. 8.3.2011 - VIII ZB 65/10, WuM 2011, 242 Rz. 7; v. 8.5.2012 - VIII ZB 91/11, a.a.O., Rz. 7; jeweils m.w.N.). Ebenso ist es für die Wirksamkeit der Zulassung der Rechtsbeschwerde ohne Bedeutung, dass das Berufungsgericht irrig das Vorliegen eines Zulassungsgrundes angenommen hat, obwohl die von ihm als Grund für die Zulassung genannte Frage sich in der vorliegenden Fallgestaltung ohne Weiteres anhand der - von ihm allerdings nicht berücksichtigten - Rechtsprechung des BGH beantwortet und eine vereinzelte entgegenstehende Literaturmeinung kein Bedürfnis zu einer höchstrichterlichen Klärung zu begründen vermag.

Rz. 8

2. Die Rechtsbeschwerde ist auch begründet.

Rz. 9

Nach der übereinstimmenden Erledigterklärung der Parteien waren die Kosten des Rechtsstreits gem. § 91a Abs. 1 Satz 1 ZPO der Klägerin aufzuerlegen. Denn die Klägerin wäre bei Fortführung des Rechtsstreits voraussichtlich in der Sache unterlegen, weil das Mietverhältnis durch die allein von ihr ausgesprochene Kündigung vom 18.2.2016 nicht wirksam beendet worden ist und ihr deshalb der von ihr geltend gemachte Anspruch auf Räumung und Herausgabe der Wohnung nicht zustand. Die Kündigung hätte vielmehr auch von dem früheren Ehemann der Klägerin erklärt werden müssen, der die Wohnung zusammen mit ihr an den Beklagten zu 1) vermietet hatte. Die vom Beschwerdegericht vorgenommene analoge Anwendung des § 566 Abs. 1 BGB kommt in der vorliegenden Konstellation, dass einer von zwei Miteigentümern, die eine Wohnung vermietet haben, später Alleineigentümer wird, nicht in Betracht.

Rz. 10

a) Gemäß § 566 Abs. 1 BGB tritt bei einer Veräußerung des vermieteten Wohnraums nach der Überlassung an den Mieter von dem Vermieter an einen Dritten der Erwerber anstelle des Vermieters in die sich während der Dauer seines Eigentums aus dem Mietverhältnis ergebenden Rechte und Pflichten ein. Nach dem Wortlaut des § 566 Abs. 1 BGB muss die Veräußerung an einen Dritten erfolgen, d.h., der veräußernde Eigentümer und der Erwerber müssen personenverschieden sein, der Erwerber darf bis zum Erwerb nicht Vermieter gewesen sein (vgl. BGH [Rechtsentscheid] vom 6.7.1994 - VIII ARZ 2/94, BGHZ 126, 357, 363 f. - noch zu der Vorgängerregelung in § 571 BGB a.F.). Eine direkte Anwendung des § 566 BGB kommt damit, wie das Beschwerdegericht im Ansatz noch zutreffend gesehen hat, nicht in Betracht.

Rz. 11

b) Eine Analogie ist - was das Berufungsgericht rechtsfehlerhaft nicht geprüft hat - zulässig, wenn das Gesetz eine planwidrige Regelungslücke aufweist und der zu beurteilende Sachverhalt in rechtlicher Hinsicht soweit mit dem Tatbestand, den der Gesetzgeber geregelt hat, vergleichbar ist, dass angenommen werden kann, der Gesetzgeber wäre bei einer Interessenabwägung, bei der er sich von den gleichen Grundsätzen hätte leiten lassen wie bei dem Erlass der herangezogenen Gesetzesvorschrift, zu dem gleichen Abwägungsergebnis gekommen. Die Lücke muss sich also aus einem unbeabsichtigten Abweichen des Gesetzgebers von seinem - dem konkreten Gesetzgebungsvorhaben zugrunde liegenden - Regelungsplan ergeben (st.Rspr.; s. nur BGH, Urt. v. 14.12.2016 - VIII ZR 232/15, BGHZ 213, 136 Rz. 33 m.w.N.). Dies ist hier jedoch nicht der Fall.

Rz. 12

Sinn und Zweck des § 566 BGB ist der Schutz des Mieters vor einem Verlust des Besitzes an der Wohnung gegenüber einem neuem Erwerber im Falle der Veräußerung der Mietsache (BGH, Urt. v. 12.7.2017 - XII ZR 26/16, NZM 2017, 847 Rz. 29 m.w.N.). Dieser Schutzzweck ist von vornherein nicht berührt, wenn - wie hier - einer von zwei vermietenden Miteigentümern seinen Eigentumsanteil auf den anderen überträgt, so dass dieser Alleineigentümer der Mietsache wird. Denn der nunmehrige Alleineigentümer ist (weiter) an den Mietvertrag gebunden und ein Verlust des Besitzes auf Seiten des Mieters infolge des Veräußerungsvorgangs ist somit nicht zu besorgen. Damit scheidet eine analoge Anwendung des § 566 BGB auf einen solchen Fall aus.

Rz. 13

Soweit in der vom Berufungsgericht herangezogenen Kommentarstelle allgemeine Erwägungen dazu angestellt werden, es sei auch im Hinblick auf mögliche weitere Veräußerungsvorgänge "praktikabler, das Ausscheiden des veräußernden Miteigentümers aus der Vermieterstellung sogleich zu vollziehen" (so Schmidt-Futterer/Streyl, Mietrecht, 13. Aufl., § 566 BGB Rz. 77; dagegen zutreffend Häublein in MünchKomm/BGB, 7. Aufl., § 566 Rz. 22), ergibt sich daraus offensichtlich keine tragfähige Grundlage für eine Analogie.

Fundstellen

  • Haufe-Index 12791670
  • NJW 2019, 8
  • NWB 2019, 935
  • DWW 2019, 55
  • NJW-RR 2019, 332
  • JurBüro 2019, 217
  • MittBayNot 2019, 245
  • NZM 2019, 208
  • ZMR 2019, 2
  • ZMR 2019, 324
  • ZfIR 2019, 154
  • DNotZ 2019, 922
  • JZ 2019, 274
  • JuS 2019, 584
  • MDR 2019, 7
  • MDR 2019, 341
  • ZfF 2019, 231
  • FMP 2019, 74
  • MK 2019, 76
  • MK 2019, 41
  • MietRB 2019, 67
  • NJW-Spezial 2019, 193
  • RdW 2019, 634
  • RÜ 2019, 218
  • ZNotP 2019, 154

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