Ein zentraler Mechanismus zur Erklärung psychischer Belastung im Bezug auf Führung ist das Effort-Reward-Imbalance-Modell. Es beschreibt ein Ungleichgewicht zwischen hoher Verausgabung (Effort) und unzureichender Belohnung (Reward), das zu Stressreaktionen und langfristig zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann.
Im Kontext von KI und digitaler Arbeit kann dieses Ungleichgewicht auf neue Weise entstehen oder verstärkt werden. Wenn Anerkennung, Feedback und soziale Rückmeldung durch entpersonalisierte oder automatisierte Systeme reduziert werden, bleibt ein wesentlicher Teil der "Belohnung" aus. Beschäftigt leisten weiterhin hohe Anstrengung, erhalten jedoch weniger direkte Wertschätzung, weniger sichtbares Feedback oder weniger soziale Resonanz. Dies kann zu einer sog. "Gratifikationskrise" führen.
Studien zeigen, dass dies mit erhöhtem Risiko für Stress, depressive Symptome und reduzierte Arbeitszufriedenheit einhergeht. Besonders relevant ist dabei, dass nicht nur materielle Belohnungen zählen, sondern auch immaterielle Faktoren wie Anerkennung, Fairness und soziale Einbindung.
In digital geprägten Arbeitskontexten kann zusätzlich ein Gefühl von Austauschbarkeit entstehen, etwa wenn Leistung primär über standardisierte Kennzahlen bewertet wird. Dies kann die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit und dem Unternehmen schwächen. Bei Telearbeit oder Plattformarbeit kann sich dieser Effekt verstärken, da direkte soziale Rückmeldungen seltener sind und Interaktionen stärker formalisiert oder technisch vermittelt erfolgen.