Nachhaltigkeitscontrolling: Die wichtigsten Kennzahlen

Das Nachhaltigkeitscontrolling wird für Unternehmen immer wichtiger und das Interesse der Stakeholder ist groß. Zu welchen Aspekten sollten Unternehmen Kennzahlen entwickeln? 

Wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeitsreporting und Nachhaltigkeitskennzahlen

Nachhaltigkeit ist zu einem wichtigen gesellschaftlichen Thema geworden. Stakeholder interessieren sich immer mehr für die Nachhaltigkeitsstrategie eines Unternehmens. Wer sich beispielsweise sozial engagiert zeigt, punktet auch in der Außenwirkung. Viele Unternehmen nehmen deshalb Informationen zu ihrer Nachhaltigkeitsstrategie in das Reporting auf. Teilweise geschieht das freiwillig – teilweise jedoch auch, weil Nachhaltigkeits-Reporting mittlerweile für viele große und kapitalmarktorientierte Unternehmen aufgrund des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes verpflichtend ist. Doch neue EU-Pläne sehen vor, dass auf Unternehmen - auch aus dem KMU-Bereich - noch weitere Pflichten zukommen.

Hinweis: Durch die EU-Taxonomieverordnung sind ab 2022 (bzw. Teile der Verordnung ab 2023) kapitalmarktorientierte Unternehmen verpflichtet, bestimmte taxonomiebezogene Kennzahlen zu veröffentlichen. So müssen diese Unternehmen den Anteil an den Kennzahlen Umsatzerlöse, Investitionsausgaben und Betriebsausgaben ausweisen, der mit ökologisch nachhaltigen Aktivitäten im Sinne der EU-Taxonomie verknüpft ist. Lesen Sie hierzu: EU-Taxonomie für Sustainable Finance: Wie das Controlling die Umsetzung unterstützen kann.

Zwei Regelwerke auf dem Weg zu Standards für Nachhaltigkeits-Reporting und Nachhaltigkeitscontrolling

Es gibt zwar (bisher) kein verpflichtendes Regelwerk, das als Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zugrunde gelegt werden muss. Wer jedoch überhaupt kein gängiges Rahmenwerk anwendet, muss dies begründen.

In der Praxis haben sich einige Leitlinien etabliert, wodurch eine Vergleichbarkeit erleichtert werden soll: So greifen viele mittelgroße und große Unternehmen auf die Empfehlungen der Global Reporting Initiative (GRI) zurück, für kleine und mittelständische Unternehmen gilt der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) als empfehlenswert. Doch wie sieht es mit der Anwendung eines Rahmenwerks in der Praxis tatsächlich aus?

Eine Studie der Beratungsgesellschaft BDO untersuchte die Nachhaltigkeitsberichterstattung aller Unternehmen, die im Jahr 2021 im DAX 160 gelistet waren und bis zum 30.6.2021 eine Nachhaltigkeitsberichterstattung und/oder nichtfinanzielle (Konzern-)Erklärung für 2020 veröffentlicht haben. 106 Unternehmen veröffentlichten entsprechende Daten. Dabei zeigte das Ergebnis in Bezug auf ein Rahmenwerk Folgendes:

  • 86 % der Unternehmen verwendete die GRI Standards und 3 % orientierten sich zusätzlich an den Leitlinien des International Integrated Reporting Council (IIRC).
  • Nur in 1 % der Berichte wurde allein der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) verwendet.
  • 13 % verzichteten komplett auf die Anwendung eines Rahmenwerks.

Thematisch gibt es mittlerweile 5 Aspekte, die sich vor allem aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung aufgrund des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes (§ 289c HGB) in der Berichterstattung standardmäßig wiederfinden:

  • Umweltbelange
  • Arbeitnehmerbelange
  • Sozialbelange
  • Achtung der Menschenrechte
  • Bekämpfung von Korruption/Bestechung

Über diese Aspekte informieren viele Unternehmen – entweder im Lagebericht oder einem separaten Nachhaltigkeitsbericht.

Ausblick: Verpflichtende Berichterstattungsstandards

Momentan ist ein wesentlicher Nachteil des Nachhaltigkeitsreportings, dass Unternehmen nicht verpflichtet sind, ein bestimmtes Rahmenwerk anzuwenden. Das erschwert die Vergleichbarkeit der Berichte.

Die EU sieht vor, hier einen neuen Standard zu entwickeln mit der "Corporate Sustainability Reporting Directive" (CSRD). Damit sollen auch standardmäßig Nachhaltigkeitskennzahlen verpflichtend werden.

Wesentliche Inhalte des neuen Standards sollten in folgende 3 Kategorien unterteilt werden:

Environment

Social

Governance

  • Klimaschutz (Mitigation),
  • Anpassung an den Klimawandel (Adaption),
  • Wasser- und Meeresressourcen,
  • Kreislaufwirtschaft,
  • Umweltverschmutzung,
  • Biologische Vielfalt und Ökosysteme
  • Gleichberechtigung und Diversity
  • Arbeitsbedingungen
  • Menschenrechte
  • Rolle der Unternehmensführung
  • Unternehmensethik und Unternehmenskultur
  • Politisches Engagement
  • Geschäftsbeziehungen
  • Interne Kontroll- und Risikosysteme

Für die Festlegung der europäischen Standards wird die Europäische Beratergruppe für Rechnungslegung nach fachlicher Beratung durch mehrere europäische Agenturen zuständig sein.

Auch für zahlreiche KMUs sollen Standards entwickelt werden. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass die Umsetzung hier erst später stattfinden wird. Das heißt aber auch: Nachhaltigkeitskennzahlen sind nicht nur ein Thema für große Unternehmen. Alle Unternehmen müssen sich mit der Thematik auseinandersetzen und ggf. Kennzahlen entwickeln. Die Erwartungshaltung, entsprechende Informationen über das Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit zu finden, steigt immer mehr.

Tipp: Zur vorläufige politischen Einigung zwischen Rat und Europäischem Parlament finden Sie hier eine Zusammenfassung. Mehr Informationen zu den aktuellen Entwicklungen rund um CSRD finden Sie auch auf der Homepage der EU.

Nachhaltigkeit messen mit den richtigen Kennzahlen

Unternehmen waren bisher nicht verpflichtet, bestimmte Nachhaltigkeitskennzahlen zu veröffentlichen. Doch über welche Kennzahlen sollte dann überhaupt berichtet werden? Das hängt auch von den eigenen gesetzten Nachhaltigkeitszielen ab. Unternehmen, die gesetzlich zur Berichterstattung verpflichtet sind, sollten selbstverständlich wesentliche Kennzahlen zu den o.g. Aspekten entwickeln.

In der Regel wird eine Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt, damit überhaupt ermittelt wird, welche Nachhaltigkeitsthemen identifiziert und in den Fokus gerückt werden sollten. Laut der BDO-Studie wurde in 92 % der untersuchten Berichte eine Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt. Im Durchschnitt wurden hierdurch 14 Themen identifiziert. Doch die Anzahl variierte bei den analysierten Unternehmen von 4 bis 35 Themen. Einen Standard-Maßstab, wie viele und/oder welche Kennzahlen ein Unternehmen veröffentlichen muss, gibt es in diesem Sinne also (noch) nicht; dies kann sehr unterschiedlich gehandhabt werden. Unternehmen müssen sich individuell mit dem Thema Nachhaltigkeit in Bezug auf ihre Wertschöpfungskette auseinandersetzen.

Beim Einsatz von Kennzahlen müssen Unternehmen darauf achten, relevante Kennzahlen auszuwählen. Die Kennzahlen sind nicht nur für das jährliche Reporting relevant. Auch unterjährig können sie wichtige Erkenntnisse für strategische Entscheidungen liefern. Voraussetzung ist jedoch, dass sie eindeutig definiert und aussagekräftig sind. Für das externe Reporting werden Kennzahlen häufig verdichtet. Doch im Management Reporting ist das häufig nur wenig sinnvoll, da dann relevante Informationen verlorengehen.

Beispiel: In externen Berichten findet sich häufig zum Aspekt "Arbeitnehmerbelange" die "Unfallhäufigkeit". Doch für das Management liefert das alleine noch keine Information darüber, in welcher Produktionsstätte oder welchem Lager beispielsweise besonders häufig Unfälle passieren. Wenn diese Daten aufgeschlüsselt werden, kann sich ein klareres Bild ergeben und Maßnahmen ergriffen werden, damit die Unfallhäufigkeit reduziert werden kann.

Nachhaltigkeit und Kennzahlen: Beispiele

In der Öffentlichkeit werden bestimmte Kennzahlen besonders aufmerksam beobachtet. So sind beispielsweise die CO2-Emissionen eines Unternehmes für viele Beobachter von großem Interesse. Doch ein standardmäßiges Vorgehen, welche konkreten Kennzahlen aufgeführt werden, gibt es noch nicht. An dieser Stelle sei jedoch noch einmal kurz auf die EU-Taxonomie verwiesen, die bestimmte Unternehmen verpflichtet, die Kennzahlen Umsatz, Investitionskosten und Betriebsausgaben in Verbindung mit nachhaltigen Aktivitäten aufzuschlüsseln.

Viele Unternehmen informieren beispielsweise zu Umweltaspekten mithilfe verschiedener Kennzahlen, wie

  • Treibhausgasemissionen,
  • CO2-Einsparungen,
  • Wasserverbrauch,
  • Energieverbrauch,
  • Abfallaufkommen und
  • Wiederverwertungsraten.

Mit diesen Kennzahlen lässt sich messen, inwiefern ein Unternehmen "seinen ökologischen Fußabdruck" verkleinern konnte.

Zu Mitarbeiterbelangen und Soziales wiederum wird beispielsweise häufig mittels Kennzahlen wie

  • Fluktuationsquote,
  • Krankheitsquote,
  • Durchschnittsalter der Belegschaft,
  • Altersstruktur,
  • Gleichstellung,
  • Frauenanteil in Führungspositionen,
  • Weiterbildungsprogramme und
  • Unfallzahlen bzw. Arbeitssicherheit

informiert. Soziales Engagement kann vielfältig sein – sei es im Bereich von Bildung, Kunst, der Unterstützung lokaler Suppenküchen o.Ä. Auch hier können entsprechende Kennzahlen entwickelt werden.  

Gerade in Bezug auf Menschenrechte bzw. Korruption berichten Unternehmen häufig über ihre Lieferketten und ggf. selbstdefinierte Lieferantenrichtlinien. Hier müssen Unternehmen das in 2021 beschlossene Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz beachten.

Tipp: KPI Roadmap als Inspiration

Die DHL hat als Vorreiter ca. 40 KPI für den Bereich Environment, Social and Governance (ESG) definiert und in einer Roadmap dargestellt. Hierfür erhielt die DHL den ICV Controlling Excellence Award 2022. Lesen Sie hier mehr. Auch E.ON hat ein ESG KPI Framework 2022 entwickelt.

Nachhaltigkeitskennzahlen kreativ darstellen

Wenn die Kennzahlen entwickelt wurden, stellt sich die Frage, wie diese veröffentlicht werden sollen. In der Berichterstattung spielt auch eine ansprechende Visualisierung eine große Rolle. Eine bloße nüchterne Auflistung von Kennzahlen muss nicht sein. Gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeitsthemen kann es attraktiv sein, bei der Gestaltung bestimmte Daten in den Vordergrund zu rücken.

Für Unternehmen, die nicht gesetzlich zum Nachhaltigkeits-Reporting verpflichtet sind, kann es zunächst ein reizvoller Gedanke sein, die Informationen individuell auszuwählen und den Nachhaltigkeitsbericht entsprechend kreativ zu gestalten. Allerdings sollte bedacht werden: Wer sich an den Standards von zur Nachhaltigkeitsberichterstattung-verpflichteten Unternehmen orientiert, kann eine Vergleichbarkeit ermöglichen und sich so vielleicht von Wettbewerbern sogar abheben. Wem es beispielsweise besonders gut gelingt, CO2 einzusparen, der sollte darüber auch berichten. Zudem kann auch aufseiten der Stakeholder die Erwartungshaltung entstehen, diese Informationen und Kennzahlen (auch in einer entsprechenden Struktur) vorzufinden – ob gesetzlich verpflichtet oder nicht.


Das könnte Sie auch interessieren:

Corporate-Impact-Transformation — was sie für Unternehmen bedeutet

Purpose-Driven Leadership – Nachhaltigkeitsbasierte Kriterien verändern Top-CEO-Ranking fundamental

Online-Literaturforum Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitscontrolling

Buch-Tipp: Corporate Sustainability – Kompass für die Nachhaltigkeitsberichterstattung
Jens Freiberg / Andrea Bruckner

Dieses Buch bereitet Sie mit der Expertise und den Erfahrungen kompetenter Autorinnen und Autoren aus der Unternehmenspraxis, Prüfungspraxis und Wissenschaft auf die neuen strengeren Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung bestens vor. Unverzichtbar für alle, die sich rechtzeitig auf die neuen und erweiterten Pflichten vorbereiten und sich zukunftsfest aufstellen wollen. Zum Shop