28.10.2014 | Top-Thema Finanzanalyse: Niedriges Zinsniveau - Potenziale nutzen

Potenziale in Ihrem Unternehmen prüfen

Kapitel
Potenzialanalyse: Nicht realisierte Investitionen können nun doch sinnvoll sein
Bild: MEV-Verlag, Germany

 Im letzten Teil unseres Top-Themas gehen wir auf die Potenziale der niedrigen Zinssätze ein: Alte Projekte können sich zum Beispiel nun doch lohnen. Eine kleine Checkliste unterstützt Sie bei der Analyse. Bei all dem sollte man das Kleingedruckte - also die Konditionen - nie außer Acht lassen.

 Praxis-Tipp: Skonto ausnutzen

Als Buchhalter müssen Sie darauf achten, dass sich durch längere Nettozahlungsziele nicht die Skontosituation verschlechtert. Auf die Ausnutzung von Skonto zu verzichten, ist der teuerste Kredit überhaupt. Verlängerungen der Zahlungsziele müssen auch immer eine Verlängerung der Skontofrist vorsehen.

Alte Projekte lohnen doch

Alte Projekte, die in der Vergangenheit abgelehnt wurden, weil das notwendige Fremdkapital zu teuer oder einfach  nicht verfügbar war, kommen nochmals auf den Prüfstand. Zwei entscheidende Dinge haben sich geändert:

  • Der Zinssatz hat sich reduziert und damit auch die Rendite, die das Vorhaben erwirtschaften muss. Vorhandenes Geld ist sinnvoll angelegt, wenn die Projektrendite über dem Fremdkapitalzins liegt. Das ist heute einfacher.
  • In der Phase ausreichender Mittel für die Banken ist es einfacher, Investitionen auch durch Fremdkapital finanzieren zu lassen. Die Eigenbeteiligung, die von der Bank verlangt wird, ist geringer.

Damit haben früher abgelehnte Projekte die Chance, ihre Wirtschaftlichkeit neu zu beweisen. Dazu werden sie nicht komplett neu gerechnet.

  • Es werden die abgelehnten Projekte herausgesucht, die an der Finanzierung oder an der der Rendite gescheitert sind.
  • Die anderen Bedingungen des Projektes werden auf ihre Aktualität hin geprüft. Falls es gravierende Änderungen gibt, werden diese angepasst.
  • Das Ergebnis der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung wird neu errechnet und mit den aktuellen Zinsen verglichen.
  •  Die Finanzierungskosten sinken, Liquidität steht in größerem Ausmaß zur Verfügung.

Der wichtigste Gesichtspunkt ist die Alternative für vorhandene Mittel. Diese bringen derzeit so gut wie keine Zinsen. Selbst Investitionen, die zumindest keinen Wertverlust erwarten lassen, sind besser als das Geld mit 0,7 Prozent Zinsen auf der Bank gegen die Inflation ankämpfen zu lassen.

Diese Punkte sollten Sie prüfen:

 

Es gibt kurzfristige Kredite. Deren Umwandlung in

langfristige Kredite wurde geprüft.

 

Es sind ausreichend Sicherheiten für langfristige

Kredite vorhanden.

 

Alle nicht mehr benötigten Sicherheiten aus alten

Kreditverträgen wurden von den Banken freigegeben.

 

Die Möglichkeiten zu Sondertilgungen wurden

genutzt.

 

Die Wirtschaftlichkeit von Vorfälligkeitsentschädigungen

bei langfristigen Krediten wurde geprüft.

 

Weitere Möglichkeiten der Umwandlung bestehender

langfristiger Kredite wurden mit der Bank geprüft.

 

Die Zinskomponenten bestehender Leasingverträge

wurden geprüft.

 

Die Zahlungskonditionen (Skonto- und Nettotage)

wurden mit den Lieferanten verhandelt.

 

 

Vorhandene Pläne jetzt realisieren

Wer bereits Investitionspläne entwickelt und für einen späteren Zeitpunkt vorgesehen hat, sollte jetzt mit deren Umsetzung beginnen. Es lohnt sich, die Voraussetzungen für Projekte wie den Aufbau neuer Märkte, die Erweiterung der Produktion oder den Bau eigener Gebäude jetzt zu schaffen, wenn Fremdkapital dafür benötigt wird.

  • Wenn die Projekte für später geplant sind, weil die Kapazität der Mitarbeiter noch nicht frei ist, kann diese Kapazität geschaffen werden.
  • Wenn für neue Gebäude noch Genehmigungen notwendig sind, können diese jetzt mit Hochdruck beschafft werden.
  • Wenn das Investitionsbudget bereits ausgeschöpft ist, kann eine Ausweitung durch die Gesellschafter beschlossen werden.

Der Vorteil der preiswerten Zinsen für das benötigte Fremdkapital übertrifft in vielen Fällen die Zusatzkosten für eine notwendige Beschleunigung.

Neue Ziele setzen

Jetzt ist auch die Zeit, über neue Wege nachzudenken, die nur mit zusätzlichem Kapital möglich sind. Die Banken verfügen über mehr als ausreichende Kreditmittel und sind gerne bereit, Projekte mit Perspektive zu finanzieren. Dabei bilden die Investitionen oft ihre eigenen Sicherheiten. Bisher unrealistische Ziele können erreicht werden.

  • Möglich ist jetzt eine Kapazitätsausweitung durch die Investition in neue, zusätzliche Maschinen.
  • Neue Märkte, auch im Ausland, können mit zusätzlichem Fremdkapital erschlossen werden.
  • Der Einstieg ins Online-Geschäft kann mit preiswertem Kapital finanziert werden.
  • Der Kauf eines konkurrierenden oder ergänzenden Unternehmens ist vorstellbar, wenn die nötigen finanziellen Mittel von Fremdkapitalgebern vorhanden sind.
  • Der Bau eigener Gebäude wird jetzt möglich, da langfristige preiswerte Finanzierungen auf dem Markt zu bekommen sind.

Das Rechnungswesen trifft diese Entscheidungen nicht. Es kann durch die Berechnung eines maximalen Finanzrahmens die entscheidenden Hinweise an die verantwortlichen Stellen geben. So kann mit zusätzlichen neuen Projekten die Zukunft des Unternehmens gestaltet werden. Das muss allerdings bald begonnen werden, da niemand weiß, wann sich die Situation auf dem Finanzmarkt wieder verschlechtert.

Praxis-Tipp: Fakten im Auge behalten

Die Euphorie über die durch vorhandene preiswerte Finanzmittel plötzlich entstehenden Chancen für das Unternehmen dürfen nicht die wirtschaftlichen Fakten überdecken. Wenn ein Projekt sich trotz der günstigen Finanzierung nicht rechnet, darf es nicht durchgeführt werden.

Das Kleingedruckte

Die aktuell für Kreditnehmer positive Zinssituation kann also wesentliche Vorteile für die Unternehmensfinanzierung bringen. Wie gesehen, müssen auch bei der Nutzung dieser Vorteile einige Bedingungen berücksichtigt werden. Eine langfristige Zinsbindung stellt ein besonderes

Hindernis dar, Vorfälligkeitsentschädigungen ein anderes. Das Thema Sicherheiten spielt auch in der heutigen Lage für die Banken die herausragende Rolle. Eine emotionslose Prüfung der individuellen Verträge und direkte Gespräche mit der Bank gehen den Entscheidungen voraus.

Bei jeder Entscheidung über zusätzliche Projekte oder Verschiebung in der Kapitalstruktur muss auf die Entwicklung der Finanz- und Liquiditätskennzahlen geachtet werden. Diese werden aus der Bilanz errechnet und stellen für viele Externe die einzige Informationsquelle dar.

  • Durch Ersatz von Eigenkapital durch günstiges Fremdkapital sinkt die Eigenkapitalquote. Das ist erklärungsbedürftig.
  • Durch Verschiebung kurzfristiger Kredite in den Langfristbereich verändern sich die Liquiditätsgrade. Das ist positiv, sollte aber bei starken Veränderungen ebenfalls erklärt werden.
  • Werden bisher langfristige Kredite zunächst kurzfristig gemacht, um die Entwicklung abzuwarten, verschlechtern sich die Liquiditätskennzahlen.
  • Die Umwandlung von Leasing in Bankkredit erhöht das ausgewiesene Fremdkapital, die Eigenkapitalquote sinkt.

Wer diese Kennzahlen im Blick hat, ein gutes Verhältnis zu seiner Bank und den Eigentümern des Unternehmens hat und Entwicklungsmöglichkeiten für sein Unternehmen nutzen will, kann dies in der aktuellen Zinssituation sinnvoll tun. Die dazu notwendige Arbeit lohnt sich.

Schlagworte zum Thema:  Finanzen, Analyse, Zinsen, Finanz- und Liquiditätsplanung

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