Kapitel 6: Zugangs- und Fol... / d) Rechtspolitische Diskussion und Entwicklungsperspektiven
 

Tz. 56

Die Wertkonzeption bildet im Schrifttum einen Schwerpunkt der rechtspolitischen Kritik an den IFRS. Diese Kritik bezieht sich zum einen auf die Regelungstechnik und zum an­deren auf den Stellenwert des beizulegenden Zeitwerts für die Folgebewertung.

In der Wertkonzeption zeigen sich die Nachteile der sachverhaltssegmentierten Re­gelungs­technik der IFRS besonders deutlich. In der unsystematisch gewachsenen An­ein­anderreihung von Bilanzierungsvorschriften für Vorräte, Sachanlagen, Öffentliche Zuschüsse, Finan­zie­rungs­kosten, Immaterielle Werte, Finanzielle Vermögenswerte, Immobilien und land­wirtschaftliche Produkte, leben geschlossene Bewertungssysteme gleichsam wie sou­veräne Klein­staaten jeweils in einer eigenen Bewertungswelt. Das geltende Rahmenkonzept enthält für die Bewer­tung kein wirksames Leitbild. Das hat insbesondere für den beizulegenden Zeit­wert zu einer teilweise widersprüchlichen Be­griffsvielfalt geführt, der in den verschiedenen Stan­dards mit inkongruenten Definitionen geregelt war.[122] Mit dem im Mai 2011 verab­schie­deten IFRS 13 ist für alle Geschäftsjahre ab 2013 zumindest für diesen Begriff des beizulegenden Zeit­werts eine Vereinheitlichung erzielt worden. Das lässt auf eine Entwicklung hoffen, an deren Ende die Wertbegriffe der IFRS geschlossen und standardübergreifend vor der Klammer gere­gelt sein sollten.

Ein zweiter Hauptkritikpunkt des Schrifttums an der Bewertungskonzeption der IFRS bezieht sich auf die Bedeutung und Konzeption des beizulegenden Zeitwerts. Die Wertkon­zeption der IFRS beruhte ursprünglich grundsätzlich auf dem Anschaffungskostenmodell.[123] Selbst das geltende Rahmenkonzept erwähnt im Leitbild der Bewertung in CF.4.54–.4.56 IASB 2010 noch nicht das Wertkonzept des beizulegenden Zeitwerts. Erst in den 1990er Jahren ist vom IASB eine Entwicklung aus den USA in der Standardentwicklung aufge­grif­fen worden, die dem bei­zulegenden Zeitwert einen größeren Stellenwert bei der Folgebewertung beimisst und dabei insbesondere auch eine Höherbewertung als zu histo­rischen Anschaffungs- und Herstel­lungs­kosten erlaubt.[124] Dem liegt eine "Rechnungslegungsphilosophie" (Hoffmann) zugrunde, nach der die Rechnungslegung eine gegliederte Unternehmensbewertung dar­stellen sollte.[125] Einen Wendepunkt in diese Richtung stellte die Veröffentlichung von IAS 39 im März 1999 dar.[126] Der beizulegende Zeitwert bildet die tatsächlichen Ver­mö­gens­verhältnisse am Bilanzstichtag marktnäher ab und vermeidet die Nicht­darstellung stiller Bewer­tungsreserven.[127] Er ist der Bewertung zu fortgeführten Anschaffungs- und Her­stellungskosten bezogen auf die Ziele des IFRS-Abschlusses überlegen, wenn eine markt­nahe Bewertung sinnvoll ist und wenn er ver­lässlich bestimmt wer­den kann. An diesen beiden Punkten setzt die Kritik im Schrift­tum an.[128] Ge­gen den Be­wer­tungs­maßstab des beizulegenden Zeitwerts wird eingewandt, dass eine markt­nahe Be­wertung nicht für alle Vermögenswerte sinnvoll ist, nicht die Infor­ma­tions­interes­sen aller Abschlussadres­saten gleichermaßen berück­sichtige und der beizulegende Zeitwert häufig nicht hin­rei­chend ver­lässlich und nachprüfbar ermittelt werden können.[129] Im historischen Kontext der Banken- und Staatsschuldenkrise ab 2007 werden zudem die Fehl­anreize der Fair-Value-Bilanzierung für die Ausschüttungspolitik hervor­geho­ben.[130] Im Zentrum der Kritik steht dabei zum einen die empirisch wahrgenommene Beliebigkeit des Wert­aus­weises, weil im Regelfall Marktwerte nicht aus Markttransaktionen ermittelt werden kön­nen, sondern ein fiktiver Marktpreis aus theo­retischen Marktmodellen abgeleitet werden muss.[131] Für die mit den verschiedenen Werter­mittlungs­modellen verbundenen Pro­gnose- und Schätzungs­unsicher­heiten[132] konnten empirisch erheb­liche Be­wer­tungsspielräume nachge­wiesen werden.[133] Zum anderen wird im Schrifttum eingewandt, die Vola­tilität der Bewertungs­konzep­tion der IFRS[134] führe zu volkswirt­schaft­lich schädlichen Wechsel­wirkungen zwischen der Markt­entwicklung und der Finanzbericht­erstattung der Unternehmen.[135] Von den Verfechtern der marktwertnahen Be­wertung zum beizulegenden Zeitwert wird entgegnet, dass die Fair-­Value-Bilanzierung die Finanzkrise nicht verursacht, sondern nur aufgedeckt habe.[136] Methodischen Mängeln sei zu begegnen, die zeitwertorientierte Bilanzierung für bestimmte Vermögenswerte aber gleichwohl der Bewertung zu fortgeführten Anschaffungs­kosten überlegen.[137] Diese ver­mittelnde Auffassung ist vor dem Hintergrund der durch das IASB formulierten Ziele der IFRS überzeugend. Ein reines Anschaffungs­kosten­modell passt nicht zu einem Rechnungslegungs­werk, dessen einziger Zweck die Infor­mation kapitalmarktorientierter sachverständiger Eigen- und Fremdkapitalgeber ist. Zugleich ist ein Wertkonzept, das so erhebliche Bewertungsun­sicher­heiten enthält, dass die abgebildeten Werte vereinzelt beliebig erscheinen können, mit den Grundsätzen der Verlässlichkeit und Nachprüfbarke...

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