Kapitel 10: Darstellung / aa) Darstellungsentscheidung
 

Tz. 38

IAS 1.60 gewährt kein Darstellungswahlrecht,[101] sondern schreibt für die erste Gliederungs­ebene den Grundsatz der Glie­derung nach Fristigkeit vor. Für kurz- und langfristig ge­bundene Vermögenswerte sowie kurz und lang­fristig fällig werdende Schulden sind grund­sätzlich ge­trennte Glie­derungs­grup­pen zu bilden. Davon regelt IAS 1.60 Satz 1, 1. Halbsatz eine Ausnahme, wenn eine Darstellung nach der Liquidität zuverlässig und relevanter ist. Dann muss, anders als teilweise im Schrifttum vertreten,[102] nach der Liquidität gegliedert werden.[103] Das im Wortlaut schwach angelegte Wahl­recht wird vom Relevanzgebot (vgl. IAS 1. 17 Buchst. b)) überlagert. Eine zu­lässige Dar­stel­lung, die relevanter ist, muss gewählt werden. Relevanter ist eine Darstellung nach der Li­qui­dität regelmäßig bei Finanzinstituten (vgl. IAS 1.63), Ver­sicherungs­unter­nehmen und Investment- und Beteiligungsgesellschaften, wenn die Bilanz im We­sentlichen nur Finanz­instrumente darstellt (vgl. DRSC Interpretation [IFRS] 1.23[104]). Eine Darstellung nach der Liquidität kann auch bei reinen Holdinggesellschaften relevanter sein.[105]

IAS 1.64 erlaubt abweichend von IAS 1.60 auf der ersten Gliederungsebene eine uneinheit­liche Bilanzgliederung nach Fristigkeit und nach Liquidität, wenn dadurch zuver­läs­sige und rele­van­tere Informationen zu erzielen sind. IAS 1.64 regelt mit sei­nem Wortlaut, "darf", aber ebenfalls kein Wahlrecht. Eine Darstellung, die zu relevanteren In­formationen führt, muss gewählt wer­den. Als Beispiel nennt IAS 1.64 Satz 2 Unternehmen, die in unterschiedlichen Ge­schäfts­fel­dern tätig sind. Über dieses Beispiel setzt sich das DRSC in DRSC Interpretation [IFRS] 1.24 hinweg, die ausdrücklich empfiehlt auf eine Mischform der Gliederungsprinzipien zu verzichten. Dem liegt die Einschätzung zugrunde, dass für die Abschlussadressaten deut­scher Unternehmen stets eine Gliederung nach der Fristigkeit zu relevanteren Infor­ma­tio­nen führt, wenn im Anhang zusätzlich die relevanten Posten nach Liquiditätsnähe ge­gliedert werden (vgl. DRSC Interpretation [IFRS] 1.25).

IAS 1.60, .63 und .64 treffen keine Regelung für die zweite und die weiteren Glie­de­rungs­ebe­nen. Soweit bei der Gliederung nach Fristigkeit kurzfristige und lang­fristige Ver­mögenswerte sowie kurzfristige und langfristige Schul­den in getrennten Gliede­rungs­gruppen dargestellt werden, kann innerhalb dieser Gruppen auch nach Liquidität oder nach an­deren Maß­stäben gegliedert werden.[106]

[101] Ebenso Bischof u. a., in: Baetge u. a., IFRS-Ko, IAS 1 Rn. 90; Federmann, Bilanzierung nach Handelsrecht, Steuerrecht und IAS/IFRS, 12. Aufl., Berlin 2010, 620; Lenz/Fiebiger, in: HdJ, I/6 Rn. 170.
[102] Wawrzinek, in: Beck IFRS-Hdb., § 2 Rn. 294: Darstellung nach der Liquidität stellt ein Ausnahmewahlrecht dar.
[103] Zutreffend Bischof u. a., in: Baetge u. a., IFRS-Ko, IAS 1 Rn. 88.
[104] DRSC Interpretation [IFRS] 1.23: ". . . Versicherungsunternehmen, Investmentgesellschaften, Beteiligungsgesellschaften und Finanzinstituten (. . .), sofern die die Bilanz solcher Unternehmen nahezu vollständig aus Finanzinstrumenten besteht".
[105] Zülch/Fischer, in: MüKo-BilR, IAS 1 Rn. 81.
[106] Mit Verweis auf die Praxis: Bischof u. a., in: Baetge u. a., IFRS-Ko, IAS 1 Rn. 89.

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