Kapitel 1: Einführung in di... / VI. Entwicklungslinien des Bilanzrechts
 

Tz. 44

Betrachtet man die Entwicklung des Bilanzrechts in Deutschland und Europa in den vergangenen drei Jahrzehnten, lassen sich die folgenden großen Entwicklungslinien ausmachen:

1. Europäisierung und Internationalisierung

 

Tz. 45

Am auffälligsten ist gewiss die in den achtziger Jahren begonnene und seither kontinuierlich zunehmende Europäisierung des Bilanzrechts, die allerdings seit der Jahrtausendwende überlagert wird durch die Internationalisierung. Diese doppelte Überlagerung des HGB-Bilanzrechts durch europäische und internationale Regelungen hat unterschiedliche Konsequenzen. Zunächst verliert der nationale Regelgeber an Einfluss und an Autonomie. Aber auch der europäische Regelgeber ist nicht mehr so unabhängig, wie er es noch in den neunziger Jahren war. Durch die Entscheidung, die IFRS jedenfalls für den Konzernabschluss börsennotierter Unternehmen EU-weit vorzuschreiben, hat sich die europäische Harmonisierung an die internationale Harmonisierung angekoppelt. Das hat allerdings als weitere Konsequenz den positiven Nebeneffekt, dass die europäische Harmonisierung in diesem Bereich zu einem gewissen Grad vereinfacht wird, weil es zur Internationalisierung letztlich keine Alternative gibt und innerhalb der Mitgliedstaaten insoweit auch keinen Verhandlungsspielraum mehr. Europäisierung und Internationalisierung sind insoweit partiell deckungsgleich. Da aber die Einführung der IFRS für den Konzernabschluss börsennotierter Unternehmen unweigerlich auf den Einzelabschluss auch nicht börsennotierter Unternehmen ausstrahlt, wirkt die Internationalisierung der Rechnungslegung auch in das allgemeine Bilanzrecht hinein. Eine weitere Konsequenz ist die wachsende Komplexität des Bilanzrechts. Bilanzrecht ist heute ein Mehrebenenrecht (vgl. Tz. 54 ff.) mit schwierigen Abgrenzungs- und Anwendungsfragen. So liegt die Anwendung und Rechtsdurchsetzung für die IFRS in den Händen der europäischen bzw. der nationalen Rechtsprechung, denn es fehlt eine international zentrale Rechtsprechungsinstanz.[87] Der EuGH wird auf diesem Weg zum mächtigsten und einflussreichsten Rechtsprechungskörper im Bilanzrecht in Europa. Und für die Auslegung des Bilanzrechts konkurrieren nationale mit europäischen und internationalen Grundsätzen. Über das Rangverhältnis im Kollisionsfall besteht Unklarheit.

[87] Dazu Merkt, ZfbF 66 (2014), 477 (499); Schön, BB 2004, 763.

2. Annäherung an die IFRS

 

Tz. 46

Mit der Internationalisierung verbunden ist die Annäherung des kontinentalen Systems an die IFRS. Allerdings hat das europäische Bilanzrecht immer noch keine volle Harmonisierung erreicht, dies nicht zuletzt wegen der unverändert fortbestehen Wahlrechte sowohl für die einzelnen mitgliedstaatlichen Gesetzgeber als auch für die Unternehmen selbst.

3. Dynamisierung und Subjektivierung

 

Tz. 47

Die über das europäische Recht vermittelte Infiltration des nationalen durch das internationale Bilanzrecht hat zum einen zur Folge, dass das Bilanzrecht dynamisiert wird. Die Internationalisierung ist ein Prozess, den der nationale Gesetzgeber nur begrenzt kontrollieren kann, denn es geht nicht nur um die Anwendung von Standards und Rechtsnormen, sondern auch um das zugrunde liegende Verständnis von Rechnungslegung sowie um den Umgang mit den Normen. Die inhaltliche Fortentwicklung der Rechnungslegung in Richtung einer fair value-Bilanzierung hat, was zunehmend als problematisch empfunden wird, dazu geführt, dass sich die Rechnungslegung im Bereich von Ansatz und Bewertung von einer objektivierten und nachprüfbaren Rechnungslegung entfernt und zunehmend subjektiviert wird.

4. Verlust an Übersichtlichkeit und Rechtssicherheit

 

Tz. 48

Eine weitere Folge des wachsenden internationalen Einflusses ist der Verlust an Übersichtlichkeit des Normen- und Regelsystems. Das Anwachsen des immer umfangreicheren und detaillierteren Bestands an Rechnungslegungsstandards, denen es vielfach an juristisch hinreichend genauer Formulierung fehlt und die sich kaum noch teleologisch auslegen lassen, erhöht das Bedürfnis der Praxis in Rechnungslegung und Abschlussprüfung nach Hilfestellung und Rechtssicherheit. In der Literatur ist zu Recht darauf hingewiesen worden, dass es sich um einen Prozess handeln könnte, bei dem der Jahresabschluss von einer Entscheidungsrechnung für Investoren zu einer Haftungsvermeidungsrechnung für die Unternehmensverantwortlichen und den Abschlussprüfer mutiert.[88]

[88] Plastisch Pellens u. a., IFRS, 1014.

5. Verschärfung der Anforderungen und wachsende Ausdifferenzierung

 

Tz. 49

Einher geht diese Internationalisierung mit einer ganz generellen Verschärfung der Anforderungen an die Bilanzierung. Der Aufwand für die Unternehmen wächst stetig. Das hat seine Ursache vor allem darin, dass die IFRS ebenso wie die europäische Harmonisierung zum Gegenstand oder doch Ausgangspunkt ihrer Überlegungen regelmäßig die börsennotierte Aktiengesellschaft machen (Schlagwort: "Think big first"), ein Befund, der gerade dem deutschen Bilanzrecht vor der Reform der achtziger Jahre keineswegs fremd ist. Das Bilanzrecht der börsennotierten Aktiengesellschaft ist besonders anspruchsvoll. Vieles, was im Bilanzrecht der börsennotierten Aktiengesellschaft dazu dient, die spezifischen Informationsbedürfniss...

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