Küting/Weber, Handbuch der ... / e) Kritische Würdigung der Harmonisierungsbestrebungen der OECD
 

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Stand: EL 00 – ET: 03/2004

Die Leitsätze der OECD sind bewusst weit gefasst, so dass ihre Anwendung durch die UN einerseits als unproblematisch zu charakterisieren ist und multinationale UN andererseits den Empfehlungen bereits automatisch – unbewusst – durch die Betrachtung nationaler RL-Vorschriften in großen Teilen nachkommen. Einen nachhaltigen Einfluss auf die Publizitätspraxis konnten die Leitsätze bislang nicht verzeichnen. Eine konkrete Auswirkung auf die Bilanzierungs- und Bewertungspraxis muss systemimmanent aufgrund fehlender Verlautbarungen unterbleiben und als nicht beabsichtigt entfallen. Die OECD hat sich mit materiellen Bilanzierungsfragen ›bisher nur soweit befaßt, wie eine Klärung der in den Offenlegungspflichten enthaltenen Begriffe notwendig erscheint‹ (Havermann, H. 1989, Sp. 1799). Im Gegensatz zu anderen Organisationen sind die Empfehlungen der OECD als moderat und multinationalen UN entgegenkommend zu bezeichnen, da sie eine Diskriminierung dieser UN vermeiden (vgl. Rost, P. 1991, S. 224). ›Annehmbar für die Industrie wurde ... (das Kapitel ›Publizität in den Leitlinien‹, d. Verf.) dadurch, daß eine flexible Anwendung in bezug auf die zu veröffentlichenden Angaben möglich ist‹ (Kröger, H. 1977, S. 527).

 

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Stand: EL 00 – ET: 03/2004

Gemeinsam mit anderen Organisationen hat sich allerdings auch die OECD dem Problem mangelnder Durchsetzbarkeit ihrer Leitsätze sowie deren Erläuterungen zu stellen. Die auf dem Prinzip der Freiwilligkeit hinsichtlich der Anwendung beruhenden Leitsätze werden mit Ausnahme weniger UN nicht (bewusst) beachtet (vgl. zur Anwendung Rost, P. 1991, S. 224 f.). Die angestrebte Verabschiedung rechtlich bindender Entscheidungen konnte 1976 nicht durchgesetzt werden, da ›die rechtliche Verbindlichkeit die Konvergenz der nationalen Ordnungsnormen – insbesondere des Steuer-, Vertrags-, Handels-, Straf- und Patentrechts – vorausgesetzt hätte, was nicht einmal in der EG, geschweige denn in der OECD gegeben war‹ (Steeg, H. 1985, S. 5).

Im Gegensatz zur UN bezieht sich die Arbeit der OECD – ähnlich der der EU – auf einen kleinen Teil der Weltgemeinschaft in den hochentwickelten Industrienationen, was sicher als Harmonisierungsmangel zu charakterisieren ist; ›its recommendations are largely distallations of existing national standards‹ (Arpan, J. S./Radebaugh, L. H. 1985, S. 349). Belange, die vorwiegend die Entwicklungs- bzw. Schwellenländer betreffen, bleiben unberücksichtigt. Darüber hinaus erscheint der Harmonisierungsansatz der OECD aus heutiger Sicht zeitlich überholt. RL-Unterschiede können in aller Regel nicht ausschließlich durch Zusatzinformationen behoben werden. Insbes. zur Vermeidung einer etwaigen Konkurrenz zur EU als auch zum IASC bzw. IASB hat die OECD in den Folgejahren der Veröffentlichung ihrer Leitsätze ihr Engagement bzgl. internationaler Investitionen sowie multinationaler UN immer weiter zugunsten einer aktiven Mitwirkung an den (geschlossenen) Normensystemen anderer Organisationen zurückgestellt.

Dennoch vereinen sowohl die OECD als auch die UN ›a certain amount of clout and powers of suasion not found in most other international groups‹ (Arpan, J. S./Radebaugh, L. H. 1985, S. 349). Sowohl diese Tatsache als auch der Umstand einer vorwiegend politischen Ausrichtung dieser beiden Organisationen haben v. a. beim Berufsstand der WP und RL-Experten nachhaltige Befürchtungen ausgelöst und den Berufsstand verstärkt zu eigenen Aktivitäten veranlasst.

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