Küting/Weber, Handbuch der ... / d) Bewertungsvereinfachung im Vorratsvermögen
 

Rn. 271

Stand: EL 22 – ET: 03/2016

Das HR gestattet in Abweichung vom Einzelbewertungsgrundsatz unter bestimmten Voraussetzungen die Anwendung von Bewertungsvereinfachungsverfahren wie Verbrauchsfolgeverfahren (vgl. § 256 Satz 1) oder die Gruppenbewertung zum gewogenen Durchschnitt (vgl. § 240 Abs. 4 i. V. m. § 256 Satz 2). Insoweit die Voraussetzungen für die Anwendung eines (oder mehrerer) Bewertungsvereinfachungsverfahren vorliegen, besteht ein Bewertungswahlrecht (so besteht für gleichartige, nicht verderbliche VG des Vorratsvermögens die Wahl ­zwischen Einzelbewertung, Durchschnittsbewertung, Lifo oder Fifo). Steuerrechtlich ist für gleichartige WG des Vorratsvermögens die Anwendung ­der Lifo-Methode gestattet, soweit deren Anwendung den GoB nicht widerspricht (vgl. § 6 Abs. 1 Nr. 2a Satz 1 EStG). Andere Verfahren mit unterstellter Verbrauchs- bzw. Veräuße­rungsfol­ge sind steuerlich unzulässig (vgl. R 6.9 Abs. 1 EStR). Für gleichartige WG des ­Vorratsvermögens sehen die EStR darüber hinaus ein steuerliches Wahlrecht zur Gruppenbewertung mit dem gewogenen Durchschnitt vor (vgl. R 6.8 Abs. 4 EStR; zur steuerlichen Zulässigkeit bereits BT-Drucks. 11/2157, S. 140).

 

Rn. 272

Stand: EL 22 – ET: 03/2016

Nach h. M. und Finanzverwaltungsauffassung greift der steuerliche Wahlrechtsvorbehalt des § 5 Abs. 1 Satz 1 2. Halbs. EStG auch für das steuergesetzliche Lifo-Wahlrecht nach § 6 Abs. 1 Nr. 2a Satz 1 EStG mit der Folge, dass das Wahlrecht steuerlich eigenständig und unabhängig davon ausgeübt werden kann, ob das nach § 256 eröffnete handelsrechtliche Wahlrecht ausgeübt wurde (vgl. BMF 2010, Rn. 17; BMF 2015, Rn. 10; sowie z. B. Herzig, N. 2014, S. 1760 f.; Kahle, H. 2014, S. 8; Krumm 2015, § 5 EStG, Rn. 202; Weber-Grellet 2015a, § 5 EStG, Rn. 64; Marx, F. J. 2015, S. 446; a. A. Hennrichs, J. 2009, S. 537 ff.; Hüttemann, R./Meinert, C. 2013, S. 95; Drüen, K.-D./Mundfortz, J. 2014, S. 2250; Barke, A. 2015, S. 313; Winnefeld, R. 2015, Kap. C, Rn. 597). Das steuerliche Bewertungswahlrecht kann für verschiedene Bewertungsgruppen unterschiedlich, für sämtliche WG einer Bewertungsgruppe aber nur einheitlich ausgeübt werden (vgl. BMF 2015, Rn. 4). Eine Einzelbewertung in der HB hindert den steuerlichen Lifo-Ansatz nicht (vgl. BMF 2015, Rn. 10). Gleiches gilt, wenn in der HB die Gruppenbewertung zum gewogenen Durchschnitt gewählt wird (vgl. insoweit widersprüchlich die BMF-Auffassung: Während für das Lifo-Verfahren ein autonomes Wahlrecht bejaht wird (vgl. BMF 2010, Rn. 7), wird bei handelsrechtlicher Gruppen-/Festbewertung die Übernahme in die StB gefordert (vgl. BMF 2010, Rn. 17)). Ebenso ist in der StB eine Durchschnittsbewertung auch dann möglich, wenn in der HB ein Verbrauchsfolgeverfahren zur Anwendung gebracht wird (vgl. Herzig, N. 2008, S. 3; Theile, C./Hartmann, A. 2008, S. 2034; Richter, L. 2010, S. 509).

 

Rn. 273

Stand: EL 22 – ET: 03/2016

Die langjährige Diskussion um etwaige Einschränkungen der steuerlich zulässigen Lifo-Bewertung war geprägt durch die Frage der Zielsetzung der Norm (vgl. etwa Herzig, N./Gasper, R. 1991, S. 558; Herzig, N./Gasper, R. 1992, S. 1301; Korn, K. 1994, S. 9832). Während der Gesetzgeber mit § 6 Abs. 1 Nr. 2a EStG neben einer Vereinfachung der Vorratsbewertung und Angleichung an das HR explizit auch die Vermeidung bzw. Verminderung einer Scheingewinnbesteuerung anstrebte (vgl. BT-Drucks. 11/2157, S. 140), sah der BFH den Normzweck unter der Herrschaft der formellen Maßgeblichkeit auf einen Vereinfachungszweck beschränkt, die Vermeidung einer Besteuerung von Scheingewinnen könne nur als "rechnerischer Reflex der Bewertungsvereinfachung" in Betracht kommen (vgl. BFH-Urt. v. 20.06.2000, BStBl. II 2001, S. 636 ff.; Siegel, T. 1991, S. 1948; Bareis, H.-P. u. a. 1993, S. 1249 f.). Spätestens nach BilMoG kann die These des handelsrechtlich determinierten – allein auf Vereinfachung gerichteten – Zwecks und durch diesen begrenzten Anwendungsbereich des § 6 Abs. 1 Nr. 2a EStG keinen Bestand mehr haben; der eigenständigen steuerlichen Lifo-Regelung ist vielmehr eine eigenständige, auf Bewertungsvereinfachung und Vermeidung von Scheinbesteuerung gerichtete duale Zwecksetzung zu attestieren (vgl. ausführlich Herzig, N. 2014, S. 1756).

 

Rn. 274

Stand: EL 22 – ET: 03/2016

Für die Normauslegung durch die Finanzverwaltung ist (weiterhin) das Bewertungsvereinfachungsziel grundsätzlich leitend. Der spezielle GoB-Vorbehalt des § 6 Abs. 1 Nr. 2a EStG fungiert demnach als Gestaltungsgrenze: Das (autonome) steuerliche Lifo-Wahlrecht steht unter dem Vorbehalt der vollständigen inventurmäßigen Vorratserfassung (vgl. BMF 2015, Rn. 2 f.); die Lifo-Bewertung ist ausgeschlossen, wenn die fingierte Verbrauchsfolge im Einzelfall objektiv unmöglich ist, was etwa bei verderblichen Lebensmitteln (Haltbarkeit weniger als ein Jahr) der Fall ist (vgl. BMF 2015, Rn. 9). IT-gestützte Lagerhaltungssysteme stehen dem Lifo-Verfahren grundsätzlich nicht entgegen. Das Lifo-Wahlrecht ist nach Verwaltungsauffassung gleichwohl für zum Ve...

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