Küting/Weber, Handbuch der ... / 1. Deutsches Rechtssystem der Rechnungslegung seit der Gründung des DRSC
 

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Stand: EL 09 – ET: 12/2010

Die frühere Bilanzierungstradition in Deutschland fußte auf einem im Vergleich zu der anglo-amerikanischen Bilanzierung völlig unterschiedlichen Rechtssystem. Das deutsche Recht gehört – nicht nur das der Bilanzierung – dem romanischen Rechtssystem an. Für die RL bedeutete dies eine Regelung durch nicht allzu umfangreiche und abstrakte gesetzl. Vorschriften über Ansatz, Bewertung und Ausweis. Das deutsche Bilanzrecht stellt sich mithin als ein weitgehend geschlossenes und prinzipienbasiertes Regelwerk dar, das v. a. durch konkretisierende Einzelfallentscheidungen der Gerichte ausgefüllt wird (vgl. Hommelhoff, P. 2000, S. 146 ff.; Moxter, A. 2003, S. 1 ff.; Moxter, A. 2007, S. 1 ff.). Es ist gekennzeichnet durch eine Zielhierarchie, aus der im Bedarfsfall Bilanzierungsanweisungen zu deduzieren sind.

 

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Stand: EL 09 – ET: 12/2010

Die legislative Regelung der Bilanzierung führt zwar zu einer stärkeren Kontinuität der Regelungen, ist aber in der gesetzl. Weiterentwicklung tendenziell träge. Zwischen den einzelnen Etappen größerer Gesetzesnovellierungen besteht das Erfordernis einer deduktiven Anpassung und Weiterentwicklung auf der Basis der zugrundeliegenden Prinzipien. Das romanische Rechtssystem entwickelt bei der schnelllebigen Entwicklung im Wirtschaftsgeschehen nicht ständig neue Abbildungsregeln, sondern zeigt diesbzgl. Kontinuität als Stärke des prinzipienorientierten Ansatzes. Zu den Ländern mit romanischem Rechtseinfluss gehören neben Deutschland in Europa vor allem Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien und die Schweiz (vgl. Kleekämper/Kuhlewind/Alvarez 2007, Kap. I, Rn. 6 ff.).

 

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Im Vergleich zur romanischen Rechtstradition gibt es Länder, deren RL kaum gesetzl. normiert ist. Gesetzeskodifizierte Bilanzierungsvorschriften bilden dort eine rudimentäre Ausnahme. Das Rechtssystem selbst ist dementspr. eher unsystematisch und bietet kaum eindeutige Deduktionsmöglichkeiten. Gleichwohl gibt es zahlreiche Bilanzierungsanweisungen. Neu auftretende Fragen werden in diesen Ländern i. R. d. ›Case Law‹ durch Einzelfallentscheidungen der Beteiligten selbst und weniger durch gesetzl. Eingriffe gelöst. Dabei kommt der Beobachtung der ›Best Practice‹ große Bedeutung zu – wenn es eine solche bereits gibt. Sofern die Bilanzierung auf dem ›Case Law‹ basiert, arbeitet sie deutlich stärker mit der Methode der Induktion (vgl. Schanz, G. 1975, S. 58) als mit der Methode der Deduktion, die im romanischen Rechtssystem Basis der Rechtsbildung ist. Während die Anwendung der Methode der Deduktion bei der Weiterentwicklung der Bilanzierung ein widerspruchsfreies Zielsystem mit klaren hierarchischen Strukturen verlangt (vgl. Leffson, U. 1987, S. 29 ff.; Popper, K. R. 1979, S. 34), kann die Methode der Induktion streng genommen nur dann herangezogen werden, wenn zu einer Bilanzierungsfrage bereits eine praktische Bilanzierungslösung existiert (Baetge, J./Kirsch, H.-J./Thiele, S. 2009a, S. 105 f.). Die Deduktion droht in der Bilanzierungspraxis zu scheitern, wenn keine Einigkeit über die Ziele besteht (zur Deduktion vgl. ausführlich Popper, K. R. 1984, S. 7). Indes wurde in der Jurisprudenz des romanischen Rechtssystems die Methode der juridischen Auslegung, die Hermeneutik, entwickelt, mit der auch in einem widersprüchlichen Zwecksystem prinzipienbasierte Auslegungen gefunden werden können. In Deutschland gibt es auf diesem Gebiet eine ausführliche Literaturdiskussion über die hermeneutische Auslegung der Gesetzesnormen (vgl. Larenz, K. 1991, S. 195 f.; Leffson, U. 1987, S. 33 ff.; Baetge/Kirsch, HdR-E, Kap 4, Rn. 26; Baetge, J./Kirsch, H.-J./Thiele, S. 2009a, S. 107 ff.).

 

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Stand: EL 09 – ET: 12/2010

Länder mit ›Case-Law‹-Rechtstradition sind etwa die USA, Großbritannien, Kanada und Australien (vgl. Baetge/Kirsch/Wollmert/Brüggemann 2007, Kap. II, Rn. 1 ff.; Pellens, B./Fülbier, R. U./Gassen, J./Sellhorn, T. 2008, S. 33 ff.). Die RL in diesen Ländern ist dynamisch ausgerichtet und wird tendenziell häufiger geändert. Um veränderte geschäftliche Rahmenbedingungen zu berücksichtigten, wird die RL daher kontinuierlich regelbasiert fortentwickelt. Die angelsächsische ›Case-Law‹-Rechtstradition hat zur ständigen Fortentwicklung der International Financial Reporting Standards (IFRS) durch den International Accounting Standards Board (IASB) geführt. Bei diesem Entwicklungsprozess ist die Fair Value-Bewertung immer stärker in den Fokus genommen worden. Dabei sind vor allem der sog. Mark-to-Model-Bewertung immer breitere Anwendungen eröffnet worden. Die zunehmende Komplexität innerhalb der IFRS hat zudem dazu geführt, dass die JA-Adressaten zum Teil offenbar nicht mehr in der Lage waren, JA-Informationen effektiv zu analysieren (vgl. Gassen, J. 2009, S. 93).

 

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Stand: EL 09 – ET: 12/2010

Durch die Globalisierung der Finanz-, Produktions- und Absatzmärkte erschien die historisch bedingte Unterscheidung zwischen der Bilanzierungsfortentwicklung auf Basis des romanisc...

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