| Jahresabschluss & Bilanzierung

EU-Reform der Abschlussprüfung

Bilanz Check-up, Teil 6: Im September 2011 gelangte ein Papier aus dem Binnenmarktkommissariat an die Öffentlichkeit, nach dem umfassende Veränderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen für die Abschlussprüfung geplant sind. Die im entsprechenden Grünbuch veröffentlichten Ziele der EU-Kommission fanden hier ihre Fortsetzung.

Am 13.10.2010 hat die EU-Kommission das Grünbuch „Weiteres Vorgehen im Bereich der Abschlussprüfung: Lehren aus der Krise“ (KOM (2010) 561) veröffentlicht. Ziel der EU-Kommission ist es, eine Grundsatzdiskussion über Ziele, Gegenstand und Umfang gesetzlicher Abschlussprüfung zu entfachen. Unter Hinweis darauf, dass der Status Quo keine Option für die Kommission darstelle, wurden im Grünbuch insgesamt 38 Fragen gestellt, mit denen die interessierte Öffentlichkeit aufgerufen wurde, Stellung zu den Reformvorhaben zu nehmen. Am 4.2.2011 wurde eine Zusammenfassung der insgesamt 688 eingegangenen Stellungnahmen veröffentlicht. Danach äußerte sich die Mehrheit der am Konsultationsprozess Beteiligten tendenziell ablehnend gegenüber den einzelnen Vorschlägen.

Im September 2011 gelangte ein Papier aus dem Binnenmarktkommissariat an die Öffentlichkeit, nach dem weiterhin tiefgreifende Markteingriffe sowie umfassende Veränderungen der regulatorischen Rahmenbedingungen geplant sind, die sich bereits im Grünbuch abzeichneten:

  • Externe Rotationspflicht nach neun Jahren bei Abschlussprüfungen kapitalmarktorientierter Unternehmen.
  • Generelles Verbot der gleichzeitigen Prüfung und Beratung bei einem Mandanten.
  • Generelles Beratungsverbot, falls ein Prüfungsunternehmen mehr als 1,5 Milliarden EUR mit Prüfungsleistungen und davon mehr als ein Drittel mit kapitalmarktorientierten Unternehmen verdient.
  • Verpflichtende Gemeinschaftsprüfungen bei kapitalmarktorientierten Unternehmen mit einer Bilanzsumme über 1 Milliarde EUR, wobei mindestens ein Prüfer nicht zu den Big-4 zählen darf.

Am 30.11.2011 hat die EU-Kommission in einem Richtlinien- und – nur für Unternehmen von öffentlichem Interesse relevanten – Verordnungsvorschlag ihre Vorschläge bekannt gemacht. Für Unternehmen im öffentlichen Interesse beinhaltet der Vorschlag insbesondere folgende Neuerungen gegenüber der derzeit geltenden Rechtslage:

  • verpflichtende Rotation der Prüfungsgesellschaften nach maximal sechs, bei Joint Audits neun Jahren, gefolgt von einer Cooling-Off-Periode von vier Jahren, d. h. die Prüfungsgesellschaft darf erst nach Ablauf von vier Jahren beim gleichen Unternehmen tätig werden,
  • Vorgaben für ein ordnungsgemäßes Verfahren zur Ausschreibung von Prüfungsleistungen,
  • Verbot der Erbringung von prüfungsfremden Leistungen für das geprüfte Unternehmen, dessen Muttergesellschaft und die von diesem beherrschten Unternehmen,
  • generelles Verbot der Erbringung von prüfungsfremden Leistungen an alle Unternehmen von öffentlichem Interesse für Prüfungsgesellschaften, deren Jahreseinnahmen aus der Abschlussprüfung zu mehr als einem Drittel von Großunternehmen von öffentlichem Interesse stammen und die einem Netzwerk angehören, dessen Mitglieder in der EU zusammengenommen jährliche Prüfungseinnahmen von mehr als 1.500 MEUR verzeichnen.

Ferner soll es den europäischen Prüfungsgesellschaften mittels eines europäischen Passes ermöglicht werden, europaweit tätig zu werden. Die Koordination der Prüferaufsicht in der EU wird ESMA übertragen.

Praxishinweis

Es bleibt abzuwarten, wie der weitere Reformprozess verlaufen wird. Es kann derzeit nicht verlässlich abgeschätzt werden, welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, da ein entsprechendes Gesetzgebungsverfahren vom EU-Parlament beschlossen werden müsste. Dieses äußerte sich bisher zurückhaltend, teilweise sogar ablehnend zu den Vorschlägen der Kommission.

 

Dieser Bilanz Check-up ist Teil einer Serie, die die Entwicklungen der Rechnungslegung des Jahres 2011 in den Blick nimmt. Sie ist entnommen aus dem von WP/StB Prof. Dr. Peter Wollmert und WP/StB Prof. Dr. Peter Oser und einem Expertenteam von Ernst & Young verfassten Bilanz Check-up 2012, der am 20.1.2012 bei Haufe erschienen ist.

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